Aktuelle norwegische Kinderbücher

Respekt!

Das Angebot an norwegischer Kinder- und Jugendliteratur  ist groß – die Liste der Novitäten, die zum Gastlandauftritt bei der Frankfurter Buchmesse erscheinen, umfasst mehr als 40 Titel. Was macht Kinderbücher aus Norwegen so besonders? Einschätzungen. LENA REICH

"Wenn man die gegenwärtige norwegische Kinder- und Jugendliteratur auf einen Nenner bringen will, dann ist das: Vielfältigkeit." Das Urteil von Ines Galling, die in der Internationalen Jugendbibliothek in München die skandinavische Literatur betreut, wird durch die Zahl der Novitäten bestätigt: Viele unterschiedliche Themen, ausgefallene Illustrationen und Textformen von der Graphic Novel bis zum Langgedicht sorgen für einen interessanten Mix.


Erzählt wird von Freundschaft, erster Liebe, Abenteuern auf dem Bauernhof oder Problemen in der Schule. Was die norwegische Kinder- und Jugendliteratur aber besonders macht, erklärt Petra Wenzel von der Buchhandlung Pankebuch in Berlin: Themen werden aus ungewohnter Perspektive behandelt, Werte auf sehr unkonventionelle Art vermittelt. "Norwegische Kinderbücher sind auch didaktisch nicht so streng wie die Bücher anderer Nationen", resümiert Wenzel. "Humor spielt eine große Rolle, Tabus werden gebrochen." Ines Galling sieht den Hang zum Unkonventionellen in ­einer besonderen Einstellung zur Rolle von Kinderliteratur begründet. "Nor­wegische Bücher sind oft von einem grundlegenden Vertrauen in die kindliche Autonomie und von Respekt gegenüber Kindern und ihrem Blick auf die Welt geprägt. Diese Haltung, Kinder ernst zu nehmen, bedeutet auch, dass bedrohliche Themen nicht ausgespart werden." Norwegische Kinder- und Jugendbuchautoren sprechen Probleme an, die woanders eher als Tabuthemen gelten. Ingrid Ovedie Volden beispielsweise erzählt in ihrem Roman "Unendlich mal unendlich mal mehr" (Thienemann, 176 S., 12,99 Euro, ab 10) von einem Mädchen mit Zwangsstörungen. Im Bilderbuch "Bösemann" von Gro Dahle und Svein Nyhus (NordSüd, 48 S., 18 Euro, ab 5) wird das Thema häusliche Gewalt behandelt.

Die erwähnte Vielfalt zeichnet sich besonders im Bilderbuch ab, meint Galling: "Es zeigt sich ungemein facettenreich, besticht durch Ideenreichtum, einen hohen künstlerischen Anspruch und nutzt die ästhetischen Möglichkeiten des Mediums." Dabei stechen ungewöhnliche Illustrationen heraus, wie die von Gry Morsund in den Bilderbüchern über die "Böckchen-Bande", die auf Deutsch bei Klett Kinderbuch erscheinen. "Bjørn F. Rørvik schüttelt mit viel Sprachwitz und Morsund mit wilden Kritzelzeichnungen das Volksmärchen von den drei Böckchen und dem tumben Troll gehörig durch – auch deshalb sind die Bücher in Norwegen bereits moderne Klassiker", so Galling.

Der preisgekrönte Illustrator Øyvind Torseter, unter anderem mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis 2018 ausgezeichnet, greift ebenfalls auf traditionelle Stoffe zurück: "Torseter verleiht mit skurrilen Einfällen, comicartigem Strich, Fabulierfreude und sprachlicher Lakonie klassischen Stoffen aus Sagen- und Märchenwelt einen neuen Dreh", so die Lektorin. Der schönste Beweis: seine neue Graphic Novel "Hans sticht in See" (Gerstenberg, 160 S., 26 Euro).

Neben Trollen und Elfen geht es um brandaktuelle Themen: "Konkrete gesellschaftliche Herausforderungen – Migration, Inklusion, Ökologie, Ungleichheit, soziale Medien – werden seit einiger Zeit wieder reflektiert, was den Blick für Widersprüche, aber auch für den Pluralismus der norwegischen Gesellschaft schärft", erklärt Ines Galling. So werden etwa die Gefah­ren sozialer Medien und das dadurch verstärkte Bedürfnis nach Anerkennung thematisiert (Mina ­Lystad: "Zu cool, um wahr zu sein", Hummelburg, 224 S., 12,99 Euro). Die Science-Fiction-Serie "Kepler 62" von Bjørn Sortland und Timo Parvela ("Buch 1: Die Einladung" und "Buch 2: Der Countdown", 128 / 160 S., beide bei Kosmos, Oktober, 12,99 Euro, ab 10) dagegen spielt in ­einer Welt, die kurz vor der Apokalypse steht, und passt damit gut in die aktuelle Umweltdebatte.

Zu Wort melden sich zudem immer öfter Einwanderinnen der zweiten Generation: "Sie erzählen vom Hin-und-her-Gerissensein zwischen den Ansprüchen ihrer Familien, denen der norwegischen Mehrheitsgesellschaft und gegenseitigen Vorurteilen", beobachtet Galling. So etwa "Schamlos" von Amina Bile, Nancy Herz und Sofia Nesrine Srour (Gabriel, 168 S., 15 Euro) über die Situation muslimischer Mädchen.

Gleich zwei Neuerscheinungen widmen sich der Zeit des Zweiten Weltkrieges, in der Norwegen von der deutschen Wehrmacht okkupiert war: Marianne Kaurins "Beinahe Herbst" (Arctis, 224 S., 16 Euro, ab 14) und "Über die Grenze" von Maja Lunde (Urachhaus, 192 S., 16 Euro, ab 9). Beide werfen einen eindrucksvollen neuen Blick auf die Vergangenheit.

Einige Autoren sind in Deutschland längst bekannt, so auch Maria Parr, ­deren dritter Kinderroman "Manchmal kommt Glück in Gummistiefeln" (Dressler, 208 S., 15 Euro, ab 9) kürzlich erschienen ist, oder Bestsellerautor Jostein Gaarder (aktuell: "Genau richtig", Hanser, 128 S., 16 Euro).

Andere dagegen veröffentlichen zum ersten Mal in Deutschland, darunter Espen Dekko ("Poff und Elmar", Kullerkupp Kinderbuch, 40 S., 14,90 Euro, ab 4) und ­Taran Bjørnstad ("Der Krokodildieb", Gulli­ver, 128 S., 6,95 Euro, ab 8). Es gibt also viel zu entdecken!

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