Suhrkamp Letterpress

Das Beste beider Welten

Mit Suhrkamp Letterpress trifft große Literatur auf große Gestalter der Gegenwart. Die neue, von Erik Spiekermann betreute Edition feiert den Buchdruck als Handwerk, das auch in digitalen Zeiten besteht. NILS KAHLEFENDT

Jonathan Landgrebe zeigt eines der neuen Bücher

Jonathan Landgrebe zeigt eines der neuen Bücher © Nils Kahlefendt

Sollten wir tatsächlich ein libidinöses Verhältnis zum Buch unterhalten, dann ist Erik Spiekermanns Druckwerkstatt p98a in der Potsdamer Straße eine Art Viagra-Labor. Wenn der elder statesman des deutschen Grafikdesigns vom Buchdruck schwärmt, während im Hintergrund ein Original Heidelberger Tiegel schnauft, ist es um einen geschehen: Das satte, "richtige Schwarz", die leichte, kaum wahrnehmbare "Lichtkante" am Rand der ins Papier gedrückten Buchstaben, die die Sonne einfängt und "unserem Auge wie Wolle der Haut schmeichelt". Herrgott, mehr davon! Doch: Wer außer ein paar Hundert Hipstern und Hobbydruckern will heute noch kiloschwere Druckschriften aus Blei in die Maschine heben? "Der Buchdruck", meint Spiekermann nüchtern, "ist am Bleisatz gestorben". Für das Projekt Suhrkamp Letterpress will er nun das Beste aus analoger und digitaler Welt zusammenbringen: Sieben herausragende Werke des 20. Jahrhunderts aus dem Suhrkamp-Programm, von Thomas Bernhards "Watten" bis Raymond Queneaus "Stilübungen", werden für diese Kooperation neu gestaltet, gesetzt und von digital belichteten Platten im Buchdruckverfahren auf einem original Heidelberger Zylinder gedruckt. "Post-Digital-Publishing", sagt der Typograf, listig lächelnd.

Exakt geprüft

Exakt geprüft © Nils Kahlefendt

Post-Digital-Publishing

"Die Arbeit am Computer ermöglicht uns typografische Finessen und eine riesige Schriftauswahl, die früher unvorstellbar waren", erläutert Spiekermann. "Die fertig ausgeschossenen Seiten schicken wir vom Computer an den Belichter, der mit Laserstahlen die Polymerplatten bebildert. Ein Magnetfundament fixiert sie dann in der Druckmaschine." Die Farben werden eigens angemischt; handelsübliche Offsetfarben wären, so erklärt Spiekermann, "zu flüssig, zu wabberig". Für den Buchdruck zu adaptieren, was im Offset als Computer to plate üblich ist, war ein durchaus schmerzlicher Lernprozess. "Wir haben anderthalb Jahre gebraucht, um das hinzubekommen. Es hatte ja noch niemand gemacht! Eine kleine Schrauberbude aus Hannover brachte uns dann schließlich den Durchbruch." Der betagte Heidelberger Zylinder in der Adlershofer Werkstatt druckt zwar nicht, wie eine moderne Offsetmaschine, mit 20.000 Touren die Stunde. "Aber wer will und kann Bücher in Auflagen drucken, die solche Geschwindigkeiten rechtfertigen?"

Typograf Erik Spiekermann (links) und Suhrkamp-Verleger Jonathan Landgrebe

Typograf Erik Spiekermann (links) und Suhrkamp-Verleger Jonathan Landgrebe © Nils Kahlefendt

Die Süpergrüp ist mit im Boot

Suhrkamp-Geschäftsführer Jonathan Landgrebe hat Spiekermann kennengelernt, als dieser im Sommer 2014 seine Werkstatt einrichtete. Die Begeisterung war nachhaltig; bald darauf stand Lutz Seiler ("Kruso") an der Kurbel einer der alten Maschinen und druckte Texte und Gedichte von Hand. "Ich glaube, es gibt eine natürliche Nähe von dem, was Erik tut, und dem, worum wir uns als Verlag bemühen. Uns eint der Wunsch nach Qualität – ohne deswegen altertümlich oder bibliophil im herkömmlichen Sinn sein zu wollen." Eine wunderbare Fügung, dass es gelang, die Süpergrüp ins Boot zu holen – ein Kollektiv von sieben herausragenden deutschen Grafik-Designern wie Mirko Borsche, Johannes Erler, Mario Lombardo oder Sarah Illenberger, die weltweit für Industrie-Kunden und Zeitungshäuser arbeiten, sich hier jedoch mit Neugier und großer Lust auf die Gestaltung des alten Leitmediums geworfen haben. "In einer Zeit, wo Texte beliebig reproduziert werden, wo im Internet alles auf Knopfdruck verfügbar scheint", sagt Landgrebe, "ist es wichtig zu verstehen, wie aufwändig und kompliziert es ist, ein gutes Buch zu machen – vom Schreibprozess des Autors bis zur Bindung."

Werbe-Botschaft für das Buch

Den langen Weg zum fertigen Band zeigt Suhrkamp Letterpress in einem kleinen, liebevoll gestalteten Leporello, das jedem der auf 1.000 Exemplare limitierten Bände beiliegt. Sein Motto "Ein Buch ist erst ein Buch, wenn es ein Buch geworden ist" zitiert den Titel eines Aufsatzes des Holländers Hulb van Krimpen. "Angeblich ist heute jeder sein eigener Verleger", knurrt Spiekermann. "Wer aber mal mit 'nem richtigen Lektor oder Gestalter gearbeitet hat, weiß, was für wahnsinnige Qualitätsunterschiede es gibt."

Im Schriftschubladenparadies

Im Schriftschubladenparadies © Nils Kahlefendt

Gerade setzt der Unruheständler in freien Minuten den neuen Krimi von Suhrkamp-Autor Andreas Pflüger ("Endgültig"). "Andreas legt enormen Wert auf den Rhythmus seines Texts – wir gehen jede Zeile durch." Erik Spiekermann ist weder Bilderstürmer noch Sozialromantiker. Aber er will das Wissen um die vielen Gewerke und Kompetenzen, die es zur Herstellung von Büchern braucht, nicht in Vergessenheit geraten lassen. Im Land Gutenbergs eigentlich eine kulturelle Aufgabe. 

Anfassen erlaubt: die Werkstatt ist kein Museum

Anfassen erlaubt: die Werkstatt ist kein Museum © Nils Kahlefendt

"Die Maschinen stehen alle im Museum, geschützt von einer roten Kordel. Bitte nicht berühren! Aber genau das soll man bei uns!" Eine Gelegenheit, die auch von vielen "Digital-Kollegen" gern genutzt wird. Momentan sucht Spiekermann jedoch händeringend einen gelernten Buchdrucker; die letzten ihrer Art wurden in der DDR Ende der 80er ausgebildet, im Westen war schon weit früher Schluss. Vielleicht macht sein Post-Digital-Publishing ja Schule? "Wenn unsere Botschaft für das Buch durchdringt", sagt Jonathan Landgrebe, "wäre das ein toller Erfolg".

Suhrkamp Letterpress

ET 8. September:

  • Walter Benjamin: Berliner Kindheit um neunzehnhundert
  • Thomas Bernhard: Watten: Ein Nachlaß
  • Sylvia Plath: Der Koloss. Gedichte

ET März 2018:

  • Bertolt Brecht: Leben des Galilei. Schauspiel
  • Max Frisch: Montauk. Eine Erzählung
  • Raymond Queneau: Stilübungen
  • Ludwig Wittgenstein: Tractatus logico-philosophicus

Sonderwebsite zum Projekt: www.suhrkamp.de/letterpress (wird laut Verlag voraussichtlich Ende nächster Woche freigeschaltet)

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3 Kommentar/e

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  • Peter

    Peter

    Die Letterpress-Edition von Suhrkamp ist ein tolles Projekt. Suhrkamp sollte aber seine Zielgruppe etwas ernster nehmen. Wer nämlich bereit ist, einen ordentlichen Aufschlag nur dafür zu bezahlen, dass ein Buch im klassischen Buchhochdruck (oder eben Letterpress) hergestellt wurde, der könnte sich evtl. auch ein wenig in der Branche auskennen. Suhrkamp suggeriert im Text (oder ist das der Redaktion zuzuschreiben?), die Bücher würden bei Eric Spiekermann in der Galerie p98a gedruckt. Im gleichen Text taucht aber eine "Adlershofer Werkstatt" auf. Die p98a ist in der Potsdamer Strasse, nicht in Adlershof. Wer nachschaut, findet im Internet die Information, dass der Druck der Letterpress-Edition von der Druckerei "Die Lettertypen" in Berlin (Adlershof) besorgt wird. Einen Original Heidelberger Zylinder in der Potsdamer Straße zu besitzen, heißt noch lange nicht, damit auch Bücher drucken zu können. Es ist nur eine Marginalie, aber sie wirft ein unschönes Licht auf das gesamte Projekt. Zumal vielen (potentiellen) Käufern der Name Spiekermann womöglich gar nichts sagt, das Versteckspiel zugunsten eines vermeintlich gesteigerten Renommees also ins Leere läuft.

  • Nils Kahlefendt

    Nils Kahlefendt

    @Peter: Es kommt sogar noch schlimmer: Die limitierte Ausgabe von je 1000 Exemplaren wurde von der Buchbinderei Müller in Leipzig gebunden, nicht etwa von Erik Spiekermann persönlich. Ja, ich hätte Daniel Klotz (Die Lettertypen, Adlershof) nennen können, hätte dann auch von der Druckerei Heenemann nicht schweigen dürfen, wo die digitalen Proofs entstanden. Und so weiter... Spiekermann "will das Wissen um die vielen Gewerke und Kompetenzen, die es zur Herstellung von Büchern braucht, nicht in Vergessenheit geraten lassen". Ich verstehe, ehrlich gesagt, Ihre Argumentation nicht.

  • Erik Spiekermann

    Erik Spiekermann

    Die ganze Aktion ist eine Zusammenarbeit vieler Menschen und Kompetenzen, wie das bei der Herstellung von Büchern immer schon so war.
    Der OHZ gehört der Lettertypen UG, aber deren Inhaber, Daniel Klotz, ist bei p98a angestellt und der Laserbelichter, auf dem die Polymerplatten belichtet werden, gehört auch p98a. Jan Gassel, unser Digitaldruckexperte, ist ebenfalls Angestellter bei p98a. Wir haben gemeinsam diese Technik entwickelt, Geld und Zeit investiert und alle anderen Partner dazu geholt. Mittelfristig wollen wir alle Maschinen und Gerätschaften an einen Ort bringen, damit niemand mehr daran Anstoß nimmt, dass nicht alles an einem Platz steht. Allerdings wird die hervorragende Buchbinderei Müller nicht aus Leipzig wegziehen.
    Typografie und Satz entstehen hier in der Typografischen Werkstatt, wo neben mir auch Ferdinand Ulrich und Susanna Dulkinys arbeiten und Norman Posselt als Fotograf.
    Den Autor des ersten Bandes, Thomas Bernhard, konnten wir nicht unmittelbar einbeziehen, weil er schon 1989 verstarb.

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