Hanser-Anwälte prüfen Anwaltsschreiben

Erben von Stella Goldschlag fordern Vertriebsverbot für "Stella"

Die Erben von Stella Goldschlag, die zuletzt durch den Roman "Stella" von Takis Würger ins öffentliche Bewusstsein gerückt ist, wollen bei Hanser ein Vertriebsverbot für das Buch und bei der Neuköllner Oper in Berlin ein Aufführungsverbot für das gleichnamige Musical durchsetzen.

Prozess gegen Stella Kuebler-Isaaksohn (auch Stella Goldschlag), die beschuldigt wird, als Greiferin und Denunziantin im Untergrund lebende Juden in Berlin an die Gestapo verraten zu haben. Im Gerichtssaal.

Prozess gegen Stella Kuebler-Isaaksohn (auch Stella Goldschlag), die beschuldigt wird, als Greiferin und Denunziantin im Untergrund lebende Juden in Berlin an die Gestapo verraten zu haben. Im Gerichtssaal.

Das geht aus mehreren Schreiben hervor, die der Berliner Anwalt Karl Alich im Namen der Goldschlag-Erben dem Hanser Verlag und der Neuköllner Oper zugestellt hat. Hanser hat auf Anfrage des Börsenblatts den Eingang eines erneuten Schreibens von Karl Alich (31. Januar) bestätigt, wollte sich aber zum Vorgang selbst nicht äußern. Das Schreiben liege "zur rechtlichen Würdigung bei unseren Anwälten".

Wie der Publizist Micha Brumlik in der "Zeit" vom 31. Januar berichtet, habe die Jüdin Stella Goldschlag, die vom NS-Regime zur Denunziation untergetauchter Juden erpresst worden war, sämtliche publizistischen Persönlichkeitsrechte an ihrer Lebensgeschichte im Jahr 1990 dem Historiker Ferdinand Kroh übereignet. Die Erben des verstorbenen Historikers haben nun den Anwalt Karl Alich eingeschaltet. Goldschlag selbst schied 1994 durch Suizid aus dem Leben.

"Verhöhnung eines NS-Opfers"

Zahlreiche Rezensenten des Romans "Stella" von Takis Würger hatten das Buch wegen seines ihrer Meinung nach unbedachten, empörenden Umgangs mit der Lebensgeschichte von Stella Goldschlag scharf kritisiert. Brumlik wirft in seinem Zeit-Artikel Würger vor, das Thema zu verzerren. In dem Rechtsstreit, der sich jetzt ankündige, gehe es "um ein Buch, das wesentlich Schlimmeres bedeutet als nur eine unterhaltsame Geschichtsklitterung: die entwürdigende Ausbeutung und Verhöhnung eines NS-Opfers".

Brumlik zitiert aus dem ersten Schreiben an den Verlag (vom 21. Januar), in dem es heißt, Stella Goldschlag habe unter keinen Umständen gewollt, "dass einzelne Abschnitte ihres tragischen Lebens aus dem Gesamtzusammenhang gerissen und damit verfälscht dargestellt werden". Vor allem habe sie immer Wert darauf gelegt, dass auch ihre Vorgeschichte geschildert wird.

Update, 1. Februar: Die Sicht von RA Karl Alich

"Wir wollen eine Lösung erreichen, die dem Thema gerecht wird", erklärt der Berliner Rechtsanwalt Karl Alich gegenüber boersenblatt.net. Im Schreiben an den Hanser Verlag (datiert auf den 30. Januar), das boersenblatt.net vorliegt, argumentiert er: "Wenn Teile der Geschichte wahr sind und in diesem Roman verarbeitet werden, dann ist das allgemeine Persönlichkeitsrecht von Stella betroffen." Die betreffenden Textstellen werden aufgeführt. In Wahrung der "postmortalen publizistischen Persönlichkeitsrechte" von Stella Goldschlag fordert Alich den Hanser Verlag im Namen der Erben auf, "diese vorgenannten Teile des Buchs zu schwärzen bzw. anderweitig unkenntlich zu machen". Und er ersucht den Verlag, bis auf weiteres keine Buchexemplare, die diese Textstellen enthalten, mehr in den Handel zu bringen. Soweit das Schreiben. Ob er anderfalls weitere juristische Schritte plant, kommentiert er nicht.

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4 Kommentar/e

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  • Stephanie Krawehl

    Stephanie Krawehl

    „Publizistische Persönlichkeitsrechte“ - interessant. Was ist das genau und gilt das auch für Verstorbene? Wir reden hier über einen Roman, Fiktion. Die Protagonistin hat es gegeben - und? Mit Verlaub und bei allem Verständnis für nachvollziehbare Aufregung. Was über Stella Goldschlag bekannt ist, beruht, so weit ich weiß, auf Erzählungen bzw. auf den Gerichtsunterlagen und dem Buch von Peter Wyden, welches ich schon kurz nach Erscheinen gelesen habe. Mich hat es ehrlicherweise erstaunt, dass die ganze Tragik der Person Stella Goldschlag nicht viel eher den Weg in einen Roman oder auf die Bühne geschafft hat. Ich plädiere an dieser Stelle für eine Ent-Skandalisierung des Romans. Es ist meiner Meinung nach unabdingbar, in der heutigen Zeit, in der das Erstarken nationalistischer Gruppierungen und Parteien immer undemokratischere Züge annimmt, die ungeheure Entmenschlichung, die Grausamkeit und Perfidität der NS-Diktatur u.a. über das Fiktionale zu verbreiten.

  • Sonja

    Sonja

    Wer bitte will denn nicht, dass Abschnitte des eigenen Lebens aus dem Gesamtzusammenhang gerissen werden? Dies ist ein bedeutender Teil der Fiktion - etwas zerpflücken und neu zusammensetzen.
    Ich denke, ich muss das Buch nun doch noch lesen...

  • Leserin

    Leserin

    Ich komme mir gerade als Leser dumm vor, weil ich das Buch einfach als Roman gelesen habe, bevor der Rummel los ging. Ich habe die Figur gar nicht verurteilt, weil man eben nur einen Ausschnitt ihres Lebens mitbekommen hat und den auch noch aus der naiven Sicht eines verliebten jungen Mannes. Meine Güte, wie viele Romane könnte man dann genauso zerreißen und verurteilen? Es ist eben ein Roman! Man kann, da es ja auch im Nachwort erklärt wurde, die Lebensgeschichte recherchieren.

  • Patrick Musial

    Patrick Musial

    Ein absurdes Ansinnen. Vielleicht der Versuch, die momentane Aufmerksamkeit zu nutzen, um Geld durch einen Vergleich herauszuschlagen?

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