Börsenverein: Eisbrecher-Tour des Start-up-Clubs

Keine Angst vor Rot, Gelb und Blau

Eisbrecher, die Vierte: Mit rund 60 Gästen war die jüngste Tour-Station in der Stuttgarter Holtzbrinck-Zentrale enorm gut besucht. Besonders erfreulich: der große Zulauf aus klassischen Verlagen, die Kontakte zu Start-ups knüpfen wollten − und gefragte Sparringspartner sind. VON NILS KAHLEFENDT

Sich "permanent in Frage zu stellen", darin sieht Stefan von Holtzbrinck einen zentralen Moment von Innovationskultur. Ebenso wichtig ist für den Verleger, auch aus temporärem Misserfolg die richtigen Lehren zu ziehen – und flexibel zu bleiben. So hat Holtzbrinck Digital das Social Network StudiVZ abgestoßen, als der Kampf gegen Facebook verloren war.

Dass der Konzern keine Scheu vor möglichen Kanibalisierungs-Tendenzen hat, zeigt die Investition in Selfpublishing-Portale wie neobooks (Droemer Knaur). "In einer alternden Republik brauchen wir Leute wie Sie, um die Zukunft der Bildungsgesellschaft zu gestalten", lautete von Holtzbrincks Appell an Deck des in Stuttgart vor Anker gegangenen Eisbrechers. Die Initiative des Börsenvereins, so der Verleger, sei genau deshalb hochwillkommen: "Alte und neue Ökonomie müssen miteinander kooperieren – und voneinander lernen!" 

Lag es an der persönlichen Präsenz des Konzernchefs? Oder an der perfekten Organisation und am Vorab-Trommeln des gut vernetzten Gastgeber-Teams um Diana Baumhauer (Holtzbrinck), Reinhilde Rösch (Landesverband Baden-Württemberg) und Veit Haug, der in der Wirtschaftsförderung Region Stuttgart GmbH den Geschäftsbereich Kreativwirtschaft leitet? Mit rund 60 Gästen war der Eisbrecher-Abend in der Stuttgarter Holtzbrinck-Zentrale jedenfalls enorm gut besucht.

Besonders erfreulich der große Zulauf aus klassischen Verlagen – doch selbst an der Farbe des Namensschilds lassen sich Geschäftsfelder heute nicht mehr eindeutig zuordnen: Mancher Verleger, mache Verlegerin trug neben dem gelben Button auch einen in Blau, der sie als Start-up auswies. "Who’s afraid of Red, Yellow and Blue?" konnte man sich da mit Barnett Newman fragen. Für Börsenvereins-Vorsteher Heinrich Riethmüller, mit grünem Punkt am Revers als Buchhändler kenntlich, musste die Stuttgarter Farbenlehre ein schlagendes Argument pro Verbandsreform sein.

Noch mehr Netze auslegen

Nicht zuletzt zeigte der volle Veranstaltungsraum an der Stuttgarter Gänseheide, dass die Kreativler zu den prägenden Branchen der Region gehören: Rund 10.000 Unternehmen erwirtschaften hier einen Umsatz von annähernd sieben Milliarden. Doch auch im Ländle ist der Strukturwandel spürbar: Allein von 2009 auf 2010 ging das Umsatzvolumen im klassischen Buchbereich um rund 16 Prozent zurück, während die Software- und Games-Industrie im gleichen Zeitraum um 78,5 Prozent zulegte. Umso wichtiger sind Projekte wie das Partnernetzwerk Push! oder Everlab, bei dem künftig auch der Börsenverein mit im Boot sein wird.

"Wer heute an Videos denkt, denkt automatisch an Youtube. Wer künftig an Text denkt, wird an YOUpublish denken." Selbstbewusst sind sie, die Start-ups, keine Frage. Die Unsicherheit in der Branche ist überall groß – in der digitalen Szene scheint das als kreativer Schub zu wirken. Wer wie Andreas Dollmayer schon beim STEP NYC, dem Start-uo & Entrepreneur Programm der Deutsch-Amerikanischen Handelskammer in New York, gepitcht hat, wuppt auch die jeweils fünf Minuten dauernde Präsentation in Stuttgart. Dollmayer betreute zehn Jahre das digitale Produktportfolio bei MairDumont, heute ist der Verlag an seiner 2014 gegründeten Firma beteiligt. Die Selfpublishing-Plattform YOUpublishing startete im Sommer letzten Jahres in fünf Sprachen, inzwischen sucht man, neben weiteren Investoren, vor allem strategische Content- und Reichweitenpartner, um auf deren Datenbasis E-Books automatisiert zu produzieren.

Ein digitaler Lesezirkel stellt sich vor

Auch die anderen zur Präsentation eingeladenen Start-ups strecken ihre Fühler in Richtung Verlagswelt aus: WeWant Germany (Stuttgart) etwa, die im Januar ihren "Digitalen Lesezirkel" bluebulletin gelauncht hat und auf die Beacon-Technologie setzt. Aktuell läuft ein Pilotprojekt in ausgewählten McDonald’s-Filialen mit Titeln aus dem Hause Springer. Die Geschäftsidee eröffnet nicht nur für Gastronomen und Hotels, Retail-Stores oder den Bildungssektor interessante Perspektiven – die Gründer um Oliver Klatt sind überzeugt, dass ihr Lesezirkel auch für Buch-Verlage und -handel innovative Marketing-Ansätze bietet.

Noch in der Entwicklungsphase befindet sich Book:rev, ein Projekt, mit dem sich ein Team junger, zum Teil noch studierender  IT-Tüftler an die Leser von Lehr- und Fachbüchern wendet. Ihr Ziel: Die Vorteile des gedruckten Buchs mit der Schnelligkeit und Flexibilität des Internets zu verbinden. "Es gibt einen klaren Trend in Richtung Social Reading", so Book:rev-Mitgründer Fabian Müller. "Die am Markt befindlichen Lösungen decken bislang jedoch nur elektronische Medien ab.  Momentan interessiert uns vor allem, was Wissenschaftsverlage von unserem Vorhaben halten." Mit der Plattform skoobe, über die sich zu einem festen monatlichen Preis E-Books ausleihen lassen, und lovelybooks präsentierten sich auch zwei unterm Dach der Holding angesiedelte Start-ups.

Sparringspartner gesucht

Dass die abschließende Diskussion nach dem Marathon-Programm vergleichsweise kurz ausfiel, war schade, aber verständlich. Umso intensiver wurde – bei Bier, Wein und Häppchen – gefachsimpelt und genetzwerkt. Förmlich in der Luft lag der Appell an die etablierten Verlage: Seid mutig! Geht auf die heute noch kleinen Start-ups zu! Aktuell sucht der Start-up-Club im Börsenverein neben Kooperationspartnern und Investoren auch Unternehmer aus der Branche, die ihr Wissen als Mentoren an junge Tech-Unternehmen weitergeben wollen. Den Gründern kommt diese Offerte allemal entgegen. Oliver Klatt spricht aus, was viele denken: "Für uns wäre ein Sparringspartner aus der Verlagswelt absolut hilfreich."  

Einen ausführlichen Bericht über den Stuttgarter Abend lesen Sie auf dem Blog zur Eisbrecher-Tour: http://www.eisbrecher-startup.de.

Nächste Eisbrecher-Termine (Anmeldung: startup@boev.de)



    • Köln, 26. Februar, In Kooperation mit: Wolters Kluwer Deutschland
      18 Uhr, Kunstsalon Location, Brühler Str. 11 - 13




    • Wiesbaden, 24. März, Springer Gabler
      Abraham-Lincoln-Straße 46

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