Meinung

Über Zustandsbeschreibungen in Antiquariatskatalogen

"Best., etw. ber. u. fl. L. gebr. u. fl. Vorsatzbl. braunfl. u. m. kl. alten hs. Eintrag. Guter Zustand und sehr schöner Einband." Über Zustandsbeschreibungen in Antiquariatskatalogen. Eine Betrachtung von Werner Kohlert.

Überraschend, aber willkommen flattern die Antiquariats-, Messe- und Versteigerungskataloge ins Haus. Zuerst wird nach Desideraten gefahndet, man bleibt aber an Abbildungen hängen, gerät ins träumen über nicht erreichbare angebotene Bücher, wundert sich gelegentlich, woher sie wohl kommen, um endlich den Katalog gründlich zu studieren. Es ist immer das gleiche Ritual. Kürzlich traf der Katalog einer Antiquariatsmesse ein. Als ich ihn beiseite legte, Tage später ihn erneut durchforstete, quer durch alle Anbieter, fielen mir die Zustandsbeschreibungen der Exemplare auf. In der Regel sind sie fachmännisch solide, und man kann sich auf der Grundlage einer detailreichen Beschreibung des Buches ein anschauliches Bild vom Erhaltungszustand des Angebots machen. Es gibt aber auch Beschreibungen ohne Wert, zum Beispiel: "Gutes Exemplar mit kleinen Mängeln." "Nur geringe Altersspuren, insgesamt gut erhalten." "Ungewöhnlich gut erhalten." Ist davon auszugehen, dass antiquarische Bücher gewöhnlich schlecht erhalten sind? So werden Klischeevorstellungen bedient.

Dann gibt es Anmerkungen zum Schmunzeln, mögen sie nun bewusst oder unbewusst entstanden sein: "RDeckel mit dem üblichen sowjet. Zensurstempel. – Sehr selten." "'Organseelenglaube, Eingeweide-Wahrsagung, Zauber mit Eingeweiden, Heilung durch Eingeweide…' Von guter Erhaltung." Ein Buch über einen "Vorläufer des Dixi Klos", einer "beweglichen und nicht stinkenden Abtritts-Grube" aus dem Jahre 1819: "Unaufgeschnittenes, sehr sauberes und frisches (!) Exemplar!"

Modernismen, die sich auch finden, sollten in einem Messekatalog vermieden werden: "Elefanten-Folio. Absolut Neuwertig!"; "insgesamt super erhalten". Auch "Sehr schön erhalten" ist sprachlich nicht korrekt, es sollte schon "gut" heißen. Aber kann man noch von "bester Erhaltung" sprechen, wenn von "bis auf die wenigen angegebenen Knickspuren" die Rede ist? Oder: "Von vereinzelten Fingerflecken abgesehen schönes und sehr gut erhaltenes Exemplar"?

Ärgerlicher sind solche Beschreibungen: "Vorderer Vorsatz mit Knickfalte und Titel etwas gebräunt, sonst, von dem leicht gebrauchten Einband abgesehen, bemerkenswert gut erhalten." "Innen die Seiten sind vereinzelt etwas nachgedunkelt, besonders der fliegende Vorsatz und der Schmutztitel, leider stellenweise leicht stockfleckig. Insgesamt ein sehr gut erhaltenes Exemplar." "Exlibris, Innengelenke angeplatzt, 1 Tafel an eine andere montiert, zu Beginn mit Feuchtrand im Bug, leicht, vereinzelt etw. gebräunt, nahezu fleckenfreies Exemplar." "Das Bezugspapier des Deckels mit kleinen Absplitterungen und Fehlstellen am Rand, Rückdeckel mit altem Namensaufkleber, sonst nur ganz leicht fingerfleckig und ungewöhnlich gut erhalten." "Stärker ber., best. u. fl. Durchgehend gebr. u. stockfl., 1 Vorsatzbl. fehlt, Tit-Bl. tls. lose, ansonsten solider Zustand." "Best., etw. ber. u. fl. L. gebr. u. fl. Vorsatzbl. braunfl. u. m. kl. alten hs. Eintrag. Guter Zustand und sehr schöner Einband." "Buchblock gebrochen, sonst gut erhalten."

Die Beispiele mögen genügen. Abgesehen von fachfremden Begriffen, Sprachverhunzungen und kaum entzifferbaren Abkürzungen sind solche Zustandsbeschreibungen irreführend. Milde ausgedrückt sind sie beschönigend. Der Antiquar hat den Zustand seiner Ware Buch exakt zu dokumentieren, sich aber einer Wertung zu enthalten. Das ästhetische Urteil darüber wird der Käufer selbst fällen.

Werner Kohlert

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15 Kommentar/e

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  • RF Meyer

    RF Meyer

    „Der Antiquar hat den Zustand seiner Ware Buch exakt zu dokumentieren, sich aber einer Wertung zu enthalten.“
    Da steht es wieder, schwarz auf weißem Bildschirmhintergrund. Das Buch ist eine Ware, der Antiquar ein Händler, und seine Wertungen sind unerwünscht.

    Nur mal angedacht, nach so harschen Wörtern mag ich mich garnicht recht dazu auslassen: der Antiquar wäre ein Bibliophiler, der mit dem handelt, was er mag, gar liebt vielleicht, und werten muß er, eben dies innigen Verhältnisses wegen.

    Aber das ist Utopie, wir leben in der Realität, wir sind kleine Rädchen im großen Wirtschaftsgetriebe und haben gefälligst jedes Staubkorn vom Zahnrad fernzuhalten, damit alles, wir und unsere Bücher einbegriffen, nur so vor sich hinschnurrt.

    PS. Damit habe ich die angeführten, zu Recht kritisierten Unfugbeschreibungen nicht in Schutz genommen.

  • Antiquariat Michael Eschmann

    Antiquariat Michael Eschmann

    Warum soll ein Antiquar sich einer Wertung enthalten, wenn er tatsächlich ein schönes Buch beschreibt? Beschreibt er allerdings ein "Wrack" beschönigend, ist dies in der Tat zu kritisieren. Der
    Artikel weist auf der einen Seite auf eine Problematik im Antiquariatsberuf hin, nämlich die Unfähigkeit mancher Kollegen exakt und sachlich zu argumentieren, auf der anderen Seite "wertet" Herr Kohlert selbst, in dem er "Wertungen" dem Antiquar
    untersagt. Ob dies immer im Sinne des Kunden ist? Es ist ein legitimes Hilfsmittel eines jeden Verkäufers sein Verkaufsobjekt vorteilhaft zu bewerben. " Ist davon auszugehen, dass antiquarische Bücher gewöhnlich schlecht erhalten sind? " Zunächst einmal ja, schon wegen des Alters bzw. dem (unschönen) Umgang der Vorbesitzer. Natürlich gibt es "alte" Bücher die "tadellos" erhalten sind, "fast wie neu" (um eine erneute sprachliche Provokation zu starten), dies ist aber eher die Ausnahme als die Regel. Dass ein Händler auf diese "Ausnahme" aufmerksam macht, ist richtig. Im Übrigen macht sich dies auch im Preis bemerkbar. Die unterschiedliche Preisgestaltung geht u.a. auf den unterschiedlichen Erhaltungszustand zurück, der wiederum durch die genaue (wertende!) Buchbeschreibung seinen berechtigten Ausdruck findet.

  • Antiquar + Gebrauchtbuchhändler

    Antiquar + Gebrauchtbuchhändler

    Soll ich jetzt die Hacken zusammenschlagen und laut: JAWOLL!!!! rufen?

    Ja, die Abkürzeritis nimmt überhand manchmal und zeugt von Abgehobenheit udn Arroganz des entsprechenden anbietenden Antiquars, der offensichltich ausschließlich an 'alte Hasen' verkaufen will udnd em es Wurscht ist, ob 'normale' nicht seit Jahrzehnten sammelnde Menschen die Abkürzungen verstehen. Soll'n sie doch - ich halte da nix von.

    'Gutes Exemplar mit kleinen Mängeln' oder 'Geringe Lagerspuren' etc. sind offenbar Beschreibungen, die für meine Käufer ausreichend sind - denn es gibt fast nie Beschwerden oder Rücksendungen. Also werde ich diese Beschreibungen - wo sie mir (MIR!!!) angebracht erscheinen, weiterhin verwenden.

    ..und wenn eine angeblich fachfremde Beschreibung meinem Internet-Kunden hilft, sich das Buch besser vorzustellen, werde ich sie benutzen... Sprachverhunzungen sind Ansichtssache, ein Wort wie 'Super' verwende ich persönlich nicht, stören würde es mich nicht.

    Insgesamt zeigt mir der Beitrag von Herrn Kohlert, dass es einen wirklichen Bruch zwischen den alteingesessenen Antiquaren gibt, die sich nur mühsam an die auch durch Techniken wie Internet veränderte Zeit anpassen können und wollen und jungen, neuen, moderneren Antiquaren gibt, die sich heute im Markt tummeln.

    Ja, manches kann man von den konservativen, hergebrachten Antiquaren lernen, aber die Abwertungen, die man als 'Neuer' sich anhören muß. das im Vorgestern Verharren von vielen Kollegen, die Abwehrreflexe gegenüber jungen Antiquaren, die ihr Fachgebiet eben anders sich erschließen, anders lernen etc. dies und mehr führt zu dem deutlich sichtbare Bruch zwischen Antiquaren von gestern und heute.

    Leider führt das nicht nur zu mehr oder wneiger fruchtbaren Auseinandersetzungen - es ist auch ein Grund für den kleiner werdenden Markt.

    Ich werde auch weiterhin brauchbare Diskussionen verfolgen und mir verwendbare Tips und sinnvolle traditionelle Herangehensweisen übernehmen.

    Auf den belehrenden Ton und die Anmaßung die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben, wie ich sie manchmal erlebe, kann ich verzichten.




  • Loewenberg2008

    Loewenberg2008

    Viele Beispiele im Beitrag sind sicherlich nicht allzu elegant, aber gibt es nicht weit schlimmere Beschreibungen: Schnitt fleckig, OU. mit Mäusefraß / oder auch: Rückenbezug von Silberfischchen weggenagt, Gelenke geplatzt, Deckelränder m. Nässespuren, Buchblock am unteren Rand etwas feuchtwellig ... - offensichtlich haben Kollegen keine Papiertonne in der Nachbarschaft.
    Horst Herkner - Antiquar im Löwenberger Land

  • Redaktion

    Redaktion

    Danke für die Kommentare. Bitte eine nachvollziehbare E-Mail-Adresse in der Eingabemaske hinterlassen (wird nicht angezeigt) – Kommentator Nr. 3! – und möglichst unter richtigem Namen schreiben.

  • Antiquariat Riepenhausen

    Antiquariat Riepenhausen

    überraschend aber willkommen, ja das ist mal eine nette ausdrucksweise für in der regel hochwertige kataloge, die schweiß, mühe, zeit und eine nicht unerhebliche menge an kosten bedeutet haben. mir ist nicht klar wer herr kohlert ist (privatsammler, topsammler, auktionshecht, gelegenheitskäufer, vieleicht einfach nur leser von katalogen??), ich denk es sollte in solchen artikeln die mit kritik nicht spart schon usus sein, klarzumachen welche funktion der kritiker einnimmt. mir macht es zu schaffen, daß hier ziemlich locker einfach mal ein metier durch den kakao gezogen wird, das doch wohl das einzige ist, das dem vermüllungscharakter des internets einhalt gebieten kann. es mag sicherlich stilblüten bei katalogbeschreibungen geben, aber wenn wir das mal mit dem grauen der internetbeschreibungen vergleichen würden, ein tsunami an buchstabenschrott wäre der angemessen vergleich! ich finde diese kritik sehr bei den haaren herbeigezogen. mit freundlichen grüssen volker riepenhausen versandantiquar

  • Bücherhandel-im-Netz

    Bücherhandel-im-Netz

    Zu 5. Redaktion:
    Ich wünsche mir, es würde in solch einem offenen Forum nicht mit verschiedenerlei Maß gemessen. Entweder wird der Wunsch nach Nichtöffentlichkeit einiger Schreiber respektiert und akzeptiert, oder eben grundsätzlich nicht. "Philobiblos" wurde z.B. nicht ermahnt, man kann jedoch nicht unbedingt davon ausgehen, daß jeder Mitleser weiß, wer sich dahinter versteckt.

    Zu 3. Antiquariat und Gebrauchtbuchhändler:
    Wer immer sich dahinter verbirgt - sie/er schreibt mir fast aus der Seele. Jeder einigermaßen betriebswirtschaftlich interessierte Mensch weiß, daß der KUNDE das "A" und "O" des Handels ist. Auf diesen muß ich mich einstellen, auf dessen Wünsche und Bedürfnisse. Das zeichnet einen guten Händler aus. Er sollte alles daransetzen, sich ständig an sich verändernde Marktsituationen anzupassen, flexibel zu sein, dabei aber durchaus nicht an Niveau zu verlieren. Nur so kann es wirklich gelingen. Tue ich dies nicht, habe ich selbstverständlich auch noch Kunden, die ich begeistern kann und die mich begeistern können. Aber doch in kleinerer Anzahl - und was kommt danach ? Muß ich mich dann nicht irgendwann fragen: Was wollen denn die anderen Buchinteressierten, wie kann ich DIE gewinnen ? Wie kann ich deren Bedürfnisse und Wünsche erfüllen ? Ganz aktuell stellte sich mir genau diese Frage, als mich vor ein paar Tagen ein Kunde anrief, der durchaus als Sammler zu bezeichnen ist, schöne, gutgemachte Kataloge durchaus schätzt, jedoch in letzter Zeit zunehmend auf sämtliche Vorteile des Internets zurückgreift. Ideen, Impulse holt er sich in den Katalogen, wenn er dann aber kaufen will, macht er das ganz anders als früher.

    Zu 6.Antiquariat Riepenhausen.
    Offensichtlich hat der "Buchstabenschrott-Tsumani" gerade München erreicht - und doch tatsächlich alle Großbuchstaben hinweggefegt...:-))

  • Michael Stein

    Michael Stein

    Wir diskutieren hier drei verschiedene Probleme:
    1) Persönliche Wertung/Werbung/Färbung: Finde ich richtig, wenn sie stilistisch dem Genre angemessen ist. Comics und moderne Belletristik können ruhig "super Broschuren" haben, "Alta, voll geile Kupfer" überzeugen die Zielgruppe wahrscheinlich nicht.
    2) Fach-Termini: Auch hier kann man flexibel bleiben, ohne gleich alle Regeln des Antiquar-Handwerks mit Füßen zu treten. Für mich ist jedes Buch ein "gebundenes" Buch (sonst wäre es eine Loseblattsammlung), aber langsam bürgert sich "Gebundenes Buch" neben "Hardcover" für "OPapp" oder "Leinen" oder gar "Leder" ein.
    3) Brutale Abkürzungen: Dazu habe ich im Februar etwas in meinem Blog geschrieben: http://www.antiquariat-stein.de/blog/2009/02/abkue rzungs-wahnsinn/

  • Hans-Joachim Schulz

    Hans-Joachim Schulz

    Wir wollen Bücher verkaufen; wer nicht, so sollte eher eine Bibliothek aufmachen.
    Unter diesem Aspekt ist JEDE Beschreibung, die dem potentiellen Käufer eine Entscheidungshilfe bietet "richtig". Egal ob "super", "angemessen", "sauber" oder "geil"....
    Wen es schüttelt, der kann ja zum "Altantiquar" wechseln.....

  • krämer

    krämer

    "Milde ausgedrückt sind sie beschönigend. Der Antiquar hat den Zustand seiner Ware Buch exakt zu dokumentieren, sich aber einer Wertung zu enthalten. Das ästhetische Urteil darüber wird der Käufer selbst fällen."

    Ich kann nicht erkennen, inwiefern eine beschönigende Beschreibung einer exakten Dokumentation wiedersprechen würde.
    Die exakte Beschreibung enthält auch das ästhetische Urteil des Händlers, und darin mag eine subjektive Komponente enthalten sein, aber es ist nicht ausgeschlossen, daß der Kunde das Werturteil übernimmt, zumal, wenn er selbst zu solch einem Werturteil, inkl. der ästhetischen Komponente, nicht in der Lage ist, oder gerne das anderen überläßt, die als kompetent gelten.
    Die Abkürzungen sind schon in Ordnung, nur sollte daraus keine Geheimwissenschaft gemacht werden. Z.B. das "fl.", warum wird nicht stattdessen "fleckig" geschrieben.. Weil, "fleckig" hat eine Igitt-Komponente, die dem "fl." fehlt. Man tut so, als ob es den Fleck nicht gäbe, vorausgesetzt, er ist wirklich unwichtig, und so ist es in sehr vielen Fällen, in anderen Fällen nicht, aber wie sollte es möglich sein, mit der Beschreibung das exakt abzubilden, wo ein Händler nicht wissen kann, wie speziell ein Kunde auf einen Fleck reagiert. So was weiß man nicht. Eine Beschreibung "fl." kann natürlich nicht ein gutes Foto oder direkte Begutachtung des Fleckes, oder der Fleckigkeit ersetzen, aber ist ein Hinweis auf einen Makel. Bei Nichtgefallen wird nicht gekauft, oder zurückgeschickt. Viel wichtiger sind die fehlenden Hinweise, z.B. wenn in einer Beschreibung das "fl." fehlt, dann muß das auch stimmen, daher finde ich auch so schwammige Formulierungen wie "geringe Gebrauchsspuren" ungenügend, wenn das Buch bzw. Schnitt, Einband Flecken hat, dann muß das auch gesagt werden, aber besser mit dem "fl.", statt mit "fleckig". Schließlich heißt die Holsteiner Kuh auch gefleckte Kuh, sondern die schwarz-bunte.

  • Roman Heuberger

    Roman Heuberger

    Werner Kohlerts (wer auch immer das sein möge) Kritik ist berechtigt. Allerdings kapriziert er sich auf gedruckte Kataloge. Und das ist sein Denkfehler. Er hat sich in seinen Ausführungen auf möglicherweise tatsächliche Ausnahmen in diesem Medium fokussiert. In Wirklichkeit stammt dieser oft absurde Abkürzungswahn aus der Frühzeit der Internetpräsentation von Antiquaren. Man darf nicht vergessen, daß die ersten, die mit ihren Büchern ins Internet gegangen sind zumeist Antiquare mit langer Erfahrung waren. Sie haben die bis dahin durchaus branchenüblichen und jedem Sammler verständigen Abkürzungen ins Internet übertragen. Weil aber dazumal Speicherplatz knapp war, nahmen die Abkürzungen zu und wurden oft ad absurdum geführt. Mein damaliger Kommentar war "Die Abk. für Abk. heißt Abk."

    Viele Antiquare, die seit Anbeginn ihres Internetauftritts auch heute noch dabei sind, haben niemals Formulierungspflege betrieben, obwohl sie mittlerweile über Speicherplatz verfügen, der sogar noch ausreichend Platz für die eigene Biographie hätte.

    In gedruckten Antiquariatskatalogen, die übrigens wieder vermehrt produziert werden, stelle ich hingegen nur vereinzelt Abkürzungswahn fest. Dies gilt auch für Gemeinschafts- und Auktionskataloge.

    Was aus meiner Sicht allerdings mehr als ärgerlich erscheint, ist die Tatsache, daß im Internet immer häufiger Begriffe auftauchen, die weder im Duden stehen oder sonst noch im Hirn eines denkenden Menschen vorkommen, sondern willkührlich ausgedachte Wortschöpfungen hilfloser Möchtegernantiquare sind, die ein vor ihnen liegendes Buch beschreiben wollen und mit Mühe und Not gerademal erkennen, daß es ein Buch ist. Da ertrage ich noch eher blödsinnige Abkürzungen, da muß ich mir wenigstens nicht noch das ausgeschrieben Wort vorstellen.

  • Thomas Weil

    Thomas Weil

    Wer ist Werner Kohlert?
    Eine durchaus berechtigte Frage.

    Im Vor-Internetzeitalter hätte diese Rechercheaufgabe schon einigen Aufwand ausgelöst. Möglichweise nicht einen so gravierenden, wie z.B. die Fragestellung, wer war B.Traven, aber immerhin.
    Dank Google und Co. ist es heute nur eine Sekundenabfrage um von Herrn Biester (verantw. Redakteur der Beilage "Aus dem Antiquariat") einiges über die Vita des Autors zu erfahren.

    Leider findet sich die Information an einer ganz anderen Stelle, (nämliche hier:
    http://www.facebook.com/group.php?gid=102141168835 &v=wall ) als dort wo es sinnvoll wäre, als kurze Annotation zu obigem Beitrag.
    Aber auch diese "Unterlassungsünde", einen Zweizeiler über den Autor direkt am Ende des Beitrages mitzuliefern, ist wohl der Schnellebigkeit und Beliebigkeit des Mediums Internet und den an keinerlei Regeln gebundenen "User-generated-Content" geschuldet. Es lebe das Netz.

    P.S. Der Kommentator ist kein Antiquar, kein Gebrauchtbuchhändler, lediglich ein amüsiert der Diskussion folgender Leser von börsenblatt.net und gelegntlicher Gebrauchtbuchleser, was hoffentlich keinen negativ konotierten Makel darstellt, anderenfalls bitte ich, das ausgeschriebene Wort geflissenlich zu überlesen und an dieser Stelle gGBL. einzufügen.

  • MaHauAiB (Marcus Haucke, Antiquar in Berlin)

    MaHauAiB (Marcus Haucke, Antiquar in Berlin)

    LdA oder LOB der Abkürzung

    Die Titelaufnahme hat einen formalen Teil und in dem inhaltlichen Teil kann oder soll der Antiquar auch werten. Der formale (Form und Materie) stellt die Buchfakten dar, hier können Abk. die Gewichte richtig darstellen helfen. Gut zeichnen heißt auch hier, weglassen. Beispiel ist das furchtbar langweilige Wort „Abbildungen“ oder das Wort „Frontispiz“ ist so spitzig, daß sich Schreiber wie Leser daran hängenbleiben können und verletzen, daher nur „Frontisp.“ oder „Abb.“ Und so kann sich das Lesen, lesen kommt von aus- oder auflesen, ungehindert auf das Wesentliche konzentrieren. „OHLdr.“ zeigt an, daß es sich um einen einfachen Verlegereinband in Halbleder handelt, hat der Beschreibende etwas Besonderes, wird er ganz natürlich deutlicher werden. (Halbmaroquinband etc. pp.).
    „Ohne Affektation (Hinzutun) sein“, fordert Gracian in seinem 123. Stck des Handorakels, „je mehr Talente man hat, desto weniger affektiere man sie: es wäre die gemeinste Verunstaltung derselben...“ Die Abkürzungen helfen Affektationen zu meiden, „sie blöder inkompetenter Großkotz“ = sieblinG wird fast schon ein Kosewort. Nicht die Abk. in der Zustandsbeschreibung ist das Widersinnige, sondern wenn einer reichen Mangelbeschreibung, in Abk. oder nicht, das immer ausgeschriebene: „schönes Exemplar, in sehr sensationeller Erhaltung“ o.ä. folgt. Würde der Aufnehmer konsequent sein und schreiben, „sch.E.i.s.s.E.“, wäre die Titelaufnahme in sich stimmig. Doch den meisten Antiquaren geht es um Beschönigung. Läsur ist so ein Beschönigungsbeispiel, es wird auch vom coll. Heuberger benutzt, hatte der sich doch zu recht über die trüben Phantasieworte der Kollegen empört. Läsur meint wol eigentlich Läsion, Verletzung, doch Bruch kann es auch heißen und das ist zu hart ausgedrückt, ist ja nur eine kleine Verletzung, eine Blessur, der Antiquar schreibt Läsur - und schon kann das gebrochene Rückrat nur eine Blessur sein. Klarheit ist das dann nicht, eher fischen im Trüben.
    „Je besser man eine Sache macht, desto mehr muß man die darauf verwandte Mühe verbergen“ (Gr123) Die Abkürzungen helfen auch dabei, diese Mühe verbergen. Die Vollkommenheit wird dann als etwas ganz aus unserer Natur Entspringendes erscheinen.
    Dies war eine recht lange Fürbitte für das Abken. oder gegen das widersinnige Hinzutun, Hausgeist Marcus Behmer hat es eingekocht: „IM KLAREN FISCHEN UND DIE FOLGEN TRAGEN“ (die vielen „EN“-dungen hat MB auf Eine reduziert).

  • krämer

    krämer

    Beschönigung ist nicht das gleiche wie Täuschung. Die Beschönigung bedarf der Anerkennung, und kann sie erhalten, während die (bewußte) Täuschung keine Anerkennung erhalten kann.

    Beschönigung ist möglich, weil ein Geschmacksurteil nicht objektiv ist, oder zumindest immer eine subjektive Komponente enthält, über die es nur Übereinstimmung geben muß zwischen Händler und Kunde, aber es nicht ein objektive Allgemeingültigkeit geben muß, die es nicht geben kann.

    Somit ergibt sich die korr. Zustandsbeschreibung, aus der Erfahrung, wie Kunden Bücher bewerten, mit dem Aspekt, daß diese Bewertungen durch Kunden variabel sind, und in einem gewissen Rahmen manipuliert werden dürfen, insofern, als Schönheit über Manipulation grundsätzlich erhaben ist.

  • M.H. Berlin

    M.H. Berlin

    Natürlich dürfen, oder sollen sogar, die Antiquare beschönigen, sollen um Nachsicht bitten, wenn etwas Schönbefundenes Mängel aufweist, nur wenn an jeder Titelaufnahme „Guter Zustand und sehr schöner Einband" angehängt wird, leidet die Glaubwürdigkeit. Die Kohlertschen Beispiele im vorletzten Abschnitt finde ich garnicht so ärgerlich, es fehlen die Titel, denn „eines schickt sich nicht für alle“ (Goethe)

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