Michael Schikowski über Erwartungen an eine Buchhandlung

Nur den Arm ausstrecken

Beim Betreten einer Buchhandlung begibt sich der Kunde ins Offene und Ungewisse, schließlich sind Bücher keine reinen Nachfrageprodukte. Meint Michael Schikowski.

Michael Schikowski

Michael Schikowski © Ingo Chalal

Buchhandlungen sind demokratische Orte: Wir sind von den Texten alle um die gleiche Armlänge entfernt. Diese Besonderheit der Buchbranche egalisiert manche Hierarchie, die zwischen buchhändlerischen Angestellten und Inhabern, die zwischen Kunden und Buchhändlern. Genau dies macht Buchhandlungen zu einem gesellschaftlich und politisch bedeutenden, zu einem genuin demokratischen Ort.

Für die Akteure der Branche ist damit eine besondere Verantwortung verbunden. Eine Insolvenz, gewiss, kann auch hier passieren, so wie dem Modehersteller Gerry Weber, dessen Miss­geschick auch mit der Logistik zusammenhing. Warum also nicht auch einem Grossisten für Bücher? Der Unterschied liegt allerdings darin, dass man in der Buchbranche einen Logistiker zu verlieren droht, der sich in allen relevanten Bereichen der Branche engagiert hat: der Warenwirtschaft, der Bibliografie, der Verlagsauslieferung und der berühmten Übernachtlieferung.

Warum aber brauchen wir eigentlich Bücher unbedingt am nächsten Tag? Doch nicht etwa, weil unser dringendes Verlangen nach ihnen schon nach zwei bis drei Tagen erlischt? Die Kehrseite dieses großen Erfolgs des Barsortiments KNV ist die noch größere Verantwortung für die Branche. Nun hängen die Buchhandlungen, die sich gerade diesem Unternehmen angeschlossen haben, buchstäblich mit diesem am seidenen Faden.

Schlimm genug, trotzdem handelt es sich nur um eine Verteilungskrise – weder um eine Leser- noch um eine Autorenkrise. Also wird auch in den Buchhandlungen weiter mit nicht nachlassender Lust und Laune über Bücher gesprochen. Moment mal, dachte man nicht, dass es dazu des sogenannten Social Reading innerhalb einer digitalen Kommunikationsplattform bedürfe? – Ja, dachte man, war aber falsch gedacht, denn die Buchbranche ist kein stilles Örtchen, nur weil beim Lesen bekanntlich besser Ruhe herrscht. Diese digitalen Geschäftsmodelle, die ziemlich großspurig ein vorgebliches Defizit der Buchbranche auszugleichen glaubten, sind an dem Denkfehler gescheitert, der von den Bedingungen der Rezeption auf die ganze Branche schließt. Sie sind jetzt selbst an einem stillen Örtchen.

Auch über die Distributionskrise wird noch lange zu sprechen sein. So sind hier nicht wenige Kräfte in der Branche tätig, die ihr Heil allein in der fortgesetzten Automatisierung und Homogenisierung der Branche sehen: Mayersche und Thalia fusionieren. Das bedeutet, schreitet das Kartellamt nicht ein, einen weiteren seidenen Faden, an dem alles hängt. Das ist außerdem die Ausweitung dessen, was Elisabeth Anderson gerade als "Private Regierung" (Suhrkamp) im Gegensatz zur demokratisierenden Wirkung des Einzelbetriebs auch für die Buchbranche so nachlesenswert beschrieben hat.

Vermutlich wird man sich fragen müssen, ob vor dieser Krise die Medien der Buchbranche ihrer Aufgabe als Frühwarnsystem gerecht wurden. Und, ob es wirklich noch mehr seidene Fäden braucht. Auch danach steht es nicht viel besser, wenn jetzt die "Augsburger Nachrichten" aufgrund der Branchenberichterstattung die Nachricht verbreitet, dass die "schnelle Verfügbarkeit der Bücher in Gefahr" sei. Ist sie das?  

Der Gang in eine Buchhandlung um die Ecke wird folgendes zeigen: Bücher sind verfügbar, jetzt und sofort, gleich am Eingang. Strecke den Arm aus. Direkter verfügbar geht gar nicht!

Wenn Bücher reine Nachfrageprodukte wären, bräuchte es keine Buchhandlungen. Ich wüsste dann schon immer, was ich will. Wir bewegen uns aber, wenn wir die Buchhandlung betreten, ins Offene und Ungewisse. Die Gewissheiten unseres sonstigen Einkaufszettels – Porree, Milch, Brot – sind damit gerade nicht zu vergleichen. In der Ökonomie spricht man vom Käufer- oder Verkäufermarkt, je nachdem, wer bestimmt. Wie so oft ist auch hier der Buchhandel genauso wie alle anderen und zugleich doch mehr. An der Bestsellerliste zeigt sich der Käufermarkt. Was lesen die anderen? In der literarischen Beratungsbuchhandlung erleben wir den Verkäufermarkt. Was soll ich lesen, Herr Bittner? Und dazwischen ist in den Buchhandlungen das unendliche Gemurmel, Geraune und Gequatsche zu hören, in dem Erfahrung und Wissen ausgetauscht werden. Ausgetauscht, vermehrt und demokratisiert.

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1 Kommentar/e

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  • Thomas Hatry

    Thomas Hatry

    Unser Standardspruch für den zettelablesenden Kunden: Wenn Sie ein Buch suchen, sind Sie hier falsch; hier können Sie ein Buch finden.

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