Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik: Grußwort

"Welch ein Glück für die Lyrik!"

Bei der Verleihung des Alfred-Kerr-Preises für Literaturkritik gratuliert Börsenvereinsvorsteher Heinrich Riethmüller der Lyrik - dafür, dass sich jemand wie der Preisträger Michael Braun für diese Literaturgattung einsetzt. 

"Lieber Michael Braun, lieber Hauke Hückstädt in Vertretung von Henning Ziebritzki,
liebe Kolleginnen und Kollegen, meine Damen und Herren,

vor zwei Jahren haben wir an diesem Ort den Alfred-Kerr-Preis dem Dichter und Lyrikkritiker Nico Bleutge überreicht. Ich erinnere mich noch an seine Dankesrede. Darin gab Bleutge sich am Ende selbst einen Wunsch frei – und wünschte sich vom interessierten Publikum den genauen, aufmerksamen, geduldigen Blick auf das Gedicht. Sowie natürlich mehr Platz für Lyrikkritik in den Zeitungen. (Genaugenommen hatte er also zwei Wünsche, aber das ist ja sehr gut, dass Dichter gelegentlich ihre Bescheidenheit überwinden.)

Heute, in Gegenwart des diesjährigen Preisträgers Michael Braun, muss ich sagen: Was für ein Glück für die Lyrik, wenn jemand wie er sich für sie einsetzt! Denn in seinem Fall werden Bleutges Wünsche geradezu übererfüllt. Zum genauen, aufmerksamen und geduldigen Blick auf die deutsche Gegenwartslyrik kommt bei Michael Braun noch hinzu, dass die Poesie so etwas wie sein Projekt auf Lebenszeit geworden ist. Seit Jahrzehnten kümmert er sich um die Dichter und ihre Produktion: Entdeckt. Vermittelt. Ermutigt. Begleitet. Gibt Anthologien heraus. Kennt vermutlich alle ernstzunehmenden Lyriker Deutschlands, Österreichs und der Schweiz. Und wird von ihnen allen gekannt und geschätzt.

Was mich an Michael Braun und seinem Wirken als Kritiker besonders fasziniert, ist die Entschiedenheit und Unbedingtheit seiner Hingabe an diese kleinste und heikelste unter den literarischen Gattungen. Der heute 60-jährige Publizist, der in Heidelberg lebt, hat sich der Gegenwartsdichtung regelrecht verschrieben. Das leidenschaftliche Interesse an Poesie, das während seines Studiums der Germanistik entstand, verfolgt er bis heute unablässig. Ich glaube, dass so enorme Exzellenz und Kennerschaft, mit der uns Michael Braun auf dem Gebiet der Lyrik Überblick und Erkenntnis verschafft, sich überhaupt nur ausbilden kann in einer solchen Kontinuität. Brauns Geduld mit dem Gedicht erstreckt sich, wenn man so will, auf eine komplette Erwerbslebensspanne (wobei das mit dem Erwerb, das weiß jeder, der mit Lyrik handelt, oft nicht weit her ist in diesem prekären Metier).

Wenn es also so etwas wie einen rechtmäßigen, überfälligen Träger des Alfred-Kerr-Preises für Literaturkritik gibt, dann ist es Michael Braun. Ich gratuliere Ihnen, lieber Herr Braun, von Herzen zu diesem Preis! Sie haben ihn sich über mehr als drei Jahrzehnte wahrlich verdient.

Bevor Sie ihn aber in Händen halten werden, hören wir die Laudatio. Die hat Henning Ziebritzki vorbereitet, der neben seinem Hauptberuf als Geschäftsführer im Tübinger Verlag Mohr Siebeck seit vielen Jahren selbst Gedichte schreibt. Er hätte sie auch gern heute gehalten, aber eine Grippe macht ihm da einen Strich durch die Rechnung. Quasi als „Leihstimme“ für ihn ist nun der Leiter des Frankfurter Literaturhauses, Hauke Hückstädt gekommen, die Laudatio hier vorzutragen. Er, Michael Braun und Henning Ziebritzki kennen einander seit Ende der 1990er Jahre: eine Vertretungslösung in alter Freundschaft also. Bitte sehr, lieber Hauke Hückstädt!"

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