Eröffnungspressekonferenz der Buchmesse

"Diese Messe ist eine Feier für alles, was mit Büchern zu tun hat"

6. Oktober 2026
Redaktion Börsenblatt

Ein erstes Highlight der Frankfurter Buchmesse setzte die US-Historikerin und Pulitzer-Preisträgerin Jill Lepore bei der Eröffnungspressekonferenz – und am Ende gab es eine Überraschung für Messedirektor Juergen Boos. 

Jill Lepore bei der Eröffnungspressekonferenz der Frankfurter Buchmesse 2026

Jill Lepore bei der Eröffnungspressekonferenz der Frankfurter Buchmesse 2026

Der Weg zur Eröffnungspressekonferenz auf der Dialogue Stage in Halle 4.0 führte über die betriebsame Agora, wo Stände aufgebaut wurden und zahlreiche Lkw nebeneinander standen. Der Endspurt vor dem Messebeginn am Mittwoch. 

Drinnen begrüßte Torsten Casimir, Sprecher der Frankfurter Buchmesse, die zahlreichen Gäste und Kamerateams. Los ging es mit einem kurzen Trailer mit Impressionen vergangener Buchmessen. Dann stellte Casimir das Programm der Veranstaltung vor, berichtete, dass Jill Lepore, US-amerikanische Historikerin, Autorin und Pulitzerpreisträgerin, erst vor wenigen Stunden mit ihrem Flug aus Boston in Frankfurt gelandet war. Ihre Keynote bildete den Auftakt des Messeformats Frankfurt Calling.

Sebastian Guggolz bei seiner Ansprache am Pult

Sebastian Guggolz bei seiner Ansprache

Als erster ans Pult trat Sebastian Guggolz, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels: "Wie geht's, wie steht's, was macht die Liebe", begann er seine Rede. Das frage ihn sein Vater immer, wenn sie sich länger nicht gesehen hätten. Das gleiche gelte auch für die Frankfurter Buchmesse. Es gebe nach wie vor eine Begeisterung fürs Buch, aber die Zahl der Liebhaber:innen mache Sorgen. Ebenso wie die sinkende Lesekompetenz.

Guggolz rückte die Bedeutung von Büchern in einer polarisierten Öffentlichkeit in den Mittelpunkt: "Die bedeutenden Gegengewichte zu den Lautsprechern unserer Gegenwart und zum Bekenntniszwang sind und bleiben: die Bücher." 

 

"Frankfurt leuchtet"

Juergen Boos, Direktor der Frankfurter Buchmesse, erzählte zunächst von einem Besuch mit Vertretern des Gastlands Tschechien in einem Frankfurter Restaurant. Dort hätte der Wirt von der Buchmesse geschwärmt: "Frankfurt leuchtet". Dann wurde es ernster: Er habe in englischen Zeitungen Branchenmeldungen gelesen, dass Leute Schutzhüllen für ihre Bücher kaufen könnten, um in der Öffentlichkeit zu verbergen, was sie lesen. "Das sagt viel über unsere Zeit", so Boos. Selbst in demokratischen Ländern verändere sich das Klima. Viele seien vorsichtiger, zu sagen, was sie meinen.  

Boos sprach über die Freiheit des Publizierens: "Publikationsfreiheit entscheidet darüber, welche Geschichten heute noch erscheinen können. Welche Perspektiven Menschen erreichen. Und welche Gespräche eine Gesellschaft führt." Fragte angesichts KI: "Wie sichert man den Wert der Werke". Bücher würden von Begegnungen leben, deshalb pflege und entwickle die Buchmesse Beziehungen weltweit. Auch die kommenden Messetage böten Raum und Zeit für Gespräche. 

Schließlich gab er noch als Überleitung zur Keynote-Speakerin eine Buchempfehlung: "Ich fordere Sie auf: Lesen Sie 'We the People' [C.H. Beck; Ü: Werner Roller, Annabel Zettel] von Jill Lepore – öffentlich und ohne Schutzhülle." 

"Unsere Gedanken gehören uns"

Jill Lepore begann ihre Ausführungen auf Englisch (übersetzt von Simultan-Dolmetschern) mit einem großen Lob an die Frankfurter Buchmesse: "Diese Messe ist eine Feier für alles, was mit Büchern zu tun hat." Eine Feier für die Literatur, die Redefreiheit, die Schönheit des Geistes. Sie verband die Freiheit des Lesens und Schreibens mit politischer Selbstbestimmung: "Unsere Gedanken und unsere Worte – und unsere Bücher – gehören uns. Und die Zustimmung zu jedem Regierungssystem oder ihre Verweigerung muss von uns kommen." 

Dabei spannte sie den Bogen bis zur Philosophin Hannah Arendt, die schon in den 1950er Jahren in vor der Macht der Maschinen gewarnt hätte. Arendt hätte sich gefragt, ob Maschinen unser Denken übernehmen könnten. "Dieser Tag ist jetzt gekommen", meinte Lepore. Die liberale Freiheit werde verlassen, die natürliche Welt zerstört, der künstliche Staat drohe. Und die Tyrannei sei mit dem künstlichen Staat verbunden. Die Kunst, Literatur, Gedankenfreit, Demokratie oder gar die Menschheit, wenn wir es glauben wollen, seien gefährdet.

Man könne sich dagegenstemmen, aber: Keine Demokratie könne ohne eine lese- und schreibkundige Gesellschaft gedeihen. Später, bei den Fragen aus dem Publikum, betonte sie, es sei wichtig, sich von dem Hype abzunabeln, der aus dem Silicon Valley kommt. Das seien Leute, die bei Investoren Aufmerksamkeit erregen wollen. Diese Rhetorik müsse man ignorieren.

Dennoch: Die politische Dysfunktion sei aus den Vereinigten Staaten exportiert worden. Das Internet sei unter anarchischen Bedingungen aufgebaut worden, deshalb hätten wir die Social Media, die wir haben. Es drohen Technologien, die in den USA über dem Gesetz stehen. Die Antwort darauf müsse von außerhalb kommen. Viele würden auf die Gesetzesinitiativen in Europa schauen. 

Und für geistige Unabhängigkeit durchs Schreiben und Lesen, dafür stehe die Frankfurter Buchmesse. 

Die Messewoche führt diese Fragen weiter: im internationalen Fachprogramm zu Rechtehandel, Künstlicher Intelligenz, Audio und Buchadaptionen sowie bei Frankfurt Calling, dem kulturpolitischen Programm. Es umfasst 120 Veranstaltungen an elf Orten auf dem Messegelände und in der Stadt.

Am Ende gab es die eingangs als Cliffhanger angekündigte Überraschung: Juergen Boos wurde auf die Bühne gerufen – und mit dem Friedrich-Perthes-Preis ausgezeichnet. Es ist seine letzte Buchmesse als Direktor, danach verabschiedet er sich in den Ruhestand. "Ich verspreche, ich werde weiterhin lesen", versicherte Boos.

Im Ehrengast-Pavillon

Nach der Veranstaltung wurde noch eine Presserundgang durch den Ehrengast-Pavillon Tschechiens angeboten. Hier erste Impressionen:

Eine Bühne im Ehrengast-Pavillon
Bücherpräsentation im Ehrengast-Pavillon
Sitzecke im Ehrengast-Pavillon. Aufblasbare weiße, steinartige Elemente, gelbe Sitzkissen, roter Leuchtturm