Meinung: Branchenmarketing

Auf in den Dschungel

Warum die Bücher ins Fernsehen müssen, aber anders als bisher. Von Rutger Booß, Gründer des Grafit Verlags.

Rutger Booß

Rutger Booß © privat

Da konnte die Buchbranche nur neidisch auf die Fernsehquoten schauen: Fast neun Millionen Menschen guckten sich das RTL-»Dschungelcamp« an. Leider, leider ging es dabei aber nicht um Bücher, sondern um gruppendynamisches Auskotzen. Keine Spur von Literatur! Eine total verpasste Chance für die Buchbranche, die sich so nicht wiederholen darf.

Auch eine andere, höchst erfolgreiche Sendung des sogenannten Unterschichtfernsehens (Harald Schmidt) kommt ohne Bücher aus und müsste erst von Spezialisten auf Buchaffinität getrimmt werden. DSDS (»Deutschland sucht den SuperStar« also) bedient die auch für den Buchhandel extrem wichtige, weil dort nicht anzutreffende Zielgruppe junge Leute. Warum immer nur mäßige Gesangstalente? Warum nicht auch mal Superstars, die die »Buddenbrooks« auswendig vortragen können?

Ganz anders der intellektuelle, sich seiner singulären Außergewöhnlichkeit immer selbstgewisse Denis Scheck. Während das Trashfernsehen im Allgemeinen Bücher verschweigt, schmeißt Denis Scheck sie zu mitternächtlicher Stunde in den Müll. Krass, sagen die jungen Leute, wenn der Typ Bücher in den Müll schmeißt, schmeiß ich doch lieber mein Cyberspiel an.

Hilft nichts, wir müssen an die ungeliebten Trashsendungen im Unterschichtfernsehen ran. »Wer lesen kann ist klar im Vorteil!«, heißt es auf Werbepostkarten der Singener Buchhandlung Lesefutter. Abgesehen von einem fehlenden Komma ist die Botschaft voll in Ord-nung. Den Sprüchen müssen aber auch Taten folgen.
Es sollte doch wohl mit ein paar Tricks möglich sein, Bücher in die nächste behütete Urwald-WG einzuschmuggeln. Dann ergäben sich höchst interessante Reak­tionen, die von Hunger gepeinigter Neugier (»Kann man die essen, diese rechteckigen Dinger mit dem faden Geschmack?«) über nacktes Entsetzen (»I, das sind ja eklig viele Buchstaben drin, da muss ich ja kotzen!«) bis zu grundsolider Freude (»Ein gutes Buch – endlich mal Abwechslung von Sarahs dämlichem Psychogequatsche!«) reichen könnten.

Über den jeweiligen individuellen Nutzen der Camper hinaus würden neun Millionen Zuschauer erleben können, dass Bücher im Gegensatz zu Skorpionen nicht beißen, zumindest nicht im eigentlichen Sinn.
Und vielleicht wären die intelligenten und schlagfertigen Moderatoren Sonja Zietlow und Dirk Bach (und nur wegen beider Qualitäten und nicht wegen Mehlwürmer- und Kakerlakenverspeisung guckte man schließlich »    Dschungelcamp«) sogar in der Lage, mit Literatur formidable Ekelerlebnisse zu inszenieren. Greift einfach auf die Ideen von E. A. Poe zurück. Da gibt es genug Grausliches für eine ganze Staffel. Allerdings müsste Denis Scheck als Nachfolger von Urwaldarzt Dr. Bob mitmachen: der Literaturdoktor, dem die Stars vertrauen.

Bleibt noch ein Problem zu lösen: Wie schmuggelt man Bücher ins Dschungelcamp? Man braucht eine Vertrauensperson, am besten einen Dschungelkönigkandidaten, der in die gefährliche Aktion vorab eingeweiht ist. Eine Findungskommission des Verbands muss her. Sie sucht bis
zu den Buchhändlertagen die überlebensstärkste Independent-Sortimenterin oder den überzeugungsstärksten Verlagsvertreter oder den Verlagslektor, der sich vor nichts ekelt. Das sollte doch wohl möglich sein.

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