Vorlesestudie 2018

Einem Drittel geht es nicht schnell genug

78 Prozent der Kinder, denen mehrmals in der Woche oder täglich vorgelesen wurde, fällt das Lesenlernen leicht. Die größte Hürde dabei: die Konzentration. Das sind zwei der zentralen Ergebnisse der Vorlesestudie 2018, die heute Morgen in Berlin vorgestellt wurde. Die Studie ist ein Projekt von Stiftung Lesen, "Die Zeit" und Deutsche Bahn Stiftung.

© Stiftung Lesen / Andrea Steinbrecher

In der diesjährigen Vorlesestudie hat das Institut Iconkids & youth 256 Jungen und 244 Mädchen im Grundschulalter (125 je Klassenstufe 1-4) und ihre Eltern (125 Väter und 375 Mütter) daraufhin befragt,

  • welche Bedeutung Vorlesen in den Familien (noch) hat, während Kinder selbst das Lesen lernen,
  • wie gut Kinder mit und ohne Vorleseerfahrung ihre Lesefähigkeiten einschätzen,
  • wie Kinder das Lesenlernen erleben und wie das Vorlesen zum Lernprozess beiträgt,
  • ob die Bedingungen und Angebote der Schulen fehlende Vorleseerfahrung kompensieren können.

Ein Großteil der Kinder (58 Prozent) bekommt auch noch während der Grundschulzeit vorgelesen. Im Durchschnitt haben die Eltern mit dem Vorlesen aufgehört, als ihr Kind sieben Jahre alt war; als Begründung gaben die meisten (30 Prozent) ihr Bauchgefühl an ("Wir hatten einfach das Gefühl, dass es Zeit dafür war.")

Bei der Selbsteinschätzung der eigenen Lesefähigkeit meinten 53 Prozent der Grundschüler, dass sie selbst genauso gut lesen wie die meisten Kinder ihrer Klasse; 29 Prozent meinten, sie läsen besser und jedes fünfte Kind schätzte sich schwächer ein als die anderen in der Klasse. In der letztgenannten Gruppe sehen sich vor allem Kinder, deren Eltern selten oder nie vorlesen (40 Prozent). Sie kommen zudem häufig aus Elternhäusern mit niedriger Bildung (62 Prozent).

Jedes dritte Kind hat Schwierigkeiten beim Lesenlernen

Auf die Frage "Wie leicht fällt Ihrem Kind das Lesenlernen?" antworteten

  • 24 Prozent der befragten Eltern, es habe schon vor der ersten Klasse lesen gekonnt,
  • 45 Prozent sagten , es sei ihm sehr leicht gefallen.
  • 23 Prozent der Kinder fiel es "nicht so leicht",
  • 7 Prozent fiel das Lesenlernen schwer.

In Kombination mit den Voraussetzungen vor der Schule zeigt sich, dass es Kinder mit intensiver Vorleseerfahrung leichter haben: 58 Prozent der Kinder, denen das Lesenlernen sehr leicht fiel, wurde zuvor täglich vorgelesen. Zudem bekommen Mädchen mehr vorgelesen als Jungen.

Einem Drittel geht es nicht schnell genug

Vor allem Kinder mit wenig Vorleseerfahrung sind ungeduldig und empfinden den Prozess des Lesenlernens als anstrengend. Auf die Frage, wie sie sich beim Lesenlernen gefühlt haben, antworteten 35 Prozent der Kinder: "Ich war/bin genervt, weil ich dachte, Lesenlernen geht schneller" (und 53 Prozent der Kinder, denen nie vorgelesen wurde), 12 Prozent meinten, Lesenlernen sei sehr anstrengend, "weil ich alles allein machen muss/te" (und 36 Prozent der Kinder, denen nie vorgelesen wurde).

Insgesamt, so zeigt die Studie, ist die Konzentration die größte Hürde. 39 Prozent fällt es schwer, sich auf eine lange Geschichte zu konzentrieren, 27 Prozent macht es Mühe, die "vielen Buchstaben, Worte und Sätze so schnell zu einer Geschichte zusammenzusetzen" und 9 Prozent fällt es schwer, "sich das vorzustellen, was da steht".

Schulen können über den Unterricht hinaus fördern

Je mehr lesefördernde Ausstattungsmerkmale eine Schule hat, desto mehr Kinder sagen, dass sie besser lesen können als andere. Aber auch wenn das Engagement der Schulen wichtig ist, so "ersetzt es nicht den Startvorteil, den das Vorlesen schafft", so ein Fazit der Studie. "Leser wird man durchs Lesen", sagt der Geschäftsführer der ZEIT-Verlagsgruppe, Rainer Esser: "Jedes Kind muss an seiner Schule Angebote zum Lesen finden, auch außerhalb des Unterrichts. Denn neben der Lesekompetenz geht es um die Praxis, das Tun und die Freude daran."

Auf die Frage, was ihnen in der Schule macht, nannten in der Tat 57 Prozent der Kinder das Lesen. Noch öfter genannt wurden praktische Inhalte wie Natur/Umwelt (77 Prozent) und Forschen/ Experimentieren (67 Prozent) oder Malen/Basteln und Sport/Bewegung (jeweils 61 Prozent). "Kinder interessieren und begeistern sich für Themen und Inhalte – deshalb hat der Bundesweite Vorlesetag ab jetzt ein Motto, dieses Jahr am 16. November 'Natur und Umwelt'", erklärte Jörg F. Maas, Hauptgeschäftsführer der Stiftung Lesen. Und Antje Neubauer, die das Fachkuratorium Bildung der Deutsche Bahn Stiftung leitet, ruft die Eltern zum Vorlesen auf: "Vorlesen schafft die besten Voraussetzungen, damit Kinder dieser Aufgabe in der Grundschule gewachsen sind. Bereits 15 Minuten am Tag genügen."

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4 Kommentar/e

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  • Bundesver

    Bundesver

    Das vergnügliche, unbefangene Lesen ist der Weg, um die literarische Wirkmächtigkeit zu erspüren und für sich erfahrbar zu machen. Literatur erreicht ihre Wirkmächtigkeit bei den Kindern, wenn sie irritiert, neugierig macht oder einfach nur Spaß macht. Ehrenamtliche Unterstützung kommt aber an ihre Grenzen, denn die Wirksamkeit kann immer nur so gut sein, wie die Qualifikation derer, die tätig sind. Die Erwartungen und Anforderungen an die Multiplikatoren der Zukunft steigen. Es gibt nur einen Weg: Die Öffnung der Türen für Lese- und Literaturpädagog*innen in allen Institutionen in allen Orten.

  • S. Tscholitsch

    S. Tscholitsch

    Ich sehe hier auch die Lehrer/-innen in der Pflicht, schon vorhandenen Angebote wahrzunehmen, gerade weil nicht jedes Elternteil selbst genug Zeit zum Vorlesen hat. Bitte gehen Sie mit der Klasse in die nahe Bibliothek und nutzen dort das (größtenteils) kostenfreie Vorlese- und Erlebnisangebot! Außerdem sind in vielen Bibliotheken Kinderausweise bis 18/19 Jahre kostenfrei, also eine super Ergänzung zum Vorlesen und Lesen allgemein.

  • Rosemarie Busch

    Rosemarie Busch

    Mütter von Kindern, die die Vorlesestunden unseres Vorlese-Teams besuchten, bestätigten dass ihre Kinder bessere Leistungen bereits in der Grundschule erbringen. Eine schönere Anerkennung unserer Arbeit kann man nicht haben.

  • Claudia Becker-Klingler

    Claudia Becker-Klingler

    Umso wichtiger erscheint mir daher die Ausstattung aller Schulbetreuungen mit Büchern. Und natürlich auch das Benutzen der Bücher, ganz gleich ob zum Vorlesen oder Selberlesen. Bücher müssen Kindern immer zur Verfügung stehen. Da inzwischen sehr viele Kinder fast ihren ganzen Tag in der Schule verbringen, ersetzen die Betreuungen das Wohnzimmer der Familien, erst recht die Wohnzimmer, in denen keine Bücher stehen.

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