Christoph Mohr über mehr Aufmerksamkeit für Novitäten

Das erste Kapitel

Das Bemühen um Sichtbarkeit neuer Bücher beschäftigt die Branche, seit traditionelle Bühnenbetriebe für Literatur, die Feuilletons zum Beispiel, an Wirkmacht einbüßen. Christoph Mohr, Journalist und zuletzt Verleger und Geschäftsführer des Frankfurt School Verlags, hat einen Vorschlag.

Christoph Mohr

Christoph Mohr © privat

Früher erfüllten die Feuilletons der großen Zeitungen noch das Leistungsversprechen, sämtliche wichtigen Neuerscheinungen zu rezensieren. Die Bücher, über die man sprach. Was auch, wie Karl Heinz Bohrer es formuliert hat, eine gewisse Dringlichkeit suggerierte: Die literarische Öffentlichkeit wurde so konstituiert. Eine ordentliche Buchhandlung hatte dann diese Bücher, über die man sprach, vorrätig, sodass man das eine oder andere anlesen konnte. Tempi passati.

Ich weiß, Verlage auf einen gemeinsamen Nenner, ein gemeinsames Projekt zu bringen, darf als aussichtsloses Unterfangen gelten. Und doch, Verleger sind ja Spezialisten für aussichtslose Unterfangen, deshalb sei es versucht. Vorgeschlagen sei: die "­Erstes-Kapitel-Website" des deutschsprachigen Buchs. Mit ­besonderer Einladung natürlich auch an die Schweiz und an ­Österreich. Im Idealfall würde man hier von "allen" literarischen Neuerscheinungen zum Anlesen das erste Kapitel finden. Im Prinzip wäre dieses Projekt auch für Sachbücher denkbar.

Eine solche "Erstes-Kapitel-Website" würde so etwas wie ­literarische Öffentlichkeit (wieder-)herstellen: Schaut her! Dies ist, was das Land literarisch produziert. Das macht auch den ­Unterschied zu den Leseproben aus, die sich schon heute mehr oder minder einfach im Internet finden lassen, bei Amazon etwa und auf verschiedenen Verlagswebsites.

Verschiedene Realisierungsmöglichkeiten sind denkbar: Am einfachsten wäre es offenkundig, wenn sich die relevanten Literaturverlage, die Suhrkamps, Fischers, Hansers etc. in einem Konsortium zusammenfänden. Denkbar wäre auch, dass die ­Lyrik publizierenden Verlage ein "Lyrik-Portal" kreieren, oder die Krimiverlage eine "Krimi-Website".

Denkbar ist aber auch, dass jemand anderes als Aggregator die Sache übernimmt. Der Börsenverein scheint dazu prädestiniert. Alternativ könnte man sich vorstellen, dass es eine der buchrelevanten Tageszeitungen, "Frankfurter Allgemeine", "Süddeutsche", "Die Zeit", "Die Welt", in die Hand nimmt.

Falls eine große Lösung nicht zu haben ist, könnte man sich auch kleinere Lösungen vorstellen. Es wäre ja schon einmal ­etwas, wenn auf der Website des Südwestrundfunks das jeweils erste Kapitel aller Titel der SWR-Bestenliste zu finden wäre. Oder auf "Spiegel online" die Eingangskapitel der Titel der "Spiegel"-Bestsellerliste. Und wenn es die Litprom-Bestenliste "Welt­empfänger" nicht nur als Plakat gäbe, sondern man die Titel auch irgendwo anlesen könnte.

Vorstellbar sind geografische Varianten. Berliner Zeitungen wie der "Tagesspiegel" oder die "Berliner Zeitung" könnten sich auf ihren Websites auf die Neuerscheinungen von in Berlin ansässigen Autoren fokussieren. Temporäre Varianten sind ebenfalls denkbar: die wichtigsten Neuerscheinungen, die auf der Frankfurter oder Leipziger Buchmesse vorgestellt werden, das erste Kapitel der Bücher der Autoren der lit.Cologne und anderer Literaturfestivals.

Auch "verrücktere" Varianten wären möglich: Die Deutsche Bahn könnte ihren Kunden dies als digitalen Service während der Zugfahrt anbieten oder die Literaturhäuser in ihren Cafés. Die Lufthansa oder der Flughafen Frankfurt könnten zu den Destinationen, die sie bedienen, die besten Bücher auf ihren Websites anzeigen. Nicht schlecht: Man sitzt im Airport, wartet auf den Flieger und träumt sich bei der Lektüre über die Wartezeit hinweg …

Und obwohl ich es als Verleger natürlich nicht sagen dürfte: Wenn sich, sagen wir, die 100 wichtigsten Autoren des Landes zusammenschlössen, könnten sie es auch alleine – also ohne ihre Verlage – machen. Aber gut: Die Wahrscheinlichkeit, dass sich 100 Literaten zu einem solchen Projekt zusammenfinden, ist wohl noch geringer, als dass es die Verleger tun. Dann schon eher Amazon.

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2 Kommentar/e

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  • Karin Lassen

    Karin Lassen

    Eigentlich eine spannende und gute Idee. Traurig finde ich aber, dass nur die "wichtigsten" Autoren und "relevantesten" Verlage bedacht werden. Schade, denn etliche Kleinverlage und (noch) namenlose Autorinnen und Autoren haben auch so manche Schätze zu bieten, die auch bei diesem Gedanken unberücksichtigt bleiben.

  • Detlef Knut

    Detlef Knut

    Lieber Herr Kollege Mohr, gibt es doch längst. Muss nur genutzt werden. Nennt sich book to look https://www.book2look.com/ Nur Mut, es kann in jeds Buch reingelesen werden.

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