"Hätte ich den Preis früher bekommen, wäre das Geld längst ausgegeben"

Würdigung eines großen Verlegers in der Welt der kleinen Verlage: Merlin-Gründer Andreas J. Meyer erhielt den Kurt-Wolff-Preis für sein Lebenswerk. Der Anerkennungspreis ging an die Berliner edition.foto.Tapeta. NILS KAHLEFENDT

Andreas J. Meyer mit Britta Jürgs und der Leipziger Kulturbügermeisterin Skadi Jennicke (rechts)

Andreas J. Meyer mit Britta Jürgs und der Leipziger Kulturbügermeisterin Skadi Jennicke (rechts) © Gaby Waldek

Im Forum „Die Unabhängigen“ ist am Messefreitag zum 19. Mal der mit 26.000 Euro Kurt-Wolff-Preis vergeben worden; erst zum zweiten Mal (nach Klaus Wagenbach 2010) ist mit Andreas J. Meyer vom Merlin Verlag ein unabhängiger Verleger für sein Lebenswerk ausgezeichnet worden. In den Worten der Kurt-Wolff-Stiftung: Ehre für „eine große Verlegerpersönlichkeit in der Welt der kleinen Verlage“. Das Kuratorium würdigt damit Meyers Energie, seinen literarischen Spürsinn und die Ausdauer, mit dem er den 1957 gegründeten Verlag zum Modell eines Indies gemacht hat, „an dem sich die nachfolgenden Generationen orientieren konnten“.

Manfred Metzner

Manfred Metzner © Gaby Waldek

In seiner Laudatio unternahm Wunderhorn-Verleger Manfred Metzner eine Tour de force durch die 62jährige Verlagsgeschichte („obwohl alles, was da passierte, ausführlich dargestellt gehörte“). Rechtsgeschichte schrieb Meyer, als er sich 1962 wegen des in seinem Verlag erschienenen inkrimierten Genet-Romans „Notre-Dame-des Fleurs“ einem Prozess stellte – anders als sein „großer“ Kollege Ledig-Rowohlt, der sich in Sachen Genet mit der Justiz arrangiert hatte und die „Querelle de Brest“ einstampfen ließ. Meyer siegte vor dem Hamburger Landgericht. „Von Ihrem Mut, Ihrer Risikobereitschaft profitieren wir bis heute“, so Laudator Metzner. „Leider gab’s damals noch nicht die Kurt-Wolff-Stiftung, wir hätten Ihnen geholfen.“

Der Merlin Verlag hatte 1957 als Bühnenverlag avantgardistischer Stücke begonnen und erweiterte sein Programm bald um viele bekannte Autoren: Horst Janssen, Janosch, Gerard Reve, Wolf Klaussner, Horst Risse ebenso wie Louis-Ferdinand Céline, Jan Skacel, Jens Bjorneboe. Aus der Zusammenarbeit mit Typografen und bildenden Künstlern entstanden bibliophile Buchausgaben, die von Künstlern wie Horst Janssen, Johannes Grützke, H.H. Steffens, Werkstatt Rixdorfer Drucke und Janosch gestaltet wurden, auch zahlreiche Grafikeditionen und Kunstkataloge. 1980 gründete Meyer den Kinderbuchverlag "Little Tiger" für Bücher und Postkarten des Zeichners Janosch. Der Verlag zog von Hamburg nach Gifkendorf, wo er bis heute in einem alten Bauernhof residiert. Ab 2005 übernahm peu á peu Tochter Katharina Meyer das Verlagsgeschäft. Die Auszeichnung komme genau zur richtigen Zeit, sagte Meyer in seiner Dankesrede verschmitzt. "Hätte ich den Preis früher bekommen, wäre das Geld längst ausgegeben."

Skadi Jennicke, Andreas Meyer und Britta Jürgs mit den Förderpreisträgern Andreas Rostek (Edition Fototapeta) und Dagmar Engel

Skadi Jennicke, Andreas Meyer und Britta Jürgs mit den Förderpreisträgern Andreas Rostek (Edition Fototapeta) und Dagmar Engel © Gaby Waldek

Der mit 5000 Euro dotierte Förderpreis ging an edition.foto.Tapeta in Berlin, die deutschsprachige Leser seit gut einem Jahrzehnt durch Romane, Essays und Erzählungen mit der Geschichte und Lebenswelt seiner osteuropäischen, zumal polnischen Nachbarn vertraut macht.

In der Begrüßung bedauerte KW-Vorstandsvorsitzende Britta Jürgs (Aviva Verlag) zwar, dass sie seit Jahren keine durchwegs freudig gestimmte Rede halten könne – die Verwerfungen nach der KNV-Insolvenz werfen in der Szene der Indie-Verlage lange Schatten. Allerdings steht nun ein Verlagspreis nach Vorbild des Deutschen Buchhandlungspreises unmittelbar bevorsteht. „Manchmal hilft das Wünschen doch“, so Jürgs mit Blick auf den von Staatsministerin Grütters im Gewandhaus angekündigten Preis. Gut möglich deshalb, dass die Lebenswerk-Auszeichnung künftig Schule macht, wenn der Kurt-Wolff-Geldsegen nicht mehr das Fehlen einer kontinuierlichen, planbaren Förderung ersetzen muss. Auch hier könnte à la longue noch so einiges ins Laufen kommen – erste Gespräche auf der Buchmesse gingen über den Status des frommen Wünschens deutlich hinaus.

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