Dieter Kosslick über "Books at Berlinale"

"Das letzte Kapitel muss noch geschrieben werden"

Als "Mr. Berlinale" hat Dieter Kosslick Buch- und Filmbranche zusammengebracht, jetzt nimmt er Abschied: Ein Gespräch über die Notwendigkeit von Netzwerken, über Filmadapationen, Tränen – und sein neues Buch. INTERVIEW: LAURA GROTJOHANN

Berlinale-Direktor Dieter Kosslick

Berlinale-Direktor Dieter Kosslick © Ulrich Weichert / Berlinale

Nach 18 Jahren als Direktor der Internationalen Filmfestspiele Berlin haben Sie gerade zum letzten Mal den Berlinale-Trubel um sich herum. Empfinden Sie Schwermut bei dem Gedanken an den Abschied? Was werden Sie am meisten vermissen?
Klar werde ich diese kreative Arbeit mit meinem grandiosen Team vermissen! Aber gerade bin ich ja noch mittendrin und genieße die 69. Berlinale und den täglichen Trubel. Ich vermute, dass ich spätestens am letzten Festivaltag, der dem Publikum gehört, beim Umarmen der Fans die eine oder andere Träne verdrücke.

Sie sind auch Mitgründer des Formats "Books at Berlinale", das dieses Jahr ein neuen Rekord feiert: Es gab 160 Einreichungen - aus denen zwölf vielversprechende Bücher schließlich ausgewählt und gestern vor Filmproduzentinnen und Filmproduzenten präsentiert wurden. Wie wichtig ist Ihnen das Segment?
"Books at Berlinale" ist im Berlinale Co-Production Market angesiedelt. Es hat sich zur Aufgabe gemacht, für Film-, Serien- und eben Buch-Projekte potentielle Partner zu finden. Für die Filmproduzenten, die nach interessanten neuen Stoffen suchen, hat sich „Books at Berlinale“ in diesem Rahmen als ein fester und wichtiger Termin etabliert. Es ist als Forum für alle, die im Bereich von Literaturadaptionen tätig sind, ein zentraler Anlaufpunkt. Natürlich freuen wir uns besonders, in diesem Rahmen nationale und internationale Verlage und Literaturagenturen bei der Berlinale begrüßen zu können. Als Juergen Boos, der Direktor der Frankfurter Buchmesse, und ich im Jahre 2006 "Books at Berlinale" aus der Taufe gehoben haben, war unser Ziel, die Verlags- und die Filmbranche auf der Basis des Handelns von Filmrechten für Literaturadaptionen etwas näher zusammenzubringen. Dies ist uns, wie ich meine, gelungen.

2016 sagten Sie, "Books at Berlinale" habe ein aktives Netzwerk geschaffen, das sich über die Jahre kontinuierlich erweiterte. Sehen Sie die Veranstaltung durch die Zahl an Filmadaptionen bestätigt? Was  macht für Sie den Erfolg des Formates aus?
Eine große Zahl der Bücher, die im Laufe der Jahre bei "Books at Berlinale" vorgestellt wurde, sind inzwischen fertige Filme, in Produktion, in Entwicklung oder optioniert. Der Erfolg misst sich aber nicht nur daran: Das beschriebene Netzwerk von Filmproduzenten, Verlagen und Literaturagenturen hat für eine andere Form von Kommunikation untereinander gesorgt, Verbindungen aufgebaut, Kontakte etabliert und auch mitgeholfen, eine andere Form von Zusammenarbeit zu ermöglichen. Und über die Jahre hat sich das immer mehr ausgeweitet, worüber wir uns sehr freuen.

Der Vorwurf, dass eine Filmadaptation dem Buch nie gerecht werden kann, hält sich hartnäckig. Sind Sie solche Debatten nach 18 Jahren Berlinale überdrüssig? 

Es ist selbstverständlich, dass Literatur und Film als eigene Kunstformen existieren. In der Literaturadaption von Buch zu Film findet eine Verbindung statt, die neue Horizonte eröffnet. Es scheint mir nachvollziehbar, dass begeisterte Leser sehr genau beobachten, wie der Stoff in Bilder transformiert wird. Der Film hat natürlich einen anderen Umgang mit Erzählstrukturen, Figuren und Handlungsabläufen, kann aber im besten Falle der Substanz eines Buches neue Ebenen hinzufügen.

Gibt es eine Filmadaptation, auf die Sie immer noch warten?
"Die Bücherschmuggler von Timbuktu" von Charlie English fände ich spannend verfilmt zu sehen.

Für Anfang September ist Ihr neues Buch "Schön auf dem Teppich bleiben: Kino, Kunst und Kulinarik" angekündigt, bei Hoffmann und Campe. Heißt das, nach dem 1. Juni gibt es erstmal keine Pause?
Das letzte Kapitel muss jetzt noch geschrieben werden...

Books at Berlinale 2019: Diese Bücher standen im Rampenlicht

(in alphabetischer Reihenfolge der präsentierenden Firmen)

  1. "Dance or Die" (Ahmad Joudeh, Syrien), DeA Planeta Libri, Italien
  2. "Love in Case of Emergency"/"Die Liebe im Ernstfall" (Daniela Krien, Deutschland), Diogenes, Schweiz
  3. "Salt on our Skin" (Benoîte Groult), Editions Grasset & Fasquelle, Frankreich
  4. "The Invisible Girl" (Blue Jeans), Editorial Planeta, Spanien
  5. "The Wannsee Murder"/ "Die Tote im Wannsee" (Lutz Wilhelm Kellerhoff), Elisabeth Ruge Agentur, Deutschland
  6. "The Girl with the Leica" (Helena Janeczek, Deutschland), Gruppo editoriale Mauri Spagnol, Italien
  7. "The Guest" (Nermin Yıldırım), Kalem Agency, Türkei
  8. "Keep Saying Their Names" (Simon Stranger), Oslo Literary Agency, Norwegen
  9. "Play Dead" (A.F. Th. van der Heijden), Singel Uitgeverijen, Niederlande
  10. "The Good Son" (You-jeong Jeong, Republik), The Artists Partnership, Großbritannien
  11. "Rightful Blood" (Francesca Melandri), The Italian Literary Agency, Italien
  12. "Great, And You?"/ "Super, und dir?" (Kathrin Weßling), Ullstein Buchverlage, Deutschland

Schlagworte:

Mehr zum Thema

0 Kommentar/e

Diskutieren Sie mit ...

  • Informationen zum Kommentieren

    Bitte kommentieren Sie zur Sache. Aggressive, polemische und beleidigende Kommentare werden nicht veröffentlicht. Wir werden Ihren Kommentar so schnell wie möglich freischalten. Hier lesen Sie unsere Netiquette.

  • Mein Kommentar

    Bitte kommentieren Sie zur Sache. Aggressive, polemische und beleidigende Kommentare werden nicht veröffentlicht. Wir werden Ihren Kommentar so schnell wie möglich freischalten. Hier lesen Sie unsere Netiquette.

    Ihr Profilbild können Sie über den externen Dienst Gravatar einbinden.

    (E-Mail wird nicht veröffentlicht)
    CAPTCHA image
    Wenn Sie die Buchstabenkombination nicht entziffern können, erhalten Sie durch Klick auf die Buchstaben eine neue Kombination.

    * Pflichtfeld