Zwiesprache mit Václav Havel

"Havel's Place" im Frankfurter Metzlerpark eingeweiht

5. Oktober 2026
Matthias Glatthor

Hinsetzen, innehalten, nachdenken: Dazu lädt "Havel's Place" ab sofort im Frankfurter Metzlerpark ein. Am 5. Oktober, Václav Havel hätte an dem Tag seinen 90. Geburtstag gefeiert, wurde die Installation eingeweiht. Ein toller Auftakt zur Buchmesse-Woche mit dem Gastland Tschechien.

"Havel's Place" im Metzlerpark

"Havel's Place" im Metzlerpark

Wahrheit und Liebe müssen über Lüge und Hass siegen!

Das berühmte Zitat von Václav Havel ist zweisprachig in die Messing-Tischkante eingraviert

Wie es sich für einen Geburtstag gehört, war der 5. Oktober ein sonniger Tag im einladenden Metzlerpark, der am Museumsufer in Frankfurt am Main zwischen dem Museum für Angewandte Kunst und dem Museum der Weltkulturen liegt. Und es hatte sich eine staatliche Anzahl an Gästen zur Einweihung von "Havel's Place" eingefunden.

Das Kunstwerk "Havels’s Place" besteht aus zwei Stühlen, gefertigt aus Holz und patiniertem Messing, die sich an einem kleinen, runden Tisch gegenüberstehen. Mitten durch den Tisch wächst eine Esskastanie. Und für was stehen die grünen Aufsätze und roten Herzen an den Lehnen? Ganz einfach: Václav Havel nutzte einen grünen und einen roten Stift, mit dem grünen unterschrieb er – und in Rot malte er ein Herz daneben.

Frankfurts Oberbürgermeister Mike Josef wusste bei seinem Grußwort zu berichten, dass es einen "Havel's Place" rund 60 Mal weltweit gibt – und nun ist einer in seiner Stadt hinzugekommen. Havel habe als erster Präsident der Tschechischen Republik für Aussöhnung gestanden, Debatte und Diskurs waren Ausdruck seiner Philosophie. "Was bietet es schöner an, als dieser Platz im wunderschönen Metzlerpark", so Josef.

Havel sei innerhalb weniger Wochen vom Dissidenten zum Präsidenten geworden (er war auch letztes Staatsoberhaupt der Tschechoslowakei). Eine Biographie wie die von Havel zeige einerseits, was es bedeute, sich in einem autoritären Regime für Werte wie Menschenrechte und Demokratie einzusetzen, andererseits zeige sie auch, welche Gestaltungskraft die Demokratie habe. Ein Lebenslauf wie der von Havel sei nur in einer demokratischen Gesellschaft möglich.

Mit Blick darauf, meinte Josef: "Wir dürfen Debatten nicht künstlich verengen." Weitsicht sei etwas Wesentliches in der Politik. "Weitsicht ist auch etwas, für das die Buchmesse steht." Man müsse in der Debatte auch anerkennen, dass der andere Recht haben könnte.

Politische Entscheidungen seien menschengemacht. Havel zeige, dass wir am Ende des Tages alle eine Entscheidung haben, ob wir für das Gute oder Böse stehen. Die zukünftige Geschichte liege in unserer Hand.

Probesitzen: Vorn (v.l.): Frankfurts Kulturdezernentin Ina Hartwig und OB Mike Josef, hinten (v.l.): Tomáš Kubíček, Direktor von CZECHIA 2026, Juergen Boos, Direktor der Frankfurter Buchmesse, sowie Martin Krafl, Programmdirektor von CZECHIA 2026 und ehemaliger Mitarbeiter Václav Havels

Probesitzen: Vorn (v.l.): Frankfurts Kulturdezernentin Ina Hartwig und OB Mike Josef, hinten (v.l.): Tomáš Kubíček, Direktor von CZECHIA 2026, Juergen Boos, Direktor der Frankfurter Buchmesse, sowie Martin Krafl, Programmdirektor von CZECHIA 2026 und ehemaliger Mitarbeiter Václav Havels

"Havel steht für Dialog und Mut"

Kulturdezernentin Ina Hartwig, die zunächst ihren Wehmut bekundete, dass es die letzte Buchmesse für Juergen Boos als Messedirektor sein wird, beglückwünschte ihn zum Gastland Tschechien. Das passe zum Ende seiner Ära. Havel stehe für Dialog und Mut, "was wir heute wieder brauchen können". Zudem stehe "Havel's Place" für den stillen Dialog, die Stille, das Miteinander sprechen werde hier symbolisiert. Und der Geist Europas sei eine Kultur des Dialogs. "Lassen Sie uns diesen Geist pflegen."

"Wir wollen den kritischen Diskurs fördern"

Messedirektor Juergen Boos, der nach der Buchmesse in den Ruhestand tritt, bestätigte seine Vorredner. Das sei genau das, was man mit der Frankfurter Buchmesse wolle: "Wir wollen den kritischen Diskurs fördern." Lesen sei dafür die Voraussetzung. Havel sei auch ein subversiver Denker gewesen, er liebte Frank Zappa, war im Untergrund – und wurde Präsident. "Alles ist möglich." Was Havel und Tschechien auszeichne, sei eine "kritische Leichtigkeit". Das versuche auch die Buchmesse zu erreichen.

Die Installation mache in gewisser Weise den Kern der Buchmesse im Zusammenhang mit dem diesjährigen Ehrengast, Tschechien, am Frankfurter Museumsufer sichtbar: Sie verweise auf die tschechische Literatur, fördere die menschliche Begegnung und stehe für den demokratischen Austausch.

"Von Bänken kann man nie genug haben"

Er sei am Sonntag den Main in Frankfurt entlang geschlendert, sagte Tomáš Kubíček, Direktor von CZECHIA 2026, in seinem Grußwort – und bei sonnigem Wetter seien alle Bänke besetzt gewesen. Von Leuten, die sich unterhielten, küssten, sinnierten. Schließlich habe er eine freie Bank gefunden. Heute komme eine weitere hinzu, zum Hinsetzen, Innehalten, Nachdenken. Sein Rückschluss aus der Beobachtung: "Es ist so schlecht nicht bestellt um die Menschen."

Das Herz an einer Stuhllehne

"Er hat Empathie in die Politik gebracht"

Schließlich ergriff Martin Krafl, Programmdirektor von CZECHIA 2026 und ehemaliger Mitarbeiter Havels, das Wort. Mit 26 Jahren hatte er angefangen für Havel zu arbeiten. Havel sei ein Wahrheitssucher gewesen, habe sich für die Meinungen anderer interessiert und Empathie in die Politik gebracht, so Krafl. Und weiter mit einem Augenzwinkern: "Er wäre heute 90 und würde gern viel Bier trinken."

Krafl machte noch auf eine Neuerscheinung Havels aufmerksam: Seine Notizen von 1977, als er die "Charta 77" mit verfasste. Er hatte sie damals versteckt – und vergessen wo. Erst später tauchten sie im Nachlass eines Freundes auf. Am 21. September ist nun die deutsche Ausgabe erschienen: "Ich habe es irgendwo versteckt. Notizen zum 'Charta-Jahr' 1977" im Mitteldeutschen Verlag. Übersetzt haben Susa Wolfrum und Jana Krötzsch.

Havel und Frankfurt

Václav Havel hatte eine besondere Verbindung zu Frankfurt am Main. Er wurde 1989 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet. Zur Preisverleihung in der Frankfurter Paulskirche konnte er nicht persönlich erscheinen. Sein demonstrativ leer gebliebener Stuhl wurde zum sichtbaren Zeichen seiner Abwesenheit.

Havel war ein überzeugter Europäer, hat sich nach 1989 für die Versöhnung zwischen Tschechen und Deutschen eingesetzt. In einer Zeit, in der das alles andere als selbstverständlich war. In diesen Jahren des Aufbruchs haben auch Frankfurt am Main und Prag 1990 ihre Städtepartnerschaft begründet.

Die Installation im Park von etwas weiter weg aufgenommen

Zur Installation:

"Havel’s Place" ist ein Kooperationsprojekt der Stadt Frankfurt am Main, der Frankfurter Buchmesse und des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels.

Genehmigt und ermöglicht wurde die Installation laut Mitteilung der Stadt Frankfurt von Dagmar Havel, der Witwe Václav Havels und Leiterin der Stiftung "Nadace Dagmar a Václava Havlových VIZE 97". Die Stiftung fördert das Andenken an Havel und setzt sich dafür ein, dass sein Lebenswerk und seine Philosophie fortgeführt werden.

Ausgehend von Prag, Frankfurts Partnerstadt und Václav Havels Geburtsort, sind inzwischen weltweit rund 60 Installationen als "Havel’s Place" entstanden, darunter in weiteren Frankfurter Partnerstädten Tel Aviv-Yafo, Philadelphia und Mailand. Mit dem Standort im Metzlerpark hat das Kunstwerk nun auch einen dauerhaften Platz in Frankfurt.

Entworfen wurde die Václav-Havel-Bank von dem Architekten und Designer Bořek Šípek, einem langjährigen Freund Havels.