Veranstaltung

Die Rebellen von damals

Auf der Bühne im Vortragssaal der Deutschen Nationalbibliothek sitzen die Protagonisten im Halbkreis. Von links nach rechts: Klaus Reichert, Peter Urban, Urs Widmer und Karlheinz Braun. In ihrer Mitte Monika Reichert, die für den 2006 verstorbenen Walter Boehlich spricht. Szenisch lesen sie aus ihrem kürzlich erschienenen Buch „Chronik der Lektoren – Von Suhrkamp zum Verlag der Autoren“. VON DANIEL GRINSTED

© Claus Setzer

„Chronik der Lektoren – Von Suhrkamp zum Verlag der Autoren“

„Chronik der Lektoren – Von Suhrkamp zum Verlag der Autoren“ © Claus Setzer

Von links nach rechts: Klaus Reichert, Peter Urban, Urs Widmer und Karlheinz Braun. In ihrer Mitte Monika Reichert

Von links nach rechts: Klaus Reichert, Peter Urban, Urs Widmer und Karlheinz Braun. In ihrer Mitte Monika Reichert © Claus Setzer

Klaus Reichert

Klaus Reichert © Claus Setzer

Urs Widmer

Urs Widmer © Claus Setzer

Peter Urban

Peter Urban © Claus Setzer

© Claus Setzer

Monika Reichert als Stellvertreterin für Walter Boehlich

Monika Reichert als Stellvertreterin für Walter Boehlich © Claus Setzer

Karlheinz Braun

Karlheinz Braun © Claus Setzer

Wie Schauspieler geben sie sich gegenseitig Stichworte, die Sätze fliegen von einem zum anderen. Nach eineinhalb Stunden stehen sie auf, verbeugen sich vor dem voll besetzten Saal. Begeisterter Applaus, einige rufen „Bravo“. Wie es sich für die Gründer eines Theaterverlags gehört.

Deutlich ist zu spüren, dass die gut 200 Besucher nicht nur wegen der gelungenen Lesung klatschen. Es sind Weggefährten, Freunde, Kollegen. Viele waren bei den turbulenten Zeiten Ende der Sechziger in Frankfurt dabei. Während der Veranstaltung gibt es zustimmende Rufe, Gelächter, ungläubiges Kopfschütteln. Mit dem Applaus am Ende zollt das Publikum vor allem der Lebensleistung der Fünf Respekt.

Hervorragend inszeniert und moderiert von Wolfgang Schopf, schildern die ehemaligen Suhrkamp-Lektoren ihre Sicht auf die „Nacht der langen Messer“. Damals, im Oktober 1968, schickten sie Siegfried Unseld einen zweiseitigen Brief, in dem sie dem Verleger sein Auftreten während der Buchmesse vorwarfen. Dem Schreiben lag eine Lektoratsverfassung bei. Diese sah vor, dass alle verlegerischen Entscheidungen von einer wöchentlich tagenden Lektoratsversammlung getroffen werden sollten. Beschlüsse konnten mit einfacher Mehrheit gefasst werden. In diesem Gremium sollte auch Unseld nur eine Stimme besitzen. Obgleich er als Gesellschafter persönlich für zwanzig Millionen Mark haftete. Diese Entmündigung ließ er sich nicht gefallen. Und die Putschisten zogen von dannen.

Ausgelöst von Unselds posthumer Veröffentlichung seiner „Chronik“, die letztes Jahr erschien, legen die fünf Verleger nun ihre Sicht der Dinge dar. Sie tragen abwechselnd die Verfassung vor, deren Formulierungen noch heute für Heiterkeit im Publikum sorgen. Lesen aus Briefen und erinnern sich an Gespräche und ausweglose Situationen. Urs Widmer erzählt, wie er Unseld in der Schweiz absichtlich in den falschen Zug steigen ließ und erntet dafür herzhaftes Lachen. Peter Urban hebt die Bedeutung des Prager Frühlings hervor. Und Karlheinz Braun berichtet von der wutentbrannten Reaktion Unselds auf die „harmlosen“ Forderungen der Lektoren: Er engagierte umgehend einen Rechtsanwalt und fuhr in die Schweiz, um sich mit Max Frisch und Martin Walser zu beraten.

Natürlich wollte man provozieren, geben sie zu. Und beim Lektorieren von Texten, die radikale Demokratie fordern, konnte man schließlich nicht lange unbeeinflusst bleiben. Zwar räumt Reichert ein, dass die Sozialisierung von Suhrkamp nie ihre Absicht gewesen sei. Doch die Spaltung zwischen Unseld und dem „besten Lektorat Deutschlands“ – so Urban – war unausweichlich geworden. Unterstützt von Bazon Brock und Peter Handke machte man sich an die Gründung eines eigenen Verlags. Startkapital: 50.000 Mark. Die Lektoren trafen sich am 8. Februar 1969 in einer Dachwohnung in Bockenheim und proklamierten fünf Tage später den ersten deutschen Verlag auf genossenschaftlicher Basis: den Verlag der Autoren. Erster Sitz war eine ehemalige Zahnarztpraxis im Westend, die man selbst renovierte.

Auch 2011 geht es den Beteiligten um eine Gegenposition – nicht zu Suhrkamp, sondern zu Unselds Version der Ereignisse. Sichtlich bewegt und mit ungebrochener Leidenschaft lassen sie die ideologische Fehde wieder aufleben, präsentieren unterhaltsam ihre Gegen-Chronik. Schade nur, dass nach dieser großartigen Lesung keine Zeit mehr für Diskussionen mit den Rebellen von damals blieb. Gelegenheit hierzu bietet sich jedoch am 15. Oktober ab 11 Uhr im Frankfurter Kunstverein.

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