Geburtstagsglückwunsch für Monika Schoeller

„Ihre Großzügigkeit ist legendär“

Sie bleibt lieber im Hintergrund - und prägt von dort aus die Buchwelt: S. Fischer-Verlegerin Monika Schoeller feiert am 15. September 80. Geburtstag. Juergen Boos, Direktor der Frankfurter Buchmesse, verneigt sich.

Monika Schoeller

Monika Schoeller © Harald Schröder

Anfang der 80er war ich zum ers­ten Mal allein auf der Frankfurter Buchmesse – ohne meinen Buchhändler-Onkel, den ich sonst immer begleitete. Und natürlich war mein wichtigstes Ziel, auf eine der berühmten Verlagspartys zu gehen. Tatsächlich gelang es mir, mich auf den S. Fischer-Empfang zu schmuggeln. Nur: Wer war die Gastgeberin? Etwa diese bescheidene Dame, die neben all den ­prominenten Autorinnen und Autoren stand? Heute weiß ich es, und ich fühle mich sehr geehrt, Monika Schoeller zum 80. Geburtstag gratulieren zu dürfen.

Monika Schoeller übernahm 1974 als 34-Jährige die Leitung des S. Fischer Verlags. Von der Belegschaft und Verlegerkollegen zunächst kritisch beäugt, gelang es der jungen Verlegerin innerhalb kürzester Zeit, die Verlagswelt zu überraschen: Sie kaufte die deutschen Rechte an Doris Lessings "The Golden Notebook". Um das Buch, das zu diesem Zeitpunkt bereits seit einigen Jahren vorlag, hatten deutsche Verleger einen Bogen gemacht: Zu groß schien das Risiko, den über 1.000-seitigen Roman einer Autorin zu übersetzen, die in Deutschland nahezu unbekannt war. Die Mutprobe erwies sich als Geniestreich: "Das goldene Notizbuch", mittlerweile ein Klassiker der feministischen Literatur, ist einer der bedeutendsten Romane über das geistig-moralische Klima Mitte des 20. Jahrhunderts. Die Verkaufszahlen bestätigten Monika Schoellers Gespür für zeitdiagnostische Themen; die Verleihung des Nobelpreises an Doris Lessing 2007 krönte den Erfolg.

Unter Monika Schoeller fanden weitere Autorinnen und Autoren ihre literarische Heimat bei S. Fischer: Günter de Bruyn, Carolin Emcke, Dieter Forte, Judith Hermann, Wolfgang Hilbig, Reiner Kunze, Monika Maron, Christoph Ransmayr und Gerhard Roth, um nur einige wichtige Namen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur zu nennen. Der Verlag verhalf dem erzählerischen Werk von Alice Munro in Deutschland zum Durchbruch, die, neben J. M. Coetzee, die Reihe der Nobelpreisträger erweiterte. Mit der Übersetzung von "Unter dem Tagmond", dem 650 Seiten starken Debütroman der neuseeländischen Autorin Keri Hulme (sie erhielt dafür den Booker Preis), bewies Monika Schoeller erneut ihre Risikobereitschaft, ihren Sinn für ungewöhnliche Stoffe und Qualität. Dass die Reihe Die Frau in der Gesellschaft im Fischer Taschenbuchverlag entstand, ist nur folgerichtig.

In einem von männlichen Kollegen dominierten Literaturbetrieb behauptete Monika Schoeller sich, indem sie im Hintergrund wirkte: Ihre L­oyalität zu ihren Mitarbeitern ist legendär, ebenso die Großzügigkeit, mit der sie Autoren und Kollegen unterstützt.

Ihr Engagement führt sie mit der 2003 gegründeten S. Fischer Stiftung weiter – übrigens eine unabhängige Privatstiftung der Verlegerin, ohne Anbindungen an den Verlag. Sie ermöglicht Europäische Debatten, internationale Übersetzungs­förderung, die Vergabe von Stipendien, unter anderem für Reiner Stachs Arbeit an seiner großen Kafka-Biografie, für die Kritische Ausgabe der Werke von Hugo von Hofmannsthal oder die Große Kommentierte Frankfurter Ausgabe Thomas Manns und die Virginia-Woolf-Ausgabe. Durch die Einrichtung von Postgraduiertenstipendien im Marbacher Literaturarchiv kam ihre Verbundenheit und ihr Vertrauen in die Marbacher Arbeit zum Ausdruck, die sie durch die Schenkung des Verlagsarchivs an Marbach und die Finanzierung seiner Aufarbeitung dort bekräftigte. Für ihr umfangreiches mäzenatisches Wirken wurde Monika Schoeller 2018 mit der Maecenas-Ehrung ausgezeichnet.

Das besondere Engagement und die Verantwortung für die jüdisch-deutschen Beziehungen nach der Shoah hat Monika Schoeller verlegerisch vor allem durch die Begründung der Schwarzen Reihe 1977 bei S. Fischer gezeigt und durch ihren unermüdlichen, wenn auch diskreten Einsatz für die Hinterbliebenen Anne Franks und den Anne Frank Fonds. Dies geschah in gelebter Tradition des Verlagsgründers Samuel Fischer. Seit Langem unterhält Monika Schoeller enge Beziehungen nach Jerusalem.

Ich verneige mich vor Monika Schoeller und gratuliere ihr von ganzem Herzen zum 80. Geburtstag.

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4 Kommentar/e

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  • Susanne Dagen

    Susanne Dagen

    Monika Schoeller ist mir ein großes Vorbild - stand sie doch als Verlegerin für beständiges Suchen nach der literarischen Stimme, die uns Lesern Geschichten erzählt, uns lachen lässt und weinen. Literatur, die für Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft spricht, die uns die Fragen und den Zweifel beantwortet, die Perspektiven und Wege aufzeigt. Gerade heute ist die künstlerische Schriftsprache dem oft zu schnell gesprochenen Wort überlegen. Wir brauchen sie mehr denn je, geschrieben von klugen Autoren, veröffentlicht von mutigen Verlegern. Eine solche Autorin ist für den S. Fischer Verlag Monika Maron, die den Verlag in den letzten vier Jahrzehnten wie kaum eine andere deutschsprachige Autorin prägte. Ihr Buch „Flugasche“, damals noch lange vor der Wiedervereinigung bei S.Fischer MUTIG verlegt, „Stille Zeile sechs“ und „Pawels Briefe“, die später dann erschienen, haben für die Biografien und zeitpolitischen Auseinandersetzungen einer ganzen Generation gesprochen. Nachdem sie 2009 den Nationalpreis erhielt, erschien ein Buch mit ausgewählten Aufsätzen, die 1989 bis zum Jahr 2009 von ihr erschienen sind oder als Reden von ihr gehalten wurde. „Zwei Brüder“ ist der Titel und ich empfehle jedem, den die Frage umtreibt, warum gerade Monika Maron, die über 15 Bücher im S.Fischer Verlag veröffentlichte, bei diesem sehr persönlichen Glückwunsch zum 80. Geburtstag Monika Schoellers ungenannt bleibt. Wer allerdings nicht lesen will, soll trotzdem fragen: Warum fehlt Monika Maron in der Aufzählung derer, die den Verlag literarisch prägen?

  • Dr. Cora Stephan

    Dr. Cora Stephan

    So, ich frage dann einfach nochmal: vielleicht war das Fehlen von Monika Marons Namen ein Irrtum, den man korrigieren kann? Sie gehört ja nun wirklich zu den nicht nur den Verlag, sondern die deutsche Literatur prägenden Autoren.

  • Christine Wondrak

    Christine Wondrak

    Ich gratuliere Monika Schoeller, frage mich aber, warum Monika Maron nicht dabei ist? Sie ist ohne Zweifel eine Ihrer Autorinnen, die eine große Bedeutung für die deutsche Literatur haben. Könnten Sie mir dies bitte erklären?

  • Redaktion

    Redaktion

    Liebe Kommentatorinnen,
    der Artikel wurde aktualisiert (siehe oben). Im Übrigen erhebt die Aufzählung der Autorinnen und Autoren nicht den Anspruch auf Vollständigkeit. Es fehlen auch andere wichtige Namen.

    Die Redaktion

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