Frankfurter Buchmesse 2026

"Finden Sie neue Geschichten, die bleiben"

14. September 2026
Matthias Glatthor

Gut drei Wochen vor Eröffnung der 78. Frankfurter Buchmesse (7.–11. Oktober) wurden auf einer Pressekonferenz die wichtigsten Neuerungen und Highlights des Programms vorgestellt – und es schwang etwas Wehmut mit.

Juergen Boos am Rednerpult

Juergen Boos führt in das Programm der Frankfurter Buchmesse 2026 ein

Die Vorab-Pressekonferenz fand im vierten Stock der Evangelischen Akademie am Frankfurter Römerberg statt: im gut gefüllten Panoramasaal. Das Messeteam gewährte dort einen Ausblick auf die anstehende Frankfurter Buchmesse (7. –11. Oktober). Die zugleich einen Übergang markiert: Für Jürgen Boos ist es nach 20 Jahren die letzte Messe als Direktor. Sein designierter Nachfolger Joachim Kaufmann, seit 1. September Geschäftsführer der Frankfurter Buchmesse, war vor Ort und verfolgte den Termin aus der ersten Reihe. Die jetzige Buchmesse werde Boos noch vollständig und allein verantworten, betonte Sprecher Torsten Casimir bei seiner Begrüßung. Und dann: "Juergen, your stage!"

So schwang etwas Wehmut mit, als Juergen Boos ans Pult trat, ohne Sakko (ein Malheur mit einem Nusstörtchen am Eingang war schuld): "Das ist erste Mal ohne Sakko, und zugleich das letzte Mal", erklärte Boos. Er werde es vermissen. Boos setzte gleich zu Beginn den Ton: In einer Zeit, in der Aufmerksamkeit "umkämpft" sei und Plattformen sowie Algorithmen Sichtbarkeit mitbestimmen, müsse sich die Branche neu fragen, wie Geschichten ihr Publikum finden. Die Buchmesse, so Boos, antworte darauf mit dem, was sie seit jeher ausmache: Begegnungen zwischen Autor:innen, Übersetzer:innen, Verlagen, Buchhandel, Medien und Publikum schaffen – über Sprachen und Märkte hinweg.

2026 gebe die Buchmesse diesen Begegnungen eine neue Ordnung. Dadurch würden Fachbesucher:innen ihre Branchenkontakte schneller finden, Leser:innen ihre Genres. "Orientierung schafft Zeit", so Boos.

Geschichten würden heute auch anders erzählt, in Filmen oder Games, auch das finde man auf der Buchmesse. Und er hob Übersetzungen als Voraussetzung dafür hervor, dass Literatur Grenzen überschreitet. Sprache verbinde und Sprache trage Verantwortung. "Geschichten reisen weit, am Ende finden sie ihr Ziel", fuhr Boos fort: "Kommen Sie nach Frankfurt, und entdecken Sie neue Geschichten, die bleiben."

Klarere Orientierung: Hallen bekommen Profile

Zu den wichtigsten Veränderungen zählt eine neu zugeschnittene Hallenplanung, den Ines Bachor, PR-Mangerin der Buchmesse, im Anschluss vorstellte. Der B2B-Teil – insbesondere Rechte- und Lizenzgeschäft – wird stärker in den oberen Ebenen gebündelt; das Publikumsprogramm konzentriert sich auf der Erdgeschossebene rund um die Agora. Krimi, Romance, Fantasy und weitere Genres erhalten deutlich erkennbare Orte. Ziel: kürzere Wege, bessere Orientierung und am Wochenende ein "riesiges Literaturfestival" für Besucher:innen.

Mehr Programmflächen: Zehn Messebühnen, zwei neue Stages

Die Messe baut zudem ihr Eventangebot aus: Jede Halle erhält eine eigene Bühne, insgesamt sind es zehn Buchmesse-Bühnen. Hinzu kommen Bühnen von Partnern und Medien, darunter die Literaturbühne von ARD, ZDF und 3sat, die Leseinsel der unabhängigen Verlage und das Zentrum Wort.

Neu sind dabei zwei Event-Orte, die "auch programmatisch die Messe neu prägen werden", so Bachor:

  • eine Matsuri Stage mit japanisch inspiriertem Bühnen- und Musikprogramm,
  • eine LatAm Stage, die an "50 Jahre Lateinamerika-Schwerpunkt" anknüpft und bereits das künftige Gastland Chile sichtbar macht.

40 Jahre Frankfurt Rights Meeting

Den B2B-Kern der Messe bildet weiter der internationale Rechtehandel. Das Frankfurt Rights Meeting feiert 2026 seinen 40. Geburtstag – mit dem Anspruch, mehrere Generationen von Rechteprofis zusammenzubringen. Parallel wachse die Schnittstelle zu anderen Medien: Book-to-Screen und Book-to-Game sollen den Austausch zwischen Verlagen, Produzent:innen und Games-Branche ausbauen. Dass Stoffe heute über Film, Streaming oder Games neue Zielgruppen erreichen, sei längst auch ein Thema für den Rechtehandel.

"Frankfurt Calling": Debattenprogramm mit internationalen Stimmen

Das kulturpolitische Programm "Frankfurt Calling" bündelt Diskussionen zu Gegenwartsfragen – von Demokratie und digitalem Zeitalter bis zu KI, Wahrheit und Bildung. Genannt wurden unter anderem die US-Historikerin Jill Lepore als Eröffnungsrednerin, außerdem Robert Habeck, Carolin Emcke, Gisèle Pelicot, Philippe Sands und Wolf Biermann, der in diesem Jahr seinen 90. Geburtstag feiert. Insgesamt sind über 70 Events auf sieben Bühnen und in der Stadt angekündigt.

Prominenz aus Literatur, Film und Wissenschaft 

Natürlich werde auch diese Buchmesse wieder ein Stelldichein großer Namen. Persönlichkeiten wie Colson Whitehead, Radka Denemarková, Jenny Erpenbeck, Yang Shuang-zi, Volker Schlöndorff, Axel Scheffler, Cornelia Funke, Nele Neuhaus, Caroline Wahl, Frauke Brosius-Gersdorf und Mariana Mazzucato reisen nach Frankfurt.

Modell des Pavillons

Modellansicht des Ehrengast-Pavillons (abfotografiert vom Display)

 

Gastland Tschechien: "Ein Land an der Küste"

Ehrengast 2026 der Frankfurter Buchmesse ist Tschechien. Das Motto "Ein Land an der Küste" spielt auf Shakespeares "Wintermärchen" an – eine Küste, die nicht geografisch, sondern literarisch existiert, erläuterte Simone Bühler, Leiterin des Ehrengast-Programms der Frankfurter Buchmesse, die mit einem "Ahoj!" einstieg. Tschechien liege an der Küste der Weltliteratur.

Rund 95 deutschsprachige Verlage bringen tschechische Autor:innen in Übersetzung und Bücher zu Tschechien heraus, wusste Bühler. Insgesamt werden es mehr als 150 Neuerscheinungen zwischen Sommer 2025 und Winter 2026 sein.  45 Verlage aus Tschechien sind auf der Messe rund um den tschechischen Gemeinschaftsstand (Halle 3.1. C65) vertreten, etwa 75 Autor:innen und Illustrator:innen reisen an. Viele Bücher seien im Original erst in den letzten Jahren erschienen, so Bühler weiter, und gewähren somit einen aktuellen Blick auf die tschechische Literatur, von queeren Themen bis Comics. Mit rund 100 Veranstaltungen und zehn Ausstellungen sei es das größte Literaturfestival des Landes, das jemals außerhalb Tschechiens stattgefunden habe.

Der Ehrengast-Pavillon setze auf eine inszenierte "Küstenlandschaft" mit Leuchtturm, aufblasbaren Elementen, Projektionen, interaktiver Ausstellung, einem tschechischen Café und einem umfangreichen Programm auf zwei Bühnen an allen Messetagen. Zudem laufen zehn Ausstellungen in Frankfurt am Main.

In der Fragerunde am Ende der Pressekonferenz kam auf: Wie geht die Buchmesse mit der Kritik an der aktuellen, rechtspopulistischen tschechischen Regierung um? Boos verwies auf die "DNA" der Messe als Ort des Diskurses – Literatur solle Spiegel gesellschaftlicher Entwicklungen sein.

Communitys, Audio, Crime: Publikumsmagnete werden ausgebaut

Neu und ausgebaut werden Erlebnis- und Community-Bereiche für die Publikumstage (9.–11. Oktober): Romance/Romantasy, Fantasy, New Adult, Crime World (mit Mitmachaktionen) sowie ein erweitertes Audio-Areal mit Studios für Live-Produktionen von Podcasts, Hörbüchern und Hörspielen.

Die neue Community Stage bietet Gespräche und interaktive Formate zu Fantasy, Gaming und Popkultur. Im Meet-the-Author-Areal auf der Agora haben Lesefans die Chance auf ein Treffen mit ihren Lieblingsautor:innen.

Im vorigen Jahr war das Meet-the-Author-Areal noch in der Festhalle, diesmal wieder – wie 2024 – auf der Agora. Warum? Das sei unter anderem dem Faktor geschuldet, erläuterte Casimir, dass in diesem Jahr aus baulichen Gründen Halle 6 nicht belegt werden könne. Räumliche Verschiebungen waren die Folge. Andererseits sei die Agora in diesem Jahr sowieso sehr belebt. "Wir glauben, es ist der beste Bereich für das Areal", ergänzte Boos, und die Lenkung der Besucherströme werde wesentlich besser werden als wie vor zwei Jahren. "Auch wir haben gelernt." Bleibt nur zu hoffen, dass die Signierschlangen nicht im Regen stehen müssen.

Manga, Cosplay und japanische Popkultur (Halle 4.0) erhalten erstmals auf der erwähnten Matsuri Stage (Halle 4.0, draußen) einen eigenen Schwerpunkt. Das Kira Kira Pop Art Event (Halle 4.1) lädt zu Zeichenkursen und Mitmachaktionen ein; Künstler:innen aus Japan und Deutschland treten auf. Tägliche Cosplay-Wettbewerbe bringen Kostümkunst und literarische Figuren auf die Bühne.

Kinder- und Jugendmedien finden auf der Imagination Stage (Halle 4.0) einen neuen zentralen Ort. Das Frankfurt Kids Festival wird am Messewochenende um Lesungen, Zeichnen und Mitmachaktionen erweitert. In der neuen Screen World (ebenfalls Halle 4.0) können Familien Kinderfilme und Literaturadaptionen im Kino-Ambiente ("mit Plüschsesseln sowie Popcorn", so Ines Bachor) sowie Filmgespräche erleben.

Beste Literaturadaption

Volker Schlöndorffs Verfilmung von Jenny Erpenbecks Roman "Heimsuchung – Eine Jahrhundertgeschichte" wird im Rahmen des Hessischen Film- und Kinopreises 2026 mit dem "Preis der Frankfurter Buchmesse für die beste Adaption" ausgezeichnet. Am Book-to-Screen-Day (9. Oktober) sind unter anderem Schlöndorff und Erpenbeck zu Gast. Überhaupt sei das ganze Filmthema für die Buchmesse sehr wichtig, bekräftigte Boos auf der Pressekonferenz, man sei auf den wichtigsten Filmfestivals zum Netzwerken unterwegs.

Steter Wandel

Messedirektor Boos ordnete den Wandel ein: Die Messe erfinde sich jedes Jahr neu, sie sei "nicht eine Messe, sondern viele" – und das Publikumsthema – eine Fragerin hatte angemerkt, das die Buchmesse immer mehr von einer literarischen Messe zu einer Publikumsmesse werde – sei auch eine Antwort auf sinkende Lesekompetenz (wie die aktuelle PISA-Studie gezeigt habe): Wer Menschen übers "Fan-Sein" zum Lesen bringe, stärke langfristig den Diskurs. Lesen von längeren Texten sei wichtig, "das werden wir weiter fördern", betonte Boos. Eine Konstante der Buchmesse sei die Idee der Begegnung. 

Ausstellerzahlen wurden noch nicht genannt. Verlässliche Zahlen gebe es erst am Messefreitag, entgegnete Torsten Casimir auf eine diesbezügliche Frage aus dem Publikum. Aber man sei in etwa auf Vorjahresniveau. Der Rechtebereich wachse seit zehn Jahren, ergänzte Boos. Er habe dieses Jahr wieder einen Sprung gemacht. 

Feiern gehört dazu

Partylaune verspricht nicht nur die Young Voices Night am Messedonnerstag ab 20 Uhr im 2og:dornhof im Frankfurter Stadtteil Bockenheim. Erst mit Lesungen und dann übernehmen DJs die Turntables, machte Ines Bachor neugierig auf einen Besuch. Das Motto laute: "Come at 8, stay late!"

 

Fakten zur Frankfurter Buchmesse im Überblick:

  • Das gesamte Publikumsprogramm findet erstmals ausschließlich auf der Hallenebene 0 statt. Dadurch werden die Wege kürzer und Bühnen sowie Themen lassen sich leichter entdecken. Gleichzeitig sollen so mehr Möglichkeiten für Begegnungen mit Autor:innen und anderen Kulturfans entstehen.
  • Das Wochenend-Publikumsprogramm beginnt schon am Freitag. Einlass für das Privatpublikum ist am 9. Oktober ab 11.00 Uhr. Messeschluss: Sonntag, 11. Oktober, 17.30 Uhr. Für das Fachpublikum öffnet die Messe bereits am Mittwochmorgen.
  • 534 Veranstaltungen auf den offiziellen Buchmesse-Bühnen – von Markt- und Praxisthemen über Kulturpolitik bis hin zu Community-Angeboten. (Stand: 14. September).
  • Insgesamt sind auf den FBM-Bühnen 420 Stunden Programm geplant. (Stand: 14. September)
  • Über 1.000 Speaker:innen – Autor:innen, Verlagsleute und andere Expert:innen – sind am Buchmesse-Bühne-Programm beteiligt. (Stand: 14. September) 

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