Nachruf auf Tomi Ungerer

Subversiv im besten Sinne

Der Illustrator und Autor Tomi Ungerer (87) ist heute Nacht im Haus seiner Tochter im irischen Cork gestorben. Er war ein vor Ideen überschäumender Künstler, streitbarer Geist, unverwechselbarer Covergestalter, Schalk – und Philosoph. STEFAN HAUCK

Tomi Ungerer

Tomi Ungerer © Gaetan Bally/Keystone

Mit dem Tod hatte sich Tomi Ungerer nicht nur in seiner Kunst intensiv auseinandergesetzt: "Ich bin seit über 80 Jahren vergänglich", war seine treffende Zusammenfassung. Nach drei Herzinfarkten kam, als ihm 2008 als erstem lebenden Künstler Frankreichs ein eigenes Museum gewidmet wurde (das Musée Tomi Ungerer mit 8000 Zeichnungen, 2000 Plakaten und Grafiken sowie einer großen Spielzeugsammlung), der Krebs. Als ich ihn damals in seinem Elternhaus in Straßburg besuchte, das sein Vater Theo entworfen hat, machten ihm die Bestrahlungen zu schaffen, aber er lachte, scherzte, sprudelte vor Ideen: eine Kämpfernatur. "Nimm den Tumor mit Humor – das ist mein Motto", meinte er. Er erzählte, wie er den Tod schon als Kind hautnah erlebt hatte, im Zweiten Weltkrieg bei der drei Monate dauernden Schlacht um den Colmarer Brückenkopf. Der Tod werde für alles angeklagt – "das ist falsch. Der Tod ist ja ein Lebensphänomen, ein gutmütiger Zollbeamter, ein Grenzwächter. Ich habe sogar eine Sehnsucht nach dem Tod. Dann gibt es kein protestantisches Schuldgefühl mehr."

Halb Max und halb Moritz

Unterkriegen lassen war seine Sache nicht, mit Eifer und Lust stritt er für Dinge, von denen er überzeugt war, engagierte sich als im Elsass Geborener aus Überzeugung für das Miteinander von Franzosen und Deutschen. In Gesprächen blitzten ständig neue Ideen in ihm auf, fortwährend produzierte er Bonmots: Tomi liebte es, mit der Sprache zu spielen, auszuprobieren, neue Wörter zu finden – einen "manischen Wortbastler" nannte er sich gern. Man konnte ihm beim lauten Denken wunderbar zuhören, immer eine ironische Wendung auf der Zunge: "Weißt du, im Prinzip bin ich halb Max und halb Moritz – und naja, einer spielt dem anderen gern einen Streich ..." Und er konnte sich wunderbar verlachen, bis ihm fast die Tränen kamen.

Herrlich anarchisch

In seinen Werken war Tomi Ungerer subversiv im besten Sinne. Nicht nur hierzulande haben sich besorgte Lehrer und Eltern aufgeregt, beispielsweise darüber, dass in "Kein Kuss für Mutter" (1974) eine Schnapsflasche auf dem Frühstückstisch steht und der kleine Toby Zigarre raucht. "Ich bin der Albtraum der Pädagogen" war sein Kommentar – und es freute ihn. Mit Büchern wie "The Party" (1969), worin er die vornehme New Yorker Gesellschaft satirisch auf Papier bannte, "Fornicon" (1970) oder dem "Kamasutra der Frösche" (1982) brachte er die Erwachsenen zu Schweißausbrüchen. Der Blick ins Regal zeigt Kinderbücher, von denen viele längst Klassiker geworden sind: "Crictor, die gute Schlange" (1959), "Die drei Räuber", die schließlich ein Waisenhaus bauen (1961), "Zeraldas Riese" (1970) und "Das Biest des Monsieur Racine" (1972), "Das große Liederbuch" (1975), "Flix" (1997), "Die Abenteuer der Familie Mellops" (2006), "Der Nebelmann" (2012) und "Warum bin ich nicht du?" (2016).

Dienstältester Diogenes-Autor

Am 24. April wird sein jüngstes Bilderbuch "Non Stop" bei Diogenes erscheinen, in dem in einer komplett zerstörten Welt ein junger Mann ein kleines Kind rettet. Fast filmisch stürzt hinter ihm immer wieder Architektur zusammen, während ihm sein Schatten den Weg weist: Wie Tomi Ungerer die Spannung mit Cliffhangern aufrecht erhält – das sorgt für Bluthochdruck beim Betrachter. Die Beziehung zu Diogenes war eine besondere: Seit 1960 veröffentlichte er in dem Zürcher Verlag und war sein "dienstältester" Autor; zudem hat er über Jahrzehnte die Cover bis hin zu den detebe-Taschenbüchern geprägt. Weltweit haben sich seine Werke in mehr als 17 Millionen Exemplaren verkauft. Typisch für seinen nie enden wollenden provokanten, schwarzen Humor war eine seiner Ideen, was auf seinem Grabstein stehen könnte: "Ganz gut passen würde doch: 'Rest in pieces or in peaces'."

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