Fünfte Vorlesestudie der Stiftung Lesen

Jungs profitieren besonders vom Vorlesen

Auftakt zum achten bundesweiten Vorlesetag am 18. November: Heute stellten in Berlin die "Zeit", Deutsche Bahn und Stiftung Lesen eine repräsentative Studie vor, die die Bedeutung des Vorlesens für die kindliche Entwicklung analysiert. 54 Prozent der Kinder und Jugendlichen, denen vorgelesen wurde, greifen später selbst gerne zum Buch.

Die Ausnahme von der Regel: Nur 9 Prozent aller Väter lesen täglich vor

Die Ausnahme von der Regel: Nur 9 Prozent aller Väter lesen täglich vor © granata68 - Fotolia.com

Besonders stark profitierten Jungen vom Vorlesen, und: Je mehr einem Kind vorgelesen wird, desto besser entwickelt es sich, so die Studie.

Es ist die fünfte Untersuchung der Stiftung Lesen im Bereich Vorlesen, und sie bestätigt die defizitäre Vorlesesituation in Deutschland. Entgegen landläufiger Vorstellungen, für was Vorlesen denn wichtig sei, zeigt die die Studie, dass Vorlesen Kindern unmittelbar wie mittelfristig Vorteile bringt. Vorlesen ist nicht "nice to have", sondern ein "zentraler Impuls für die Kompetenzentwicklung in unterschiedlichen Bereichen", so Simone Ehmig, Leiterin des Instituts für Lese- und Medienforschung der Stiftung Lesen.

Für die aktuelle Studie sind 247 Mädchen und 258 Jungen im Alter von 10 bis 19 Jahren nach ihren Vorlese-Erfahrungen befragt worden. Dabei wurde der Bildungsgrad der Mutter berücksichtigt. "Die Studie zeigt überraschend eindeutig, in wie vielen Bereichen sich Kinder, denen vorgelesen wird, anders entwickeln als Kinder, denen nicht vorgelesen wird", erklärte Simone Ehmig, "und zwar nicht nur in ihrem Leseverhalten, sondern auch in ihrer sozialen Kompetenz, ihrem Schulerfolg und ihrer aktiven Freizeitgestaltung." Das zeige sich deutlich in den schulischen Leistungen von Kindern aus Elternhäusern mit einfacher Bildung. "In den Fächern Deutsch und Mathe haben 'Vorlese-Kinder' bis zu 0,4 Notenpunkte bessere Ergebnisse als Kinder, denen nicht vorgelesen wurde", sagte Rüdiger Grube, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bahn AG. Die beiden Fächer vermittelten Basiskompetenzen für die Ausbildungsfähigkeit und den späteren Berufszugang. Als einem der größten Arbeitgeber in Deutschland sei es der Bahn AG ein Anliegen, diese Basiskompetenzen zu fördern.

Ein weiteres Ergebnis der Vorlesestudie ist, dass Jungs, die allgemein deutlich weniger lesen als Mädchen, besonders stark vom Vorlesen profitieren. Regelmäßiges Vorlesen erhöhe die Lesefreude bei Jungen noch mehr als bei Mädchen, so Rainer Esser, Geschäftsführer der Wochenzeitung "Die Zeit": "Und gerade die Jungen müssen in diesem Alter ja aufpassen, dass sie von den Mädchen nicht rapide überholt werden." Der Studie zufolge sagen von den Jungen, denen vorgelesen wurde, 20 Prozentpunkte mehr, dass ihnen Bücherlesen Spaß macht – im Vergleich zu Jungen, denen nicht vorgelesen wurde. Bei den Mädchen beträgt der Unterschied nur neun Prozentpunkte.

Vor allem aber scheint sich Vorlesen positiv auf die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen auszuwirken. So ist laut Studie der Anteil der Kinder und Jugendlichen, die mindestens einmal in der Woche Sport treiben, mit insgesamt 66 Prozent klar höher als bei denen, denen nicht vorgelesen worden ist (55 Prozent. Damit werde das "Klischee des sozial isolierten 'Lese-Nerds' widerlegt", erläuterte Jörg F. Maas, Hauptgeschäftsführer der Stiftung Lesen. Vorlesen sei damit Teil einer ganzheitlichen Erziehung, die Aktivität und Lebensfreude wecke. "Deshalb ist es uns umgekehrt auch so wichtig, Jungen über den Sport zu erreichen und für das Lesen zu begeistern."

Für die Leseförderung wie den Buchhandel nicht unwichtige Ergebnisse:

  • 54 Prozent der Kinder und Jugendlichen, denen vorgelesen wurde, greifen später selbst gerne zum Buch. In der Vergleichsgruppe sind es nur 38 Prozent. Bei den Jungs ist der Unterschied noch größer: 44 zu 24 Prozent. Bei den Mädchen sind es 63 zu 54 Prozent.
  • 73 Prozent der "Vorlesekinder" greifen mindestens einmal in der Woche zum Buch, in der Vergleichsgruppe sind es 63 Prozent (Jungs: 65 zu 54 Prozent, Mädchen: 80 zu 72 Prozent).
  • Die durchschnittliche Lesedauer der Kinder und Jugendlichen, denen vorgelesen wurde, beträgt unter der Woche (montags bis freitags) 45,9 Minuten; in der Vergleichsgruppe sind es nur 33,9 Minuten (Jungs: 36,4 zu 27,8 Minuten, Mädchen: 55,9 zu 40,4 Minuten).
  • Der Anteil der "Vorlesekinder", denen Bücherlesen Spaß macht, sinkt von 58 Prozent bei den Zehn- bis 13-Jährigen auf 51 Prozent bei den ab 14-Jährigen.  Bei den "Nicht-Vorlesekindern" sinkt er von 45 Prozent bei den Zehn- bis 13-Jährigen auf 37 Prozent bei den14- bis 16-Jährigen und noch einmal auf 34 Prozent bei den 17- bis 19-Jährigen.
  • Anstrengend hingegen finden Bücherlesen nur 24 der zehn- bis 13-jährigen "Vorlesekinder" und 19 Prozent der 17- bis 19-Jährigen, während die Prozentpunkte bei den "Nichtvorlesekindern" signifikant steigt: Hier finden 29 Prozent der Zehn- bis 13-Jährigen Bücherlesen anstrengend und gar 43 Prozent der 17- bis 19-Jährigen.

Da Vorlesen von den Initiatoren der Studie als "besonders nachhaltiges Investment in die Entwicklung von Kindern" gesehen wird, organisieren sie am 18. November erneut in ganz Deutschland einen Vorlesetag. An diesem Tag engagieren sich Vorleser in ganz Deutschland, darunter Prominente aus Politik, Kultur, Medien und Sport und lesen vor, auch in Bibliotheken und Buchhandlungen. Zudem fährt ein Lesezug von Berlin nach Hamburg, es gibt Lesungen im Tipi der Deutschen Bahn im Berliner Hauptbahnhof und im Hamburger ICE-Werk sowie eine Lesung mit "Zeit"-Redakteuren im Literaturhaus Hamburg.

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