Interview mit KNV-Insolvenzverwalter Tobias Wahl

"Läuft alles nach Plan, haben wir im Juli einen Investor"

Das Amtsgericht Stuttgart hat für sechs KNV-Gesellschaften das Insolvenzverfahren eröffnet. Was das für den laufenden Geschäftsbetrieb, die Mitarbeiter, Lieferanten und Kunden bedeutet, und wie der Stand der Investorensuche ist, erläutert Insolvenzverwalter Tobias Wahl im Interview mit Börsenblatt Online. INTERVIEW: CHRISTINA SCHULTE

Tobias Wahl

Tobias Wahl © anchor

Sie hatten fest damit gerechnet, dass die Insolvenzverfahren tatsächlich eröffnet werden. Sind Sie dennoch erleichtert, die Bestätigung jetzt Schwarz auf Weiß zu haben?
Mein Team und ich haben uns seit Mitte Februar sehr intensiv mit der KNV Gruppe beschäftigt und dabei tiefe Einblicke in die KNV-Unternehmen, die Arbeitsprozesse an den Standorten in Erfurt, Leipzig und Stuttgart bekommen und durch zahlreiche sehr konstruktive Gespräche mit Verlagen und Buchhändlern gelernt, wie die Branche tickt. Wir blicken bei den KNV-Gesellschaften auf ein gutes in sich schlüssiges und solides Geschäftsmodell und wir haben nie daran gezweifelt, dass dieses Geschäftsmodell und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an den jeweiligen Standorten eine klare Zukunftsperspektive haben. Die gute Perspektive auf den Erhalt und die Fortführung der KNV-Unternehmen habe ich an das Gericht auch so kommuniziert. Daher ist die Eröffnung aller operativ tätigen KNV-Gesellschaften für mich keine Überraschung.

Was ändert sich durch die formale Insolvenzeröffnung für die Lieferanten und Kunden von KNV?
Nach der Eröffnung der Verfahren ändert sich für die Lieferanten und Kunden der KNV-Gesellschaften nichts. Alles geht weiter wie gewohnt. Die KNV-Gesellschaften werden weiterhin mit ihren schnellen, sehr pünktlichen und absolut zuverlässigen Leistungen für die Verlage und Buchhandlungen ihrer Arbeit nachgehen.

Können Verlage weiter damit rechnen, für jetzt gelieferte Waren bezahlt zu werden?
Die KNV-Gesellschaften stehen für eine gute Geschäftsbeziehung zu rund 4.500 Verlagen und mehreren Tausend Buchhandlungen. Trotz der anfänglichen Verunsicherung zu Beginn der Insolvenz sind die allermeisten Kunden und Geschäftspartner treu geblieben, und die Verlage beliefern uns wieder regelmäßig mit Buchwaren. Inzwischen hat KNV wieder 95 Prozent seines bisherigen Einkaufsvolumens bei den Verlagen erreicht. Mit der Eröffnung der Insolvenzverfahren geht die alleinige Verwaltungs- und Verfügungsbefugnis aller insolventen Gesellschaften auf den Insolvenzverwalter über, sofern dies bei zuvor angeordneter 'starker Verwaltung' nicht ohnehin bereits der Fall war. Als Insolvenzverwalter begründe ich weiterhin Masseverbindlichkeiten, sodass ich die Rechnungen für jetzt gelieferte Waren weiterhin vorrangig bezahlen kann.

Gibt es Buchhandelsbestellungen, die KNV nicht mehr ausführen kann?
Nein, die Quote der Meldenummern befindet sich fast auf dem Niveau der Zeit vor der Insolvenz.

Das Insolvenzgeld läuft mit Eröffnung des Insolvenzverfahrens aus. Sind die Löhne und Gehälter der Mitarbeiter dennoch gesichert?
Nach Ablauf des Insolvenzgeldzeitraums und der Eröffnung der Insolvenzverfahren werden die Löhne und Gehälter der rund 1.800 Mitarbeiter an allen KNV-Standorten inzwischen wieder von den Gesellschaften selbst gezahlt. Selbstverständlich sind die Löhne und Gehälter durch die entsprechende Liquidität gesichert.
 
Wie lange reicht das Geld, um die Firmen der KNV-Gruppe noch fortzuführen? Oder, anders gefragt: Wie groß ist Ihr Druck, rasch einen Investor zu finden?
Solange der Warenkreislauf weitergeht und zirkuliert, gibt es auch laufende Zahlungseingänge. Selbstverständlich haben wir eine rollierende Liquiditätsplanung, sodass wir stets einen guten Überblick über die finanzielle Situation haben. Diese Liquiditätsplanung zeigt, dass wir bis zum Ende dieses Jahres durchfinanziert sind. Davon losgelöst haben wir einen Investorenprozess gestartet, um die KNV Gruppe an einen starken Erwerber als Ganzes zu übertragen und möglichst viele Arbeitsplätze zu erhalten. Oberstes Ziel ist weiterhin, die KNV-Unternehmen langfristig und robust am Markt zu positionieren. Dies wird mit einem neuen Investor möglich sein.
 
Gehen Sie nach Ihren bisherigen Gesprächen davon aus, dass Sie die Firmen überhaupt durch eine Übertragung sanieren können? Wenn ja: Bis wann könnten die notwendigen Verträge mit Investoren unter Dach und Fach sein?
Ich führe einen streng vertraulichen Verkaufsprozess durch. Ich bitte um Nachsicht, dass ich weder Angaben über Inhalte der Gespräche, die Zahl der Interessenten noch deren Namen machen werde. Wir sind zuversichtlich, dass der Verkaufsprozess gelingt. Der Investorenprozess läuft, die Interessenten prüfen jetzt die Bücher. Läuft alles wie geplant, können wir die Verhandlungen im Juni abschließen, um die KNV-Gruppe idealerweise im Juli an einen neuen Investor zu übergeben.
 
Können Sie nach Erstellung der Gutachten Genaueres zu den Ursachen der Insolvenz sagen?
Die bis zuletzt - vor Antragsstellung - erfolgversprechenden und kurz vor dem Abschluss stehenden, aber letztlich gescheiterten Verhandlungen mit einem Investor hatten die Geschäftsführung veranlasst, die Insolvenzanträge zu stellen. Darüber hinaus werden wir uns im weiteren Verlauf des Insolvenzverfahrens mit den Ursachen für die Insolvenz beschäftigen. Zunächst einmal stehen die Fortführung und ein erfolgreicher Investorenprozess für uns im Vordergrund.

Was sind Ihre nächsten Schritte?
Ich freue mich, mit dazu beizutragen, eine für die Buchbranche so wichtige Unternehmensgruppe zu stabilisieren, fortzuführen und zu erhalten. Darin sehen unser Insolvenzteam und ich eine große Herausforderung und die wichtigsten Schritte. Mir ist sehr bewusst, dass dies für viele Beteiligte auch ein außergewöhnlicher Kraftakt ist – nicht zuletzt auch für alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die jeden Tag unter hohem Einsatz ihr Bestes geben. Neben den Verlagen und Buchhandlungen, die uns ihr Vertrauen schenken und die Zusammenarbeit fortsetzen, tragen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wesentlich dazu bei, der KNV Gruppe eine Perspektive zu geben. Durch den eingeleiteten Investorenprozess hoffen wir, dass bis zum Sommer für alle Beteiligten durch einen neuen Investor Gewissheit herrscht.

Haben Sie inzwischen einen exakten Überblick über die Höhe der Forderungen und Verbindlichkeiten bei KNV und KNO-VA?
Zu den Verbindlichkeiten der KNV können wir derzeit leider keine genauen Angaben machen, da erst ab der Eröffnung der Insolvenzverfahren die Gläubiger ihre Insolvenzforderungen bei mir zur Tabelle anmelden können. Hierzu werden wir in Kürze entsprechende Informationen an die Gläubiger versenden. Zudem ändert sich die Höhe der Insolvenzforderungen laufend, da von der Summe der Forderungen die Zahlungen auf Eigentumsvorbehalte abgezogen werden muss. Das heißt: die Bücherwaren, die uns die Verlage geliefert haben, und die noch nicht von KNV bezahlt worden sind und sich in den Lagern von KNV befinden, gehören weiterhin den Verlagen. Wenn diese Bücher ab dem Insolvenzantrag von KNV an die Buchhandlungen verkauft werden, muss KNV diese Bücherware auch an die Verlage bezahlen. Diese Zahlungen verringern daher auch die Höhe der Insolvenzforderungen.

Bis zu welchem Termin müssen die Gläubiger von KNV ihre Forderungen zur Insolvenztabelle anmelden? Werden Sie betroffene Verlage und Buchhandlungen dazu selbst noch informieren und bei der Forderungsanmeldung unterstützen?
Wir werden in Kürze die Gläubiger anschreiben und Ihnen alle erforderlichen Informationen über die Anmeldung der Insolvenzforderungen zusenden. Die Anmeldung hat bis zum 18. Juli 2019 zu erfolgen. Die Prüfung der angemeldeten Forderungen erfolgt im schriftlichen Verfahren am 1. Oktober 2019.

Nun kann auch der Gläubigerausschuss einberufen werden. Wer und wie viele Personen werden darin vertreten sein?
In der Insolvenzordnung ist die Einrichtung eines Gläubigerausschusses fest verankert, damit den Interessen der Gläubiger bestmöglich Rechnung getragen werden kann. Daher sind in der Regel auch alle wesentlichen Gläubigergruppen in einem Gläubigerausschuss vertreten. Der Gläubigerausschuss hat die Aufgabe, den Insolvenzverwalter bei seiner Arbeit zu unterstützen und ihn zu überwachen. Die Mitglieder des Gläubigerausschusses vertreten dabei die Interessen ihrer Insolvenzgläubiger. Die fünf operativ tätigen insolventen KNV-Gesellschaften haben jeweils einen eigenen Gläubigerausschuss. Jedoch kommt es vor, dass einzelne Personen als Mitglied in mehreren Gläubigerausschüssen der KNV-Gesellschaften sind. Grundsätzlich sind im Gläubigerausschuss Vertreter der Banken, der Arbeitnehmer, der Bundesagentur für Arbeit und der Lieferanten.

Wann könnte die erste Gläubigerversammlung stattfinden?
Die erste Gläubigerversammlung, der sogenannte Berichtstermin, findet am 25. Juli 2019 beim Amtsgericht in Stuttgart statt. Auch hierüber werde ich alle Gläubiger in den nächsten Tagen unterrichten. Bei dieser ersten Gläubigerversammlung werde ich über die wesentlichen wirtschaftlichen Daten sowie auch über die Ursachen und Gründe für die Insolvenz der KNV-Gesellschaften berichten. Es ist nicht erforderlich, dass die Gläubiger an diesem Termin teilnehmen. Gläubiger können den Bericht unmittelbar nach dem Termin online abrufen.

Schlagworte:

Mehr zum Thema

0 Kommentar/e

Diskutieren Sie mit ...

  • Informationen zum Kommentieren

    Bitte kommentieren Sie zur Sache. Aggressive, polemische und beleidigende Kommentare werden nicht veröffentlicht. Wir werden Ihren Kommentar so schnell wie möglich freischalten. Hier lesen Sie unsere Netiquette.

  • Mein Kommentar

    Bitte kommentieren Sie zur Sache. Aggressive, polemische und beleidigende Kommentare werden nicht veröffentlicht. Wir werden Ihren Kommentar so schnell wie möglich freischalten. Hier lesen Sie unsere Netiquette.

    Ihr Profilbild können Sie über den externen Dienst Gravatar einbinden.

    (E-Mail wird nicht veröffentlicht)
    CAPTCHA image
    Wenn Sie die Buchstabenkombination nicht entziffern können, erhalten Sie durch Klick auf die Buchstaben eine neue Kombination.

    * Pflichtfeld