Leseförderung

Fürs Lesen verloren?

Wenn in den Verbindungsgängen zwischen den Messehallen der Leipziger Buchmesse zwischen kostümierten Manga-Fans oder Herden von aufgekratzten Jugendlichen kein Durchkommen mehr ist, kann man leicht vergessen, dass viele Kinder und Jugendliche ohne das Hobby Lesen auskommen – und es nicht mal vermissen. Doch da steckt mehr als eine Vorliebe dahinter. Bei der Leipziger Buchmesse wurden unterschiedliche Konzepte zur Förderung diskutiert. NICOLA BARDOLA

Cosplayer auf der Leipziger Buchmesse: Geschichten-Performance oder Fasching?

Cosplayer auf der Leipziger Buchmesse: Geschichten-Performance oder Fasching? © Stefan Waldek

Rund 20 Prozent leseschwacher Viertklässler kommen oft aus bildungsfernen Schichten mit Migrationshintergrund, erfuhr man in der Diskussion „Fürs Lesen verloren? Wenn herkömmliche Leseförderungskonzepte nicht mehr zünden“ vom Arbeitskreis für Jugendliteratur (AKJ), der Arbeitsgemeinschaft von Jugendbuchverlagen (avj) und der Stiftung Lesen. „Sie lesen dreimal dieselbe Seite, verstehen sie nicht und bekommen Kopfschmerzen“, so Heidemarie Brosche, Mittelschullehrerin und Autorin aus Augsburg, die mit strukturierten Maßnahmen dagegen angehen will. 

Andreas Gold

Andreas Gold © Tobias Bohm

Heidemarie Brosche

Heidemarie Brosche © Tobias Verlag

Dabei hat sie aus der Forschung die volle Unterstützung von Andreas Gold, Professor für Pädagogische Psychologie an der Goethe-Universität Frankfurt, von Franziska Schwabe von der TU Dortmund und Mitautorin der IGLU-Studie 2016 sowie Simon Peter, Chefredakteur bei Blue Ocean Entertainment. Brosche engagiert sich für eine zweite Lehrkraft während der Unterrichtsstunden, für staatliche Investitionen und für Leseförderungsmaßnahmen auf akustischer Basis: mit Lautlese-Tandem-Teams sowie Hörbücher, die während des Hörens murmelnd mitgelesen werden. „Alle Lautleseverfahren bringen messbare Fortschritte“, so Brosche.

Laut lesen wirkt

Heiß diskutiert wurden Wege zu wirksamer Leseförderung auch am Rande der Veranstaltungen. Felicitas von Lovenberg, Verlagsleiterin Piper, und Autorin von „Gebrauchsanweisung fürs Lesen“ (Piper) legt Wert auf Vorleseförderung, denn das Vorlesen nicht nur von Erwachsenen für Kinder, sondern auch unter Kindern selbst und unter Erwachsenen wirkt lesefördernd: „Die Zuwendung und das sich lesend Zeitnehmen füreinander sind Signale, die stärker wirken können als manch organisierte Maßnahme.“

Und Autor und Übersetzer Uwe Michael-Gutzschhahn macht einen pragmatischen Vorschlag: „Wenn man Kindern in jeder Deutschstunde über Jahre hinweg nur ein Gedicht ohne jegliche Erwartungshaltung am Anfang vorliest, dann entwickelt sich ein großer Kanon. Wird das Gedicht dann einmal weggelassen, werden die Schüler es sofort einfordern.“

Ralf Schweikart, Vorsitzender des Arbeitskreises für Jugendliteratur, fordert eine stärkere Professionalisierung der Leseförderung. „Wir brauchen finanzielle Ausstattung. Wir sind noch viel zu sehr mit Ehrenamtlichkeit beschäftigt.“ Er verweist auf die fünf Milliarden Euro, die für den Digitalpakt Schule zur Verfügung gestellt werden und fordert einen Leseförderungspakt mit finanzieller Ausstattung vom Staat.

Print und digital müssen allerdings nicht Gegner sein, wie die finnische Verlegerin Saara Tiuraniemi, Programmleiterin Kinder- und Jugendbuch bei Tammi Publishers zeigt: Im Rahmen einer Diskussionsrunde zum Leseverhalten von Kindern und Jugendlichen in Norwegen und Skandinavien (NORLA) stellte sie ein digitales Jugendbuch für Smartphones vor.

„Es ist kein herkömmliches E-Book, sondern eine Video-Datei, die Chatverläufe zeigt“, erklärt Tiuraniemi. Die Leser werden gleichsam Zeugen von Online-Gesprächen ihrer Romanhelden. „Oftmals finden die wichtigsten Gespräche, die Teenager heute führen, nicht im wirklichen Leben, sondern in den sozialen Medien statt. Darauf nehmen unsere Kurzromane Rücksicht. Ich bin sicher, dass wir damit buchferne Jugendliche begeistern können“, sagt Tiuraniemi über dieses in ihrer Abteilung entwickelte Produkt. Carsten Wilms vom Kullerkupp Kinderbuch Verlag staunte über dieses Handy-Buch, das seine finnische Kollegin dem Publikum vorführte. „Letztlich kommt es auf die Qualität der Geschichte an“, ist Wilms überzeugt und alle auf dem Podium, auch Tiuraniemi sowie Ilmi Villacis, Direktorin des Finnischen Lesezentrums, die norwegische Autorin Linde Hagerup, (u.a. „Ein Bruder zu viel“, Gerstenberg) und die Moderatorin Tiia Strandén, Direktorin des Finnischen Literaturaustauschs pflichteten ihm bei.

Identitätsstiftende Wirkung

Leseförderung über Inhalte mit Qualität wird durch den Gustav-Heinemann-Friedenspreis für Kinder- und Jugendliteratur gefördert, er zeichnet jährlich ein Buch aus, bei dem Toleranz und Zivilcourage in besonderer Weise vermittelt werden. Bei einer vom Börsenverein, Regionalgeschäftsstelle Nordrhein-Westfalen, dazu durchgeführten Veranstaltung bestätigte Klaus Kaufmann von der Landeszentrale für politische Bildung Nordrhein-Westfalen (die Partner beim Preis ist), dass die Arbeit mit Jugendgruppen eine enorm nachhaltige Wirkung haben kann, über die Zusammenarbeit mit Schulen ließe sich Breitenwirkung erzielen. „Gerade, wenn der Autor mit jugendlichen Protagonisten arbeitet, freuen sich Jugendliche enorm: Da denkt jemand wie ich! Bücher haben so eine identitätsstiftende Wirkung.“, so Jurorin Katja Eder, Literatur- und Medienwissenschaftlerin.

 

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1 Kommentar/e

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  • D. Orie

    D. Orie

    Das freut mich sehr, dass hier etwas mehr Bewusstsein für die Notwendigkeit des LeseERWERBS gezeigt wird. Wer nicht das grundlegende Lesen lernt, der ist für jegliches weiteres Lesen verloren. Diese Kinder finden keinen Anschluss und Zugang zum Geschriebenen. Das bedeutet auch, dass die ersten Jahre in der Schule eigentlich die wichtigsten sind. Hier dürfen keine fachfremden Quereinsteiger unterrichten.

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