Das Internet der Dinge

Vernetzte Geräte

Im Internet der Dinge rücken reale und virtuelle Welt noch enger zusammen. Für Verlage ergeben sich damit neue Möglichkeiten, ihre Inhalte zu vermarkten. Erste Anwendungen sind Apps für Smartwatches. VON MICHAEL ROESLER-GRAICHEN

Industrie 4.0 heißt der Schlüsselbegriff, den Wirtschaft und Unternehmen heute anführen, um die vierte industrielle Revolution zu bezeichnen. Während die erste und zweite industrielle Revolution auf der Verwendung neuer Energien für die maschinelle und automatisierte Fertigung basierten, setzte mit der dritten, digitalen Industrierevolution die Phase ein, in der die Informationstechnologien Entwicklung, Produktion und Logistik steuern. In der vierten Phase, die ursächlich mit dem Begriff Internet of Things (Internet der Dinge) zusammenhängt, beginnt die Erschließung der Dingwelt durch das Netz. Gerrit Pohl, Senior Evangelist bei Microsoft, spricht von einer »neuen Erschließungsstufe der Digitalisierung, die das Körperliche mit dem Körperlosen via Machine Learning und Netzen verbindet und damit ganz neue Szenarien schafft«.

Gern zitierte Beispiele für Geräte oder Maschinen, die »intelligent« (»smart«) werden, weil sie lernende Systeme sind, die eigenständig Operationen ausführen können, sind Kühlschränke, die Milch und Butter nachkaufen, wenn die Bestände aufgebraucht sind; Waschmaschinen, die dann waschen, wenn der Strom am günstigsten ist; die Gillette-Box, die Ersatzrasierklingen per Knopfdruck bestellt; oder, ein Beispiel, das Pohl nennt, von ThyssenKrupp und Microsoft entwickelte vernetzte Wartungssysteme für Fahrstühle, bei denen Daten über die Microsoft Cloud für Techniker in Echtzeit zur Auswertung vorgehalten werden - auf diese Weise kann die Gefahr möglicher Ausfälle frühzeitig erkannt werden, bevor es zu Problemen kommt.

Intelligente Logistik  
Doch welche Anwendungen könnten für die Content-Industrie und insbesondere für die Buchbranche interessant sein? Denkbar wären etwa sensorgesteuerte smarte Bücherregale in Barsortimenten und Buchhandlungen, die bei abnehmendem Titelbestand Exemplare automatisch nachordern, nachdem sie durch einen Abgleich mit dem Warenwirtschaftssystem ermittelt haben, wie schnell ein Titel abgeflossen ist und wie sich die Umschlaggeschwindigkeit vor-aussichtlich entwickeln wird.

Die spannendste Frage für die Buchbranche ist aber, inwieweit Verlagsinhalte, mit denen das Geschäft gemacht wird, für smarte Anwendungen geeignet sind. Wie können sie im Internet der Dinge neu vermarktet werden, welche Geschäftsmodelle sind denkbar, welche Rolle spielen Daten, Nutzerdaten und Metadaten? Genau um dieses Thema, »Content für das Internet der Dinge«, geht es heute auf der #Akep15, dem Digital-Publishing-Kongress des Arbeitskreises Elektronisches Publizieren im Börsenverein (AKEP) in Berlin.

Ein Feld, für das Verlage erste Anwendungen entwickeln, sind die sogenannten Wearables - tragbare Computer, die meist menschliche Tätigkeiten unterstützen, vor allem smarte Uhren wie die Apple Watch, Datenbrillen von Sony und Google (Google Glass) oder Fitnessbänder. »Wearables wie die Apple Watch legen derzeit das technologische Fundament für eine neue Ära des intelligenten Verlegens von Inhalten und eröffnen Publishern damit ungeahnte Perspektiven des Beziehungsmanagements zu ihren Kunden und Lesern«, schrieb Stefan Huegel, Director Digital Media bei IDG Business Media, neulich im Bookbytes-Blog von boersenblatt.net.

Smartwatch als Einkaufshilfe  
Der Verlag Gräfe und Unzer hat kürzlich sechs Apps der Ratgeberreihe »Schlank im Schlaf« für die Smartwatch kompatibel gemacht. Im Fokus der Konzeption habe dabei die mobile Nutzung mit möglichst geringem Bedienungsaufwand gelegen, sagt Beate Muschler, die bei dem Münchner Verlag die Verlagsleitung Digitale Medien innehat. Jede »Schlank im Schlaf«-App liefert 50 Rezepte, die eine Ernährungsumstellung erleichtern und die Fettverbrennung im Schlaf ankurbeln sollen, und bietet nun Erweiterungen für die Apple Watch: Die Smartwatch misst etwa mit der Timerfunktion die fünfstündige »Schlank im Schlaf«-Pause, die intelligente Einkaufsliste wurde an die Apple Watch angepasst und kann über die Uhr bedient werden. Sie ist automatisch nach Warengruppen, zum Beispiel Gemüse und Milchprodukte, sortiert, und kann durch eigene Einträge ergänzt werden. Per Fingertipp lassen sich gekaufte Artikel abhaken.

Der Ratgeber-Charakter geht durch die Smartwatch-Anwendung nicht verloren, es kommen aber neue Funktionen hinzu: »Die Regel, zwischen den Mahlzeiten fünf Stunden Pause zu machen, ist schon immer Bestandteil des ›Schlank im Schlaf‹-Konzepts und steht als solche auch in den Büchern. Die App übernimmt nun diese Regel und unterstützt den Nutzer durch aktive Erinnerung«, erläutert Muschler.
Gräfe und Unzer sieht bei zahlreichen weiteren Titeln »noch jede Menge Potenzial, sowohl im Kochbereich, wo sich Einkaufslisten und Schritt-für-Schritt-Anleitungen gut eignen könnten, als auch in anderen Themenfeldern wie Fitness und Gesundheit«. Mit dem Onlineportal GU-Balance bietet der Verlag bereits ein erstes Produkt an, das direkt mit Schrittzählern und Bewegungsarmbändern von Jawbone und Fitbit interagiert. Eine weitere Anwendung wäre beispielsweise die Übertragung von Daten aus GU-Apps in Gesundheitsapps der Anbieter wie HealthKit von Apple. »Mit anderen Geräten wie Kühlschränken gibt es derzeit noch keine konkreten Anwendungen, aber wir verfolgen die Entwicklung sehr interessiert«, ergänzt Muschler. Auch wenn vieles noch Zukunftsmusik ist und heute eher kurios klingt, glaubt sie, »dass in dem Thema mehr Potenzial für Verlage steckt, als man auf den ersten Blick denkt«. Das war auch der Grund, weshalb sich der AKEP für das Tagungsthema »Content für das Internet der Dinge« entschieden hat - Muschler ist Sprecherin des Arbeitskreises.

Anwendungen für Smartwatches, Fitnessbänder und weitere Wearables werden auch in anderen Verlagen entwickelt: Delius Klasing stellt auf der #Akep15 einen Reiseführer für Segler vor, dessen Inhalte per automatisiertem Crowdsourcing in ständig aktualisierter Form angeboten werden. Grundlage ist eine Sonarbox, mit der Segler Seekarten und Routen erstellen können. Doch so verlockend das Internet der Dinge auch sein mag - mit seiner Ausbreitung wachsen zugleich die Gefahren: Eco, der Verband der Internetwirtschaft, sorgt sich darum, was mit den enormen Datenmengen geschehen soll, die das Internet der Dinge produziert. In sicherheitsrelevanten Bereichen - etwa bei der Stromversorgung - wächst zudem das Risiko, dass Hacker ganze Infrastrukturen lahmlegen.

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2 Kommentar/e

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  • franz.wanner

    franz.wanner

    Ein "Verlag", der Bücher für eine Uhr anbietet, sollte diese Bezeichnung nicht führen. Er ist entweder spezialisierter Dienstleister oder überqualifizierter Tapetenlieferant.

    (Nachfrage:
    Ist das polemisch, aggressiv und beleidigend?
    Werde ich ja sehen...
    Mag sein, aber da nicht auf oder gegen ein bestimmbares Subjekt gerichtet, wohl eher doch nicht, oder?)

  • 81westley

    81westley

    @franz.wanner nein, keine Sorge, polemisch, aggressiv und beleidigend ist das nicht. Nur bisschen rückwärts gewandt.
    Verlage, die nicht lernen, dass man seine Inhalte nicht nur zwischen zwei Buchdeckel platziert, sondern in Zukunft auch auf anderen Wegen anbieten muss, die werden wohl verschwinden. Klar gibt es Unterschiede zwischen Belletristik und Sachbuch/Ratgebern. Man muss seinen Inhalt dorthin bringen, wo der Leser/Nutzer den sucht.

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