Vertriebskooperation: Juliane Seyfarth-Schäfer über artfolio

"Der gemeinsame Erfolg macht Spaß"

2007 hat sie die Vertriebskooperation artfolio gegründet – auf der Leipziger Buchmesse wurde sie dafür jetzt mit dem Sales Award belohnt: Juliane Seyfarth-Schäfer hält sieben Kochbuchverlage zusammen, die lieber Freundschaft als Futterneid pflegen. Ein Interview. FRAGEN: SABINE CRONAU

Juliane Seyfarth-Schäfer

Juliane Seyfarth-Schäfer © Chantal Alexandra Pilsl

Geschäftsführerin, Vertriebsfachfrau, Strategiestrickerin – so beschreibt sich Juliane Seyfarth-Schäfer auf einer ihrer Firmenwebsites selbst. Ihre Freude am Strategiestricken zeigt sich schon nach wenigen Minuten Börsenblatt-Interview: Ruckzuck entwickelt Seyfarth Ideen für eine Artikelserie über junge Gründerfrauen in der Buchbranche und spinnt den Faden bis zu Vermarktungs- und Vernetzungsmöglichkeiten weiter.

Mit artfolio hat es vermutlich mal ganz ähnlich angefangen, oder? Was gab vor zwölf Jahren den Anstoß?
Ich habe damals Buchwissenschaft in München studiert – und als studentische Aushilfe für Alexander Herrmann gearbeitet, der ja 2004 die Vertriebs­kooperation Aurora ins Leben gerufen hat. Irgendwann stand der Gedanke im Raum: Warum sollte das nicht auch in einem anderen Segment als Gesundheit / Lebenshilfe funktionieren? Schon damals war der Konzentra­tionsprozess im Handel ein Riesen­thema. Wie können unabhängige Verlage trotzdem ihren Zugang zum Markt dauerhaft erhalten und gestalten? Darauf wollte und kann artfolio eine Antwort geben.

Hatten Sie damals schon den Kochbuchmarkt im Blick?
Zunächst waren Lifestyle-Themen im weitesten Sinne die inhaltliche Klammer. Der Schwerpunkt Essen & Trinken hat sich erst nach und nach herauskristallisiert. Daneben bewegen wir uns thematisch in den Lebenswelten unserer Buchkäufer. Viele Gründungsmitglieder, etwa Brandstätter und ars vivendi, sind bis heute dabei. Das zeigt den Charme und die Chancen des Modells. Die Neuzugänge Löwenzahn und LV.Buch haben 2018 neue Impulse gegeben – und auch erhalten. artfolio bleibt weiterhin offen für neue passende Themengebiete und natürlich für neue Verlage. Der gemeinsame Erfolg macht Spaß und schafft dabei auch noch Vertrauen bei unseren Kunden.

Die sieben Verlage sind Konkurrenten, noch dazu mit unterschiedlichem Umsatzgewicht. Gibt es da keinen Futterneid?
Nüchtern betrachtet geht es hier natürlich um eine Gruppe von Mitbewerbern. Aber wenn Chemie und Bauchgefühl stimmen, dann können inhabergeführte Verlage, die bisher als Einzelkämpfer unterwegs waren, ein partnerschaftliches, offenes, fast freundschaftliches Verhältnis pflegen. artfolio ist der beste Beweis dafür. Jedes Mitglied merkt: Ich gebe etwas rein und bekomme ungleich mehr wieder heraus.

Geht es dabei um mehr als Vertriebsfragen?
Ja, um viel mehr. Natürlich halten wir für unsere Verlage den engen Kontakt zum Handel, und zwar rund ums Jahr. Doch daneben ist unseren Mitgliedern  auch wichtig, die Plattform zu nutzen, die wir mit artfolio geschaffen haben – zum Beispiel zum offenen Know-how-Transfer: Wie lösen die anderen ein Problem? Außerdem wird zum Beispiel wechselseitig hospitiert: Neue Mitarbeiter werden gern zu Partnerverlagen geschickt, nach dem Motto: Guck dir mal an, wie die das so machen. So etwas ist eigentlich unbezahlbar.

Setzt die Kooperation schon bei der Programmplanung an?
Wenn strategische Entscheidungen anstehen, sprechen wir sehr offen miteinander oder schieben sie auch mit an. Ein schönes Beispiel dafür ist der Löwenzahn Verlag, seit Oktober 2017 Mitglied bei artfolio. Gemeinsam haben wir einen Strategieprozess im Verlag angestoßen, der dazu geführt hat, dass die Bücher jetzt so aussehen wie sie aussehen – und alle damit Spaß haben. Wir verstehen uns als Unterstützer solcher Weiterentwicklungen. Das ist ein Standing, das sich ein Vertriebsbüro bei Verlagen aber erst mal erarbeiten muss.

Während mancher Konzernverlag auf einen Messestand in Frankfurt verzichtet, belegt artfolio eine große Fläche in Halle 3.0. Lohnt sich das?
Vor vier Jahren haben wir uns zum ersten Mal  gemeinsam präsentiert und damit für einen "Wow-Effekt" bei den Kunden gesorgt. Viele hatten bis dahin nur bedingt wahrgenommen, welche Rolle artfolio mittlerweile auf dem Markt spielt. Das hat sich durch den Messeauftritt schlagartig geändert: Er hat unser Marktgewicht visualisiert.

Sie haben das Thema Konzentration schon angesprochen: Was bedeutet die anstehende Fusion von Thalia und der Mayerschen für die artfolio-Verlage?
Wir sind mit beiden gut im Geschäft, Thalia und die Mayersche gehören mit zu den wichtigsten Kunden auf unserer Liste. Die Konzentration im Handel nimmt damit weiter zu – und zwar diesmal in einer Größenordnung, die wir bislang im stationären Bereich noch nicht kannten. Natürlich machen auch wir uns Gedanken, wie sich das zukünftig auf unsere Zusammenarbeit auswirkt, wenn das Kartellamt dem Zusammenschluss zustimmt. Es unterstreicht unter anderem die Notwendigkeit, sich auch auf Verlagsseite stärker zu bündeln.

Für den Kochbuchmarkt war 2018 kein gutes Jahr. Reagieren die artfolio-Verlage darauf?
Der Titelausstoß ist hoch, genauso wie das Qualitätsniveau der Produktionen. Man kann also nicht einfach Bücher machen und hoffen, dass die Welt sie schon entdecken wird. Ein zentrales Thema für unsere Verlage ist deshalb die Sichtbarkeit ihrer Bücher, etwa durch Suchmaschinenoptimierung, ein starkes PR-Konzept und Social-Media-Marketing. Außerdem überlegen wir bei artfolio sehr genau, welche angrenzenden Themenfelder noch Potenzial haben, und sind in Gesprächen mit weiteren Partnern. Die Umsätze auf dem Kochbuchmarkt fahren gern mal Achterbahn. Im Moment warten alle auf den nächsten großen Trend. Der wird kommen, die Frage ist nur: wann – und welcher wird es sein?

Wie stark sind die artfolio-Verlage von der KNV-Insolvenz betroffen?
Finanziell sind unsere Verlage zum Glück mit blauem Auge davongekommen. Allerdings lässt sich noch lange kein Schlussstrich unter die Sache ziehen, zumal fünf unserer Verlage über die KNV-Tochter LKG ausliefern. Was die Insolvenz am Ende wirklich für die Branche bedeutet, lässt sich nur erahnen und wir können alle nur das Beste hoffen. Auch an dieser Stelle ist der Austausch in der Gruppe ein wichtiges Plus.

Neben Ihrem Münchner Vertriebsbüro sind Sie auch noch Co-Geschäftsführerin der Agentur Medialike. Wie eng ist der Draht zu artfolio?
Medialike ist Dienstleister. Wir schlagen Kampagnen und Strategien vor oder beraten Verlage bei der Prozessoptimierung – etwa bei der Frage, an welcher Stelle die Suchmaschinenoptimierung in den Produktionsprozess integriert werden muss. Der enge Draht zwischen artfolio und Medialike ist hilfreich, aber  Medialike arbeitet natürlich auch für andere.

Die Sales-Award-Jury lobt Ihr artfolio-Konzept als Erfolgsmodell für inhabergeführte Verlage (mehr dazu hier). Warum gibt es nicht viel mehr solcher Kooperationen?
Ehrlich gesagt: Diese Frage stelle ich mir auch. Entscheidend ist aus meiner Sicht immer die "unabhängige Mitte". Unser Modell lebt ja davon, dass mein Team und ich als neutraler Moderator, als Treiber und Weiterentwickler auftreten. Wir sind gewissermaßen im diplomatischen Dienst unterwegs. Denn natürlich verfolgt jeder Verlag auch seine eigenen Interessen. Wenn es zwischen den Beteiligten mal knarzt, dann können wir vermitteln.

Eine berühmte Skispringerin trägt den­selben Namen wie Sie. Sind Sie in Ihrer Freizeit ähnlich sportlich unterwegs?
Nein, aber ich schicke die Fanpost an meine Namenskollegin weiter. "Ich finde dich ganz toll! Kann ich ein Autogramm haben?" Als der erste Brief dieser Art bei mir ankam, war ich verwundert. Heute leite ich so was an die richtige Adresse, wir zwei sind über Facebook befreundet.

Sind Sie ein Genussmensch – passend zum artfolio-Programm?
Ich bringe all die schönen Kochbücher zum Testen mit nach Hause – und mein Mann kocht. Da haben wir eine klare Aufgabenteilung. Ich esse einfach gern gut. Wenn ich mir am Anfang meiner Tätigkeit einen Themenschwerpunkt hätte aussuchen können, dann wäre es der Kulinarische gewesen. artfolio ist also auch in diesem Punkt ein großes Glück für mich.

Die Vertriebskooperation

  • Partnerverlage: ars vivendi, AT, Becker Joest Volk, Brandstätter, Löwenzahn, LV.Buch, Umschau
  • Ziel: ein starker Auftritt im Handel – für inhabergeführter Verlage mit Schwerpunkt im Kochbuchsegment, dazu Erfahrungsaustausch, Benchmarking
  • Marktanteil: 9,7 Prozent Marktanteil sicherten sich die sieben artfolio-Verlage 2018 im Segment Essen & Trinken (Warengruppe 45, eigene Angaben auf Basis von Media Control). 10,9 Prozent Marktanteil waren es in den ersten Wochen des Jahres 2019 (bis 10. März). artfolio liegt damit aktuell auf Platz zwei hinter GU und knapp vor DK.
  • Projekte: gemeinsame Buchhändlerveranstaltungen, Messepräsenz, gemeinsamer Vorschauversand, gebündelte Auslieferung über LKG mit einer Rechnung in einem Paket (Ausnahmen: AT und LV.Buch) und vieles mehr
  • Website: www.artfolio-vertriebskooperation.de

Mehr über die Lage auf dem Kochbuchmarkt lesen Sie im Spezial Essen & Trinken in der aktuellen Printausgabe des Börsenblatts (Heft 14).

Schlagworte:

0 Kommentar/e

Diskutieren Sie mit ...

  • Informationen zum Kommentieren

    Bitte kommentieren Sie zur Sache. Aggressive, polemische und beleidigende Kommentare werden nicht veröffentlicht. Wir werden Ihren Kommentar so schnell wie möglich freischalten. Hier lesen Sie unsere Netiquette.

  • Mein Kommentar

    Bitte kommentieren Sie zur Sache. Aggressive, polemische und beleidigende Kommentare werden nicht veröffentlicht. Wir werden Ihren Kommentar so schnell wie möglich freischalten. Hier lesen Sie unsere Netiquette.

    Ihr Profilbild können Sie über den externen Dienst Gravatar einbinden.

    (E-Mail wird nicht veröffentlicht)
    CAPTCHA image
    Wenn Sie die Buchstabenkombination nicht entziffern können, erhalten Sie durch Klick auf die Buchstaben eine neue Kombination.

    * Pflichtfeld