Die Folgen der neuen Libri-Lagerpolitik

Große Pakete aus Bad Hersfeld

Verlage und Buchhändler sind immer abhängiger vom Zwischenhandel geworden. Das rächt sich jetzt, wie nach der KNV-Insolvenz nun die Lagerumstellung bei Libri zeigt. Ein Zwischenruf von Merlin-Verlegerin Katharina Eleonore Meyer.

Merlin-Verlegerin Katharina Eleonore Meyer

Merlin-Verlegerin Katharina Eleonore Meyer © Roger von Heeremann

Samstagmorgen, 7:30 Uhr – ich bin auf dem Weg in den Verlag und treffe vor der Tür den Fahrer von Booxpress: Wir haben ihn am Vortag bestellt, um die wöchentlichen Bestellungen abzuholen. Der Merlin Verlag liefert selbst aus, das Transportsystem funktioniert seit Jahren reibungslos. Doch nachdem der Fahrer die beiden kleinen Pakete in seinen Transporter eingeladen hat, bringt er drei große Pakete und stellt sie vor die Tür. Ob er sie reintragen soll – die Lagertür ist inzwischen aufgeschlossen – sie seien schwer. Zusammen tragen wir die Pakete ins Haus. Ich weiß, dass er dazu nichts sagen kann, er ist nur der Fahrer eines von Booxpress beauftragen Subunternehmens, aber ich bin so überrascht, dass ich mit ihm darüber reden muss: Aber diese Pakete waren gar nicht avisiert? Was ist da los? Er zuckt mit den Schultern: Eigentlich hätten die Pakete schon gestern gebracht werden sollen. Ich denke, na, großartig, wünsche ihm „gute Fahrt“ wie immer, gehe hinein und öffne die Pakete: Fünf Titel werden retourniert: Bestandskorrektur – die Bücher sind ausnahmsweise tipp topp, sie kommen also wirklich aus dem LIBRI-Lager (und sind keine Retouren von Libri-Kunden) – bestellt/geliefert wurden sie zwischen März 2018 und Mai 2019. Es handelt sich um Bücher im Wert unseres Monatsumsatzes bei Libri. Der ist freilich im Verlauf der letzten zehn Jahre kontinuierlich zurückgegangen auf ein Niveau, das so niedrig ist, dass dem Leser der Atem stocken würde, würde ich ihn hier beziffern. Und es ist bereits die dritte Remission in diesem Jahr: in der ersten Jahreshälfte hatte Libri bereits zwei sehr große Remissionen vorgenommen: Räumung des XL-Lagers, das erst vor rund vier Jahren eingerichtet worden war.

Stresstest im Maxi-Lager

Als ich diesen Sommer mit dem Einkauf bei Libri telefonierte und mich vorsichtig erkundigte, was denn los sei, ich würde mir – nach der KNV-Insolvenz – ein wenig Sorgen machen um Libri, sagte man mir, nein, das wäre nun gar nicht nötig, es sei alles in Ordnung. Aber man würde das große Lager nun reduzieren und das Einkaufsverhalten auch umstellen auf kürzere Zeiträume – als ich meine, dann hätte das Maxi-Lager wohl doch nicht so gut funktioniert wie erwartet, heißt es, nein, eigentlich hat es sogar sehr gut funktioniert. Häh, und was ist dann bitte das Problem? Natürlich wissen wir, was das Problem ist: Wer ernsthaft geglaubt hat, dass die im letzten Jahr offengelegten dramatischen Rückgänge bei der Zahl der Buchkäufer schlicht nur Zahlen ohne irgendeine Bedeutung oder Auswirkung sind, der hat nicht verstanden, wie der Handel funktioniert. Dass der Buchabsatz seit JAHREN rückläufig ist, dürfte jeder Verleger gemerkt haben, der die Entwicklung seiner Lagerbestände aufmerksam beobachtet und sieht was am Markt los ist.

Zuviel ist zuviel

Das Phänomen ist nicht neu: Die Branche produziert seit Jahrzehnten zu viele Titel, viel zu viele Titel müssen jährlich verramscht oder makuliert werden, weil sie keinen Käufer gefunden haben. Das Problem wird von den Verlagen verursacht, die in der Annahme, dass alle diese Titel vom Leser gebraucht werden und auf der Suche nach dem Durchbruch ihrer Marke am Markt immer mehr Titel – bisweilen (welch genialer Einfall!) in kleiner Auflage - produzieren, statt bereits am Anfang strenger zu selektieren und ggf. einen Titel nicht zu veröffentlichen. Obacht, es geht nicht darum, relevante Titel nicht zu verlegen, es geht darum abzuwägen, welcher Titel ist für welchen Leser relevant. Ich denke, jeder Verleger weiß, dass es im eigenen Programm eine Reihe von Titeln gibt, auf die „die Welt nicht gewartet hat“. Natürlich wir werden getrieben (und lassen uns treiben) von dem ewigen Wahn, es müsse etwas Neues kommen: Da sind die Autoren, die immer Neues schreiben, da sind die Händler, die für ihre Kunden immer Neues suchen (auch wenn die zweimal jährlichen Vorschauen bisweilen als Zumutung empfunden werden). Dahinter liegt ein Wachstumsgedanke, der auch in unserer Branche suggeriert, wir müssten wachsen - und wachsen könnten wir nur, wenn wir etwas Neues auf den Markt bringen. Doch – der Rückgang der Käuferzahlen zeigt es – nehmen wir überhaupt noch wahr, was die Käufer brauchen?

Abhängigkeiten: Wenn der Zwischenhandel wankt

Ist unsere Aufgabe als Verlage nicht eigentlich die, Bücher zu machen, von denen wir überzeugt sind, dass sie für die Menschen, für die Welt wie sie heute ist, relevant sind? Was aber ist mit dem Zwischenhandel? Dem Zwischenhandel, diesen wunderbaren Unternehmen, die ursprünglich angetreten sind, die Logistik innerhalb der Branche zu erleichtern und eine schnelle Belieferung des Handels zu gewährleisten. Der Zwischenhandel hat sich im Laufe der letzten 40 Jahre systematisch unentbehrlich gemacht: Den Verlagen half er bei der Beschleunigung des Warenverkehrs, dem Buchhandel half er bei der Bewältigung der Herausforderungen von Wareneinkauf und Warenbestand: Es begann mit dem Katalog des Großhandelslagers (dieser wurde in den 70er Jahren noch gedruckt verteilt!), dann zogen nach den Betriebsberatern die Warenwirtschaftssysteme der Großhändler in die Buchhandlungen ein und schließlich die elektronischen Kassensysteme und der Webauftritt. In dem Maße in dem die Zwischenbuchhändler – ihrer Devise nach Wachstum und Umsatzsteigerung folgend – systematisch und gigantisch gewachsen sind und alle Bereiche und Abläufe innerhalb der Branche „systemrelevant“ bestimmen, hat die Abhängigkeit der Verlage und Buchhandlungen vom Zwischenbuchhandel proportional zugenommen. Bei Merlin werden seit Jahren 90 Prozent des Buch-Umsatzes über den Großhandel gemacht. Dass das nicht nur für den Verlag, sondern auch für den Buchhandel schädlich ist, ist evident. Es ist doch so: Die Bäume wachsen in den Himmel, aber irgendwann hören auch sie auf zu wachsen. Und wenn an der Wurzel der Grundwasserspiegel fällt, sterben sie ab. Beim nächsten Sturm fallen sie um. Wir befinden uns gerade an dem Punkt, wo der Gärtner versucht, den Baum durch radikalen Beschnitt der Krone zu retten, doch das ändert nichts daran, dass der Grundwasserspiegel mangels Regen weiter fallen wird. Nachdem die Zwischenbuchhändler mit unternehmerischem Tatendrang, viel Innovation und durchaus guten Ideen die Branche revolutioniert und sich vor allem aber unersetzlich gemacht haben, geraten auch sie nun infolge des Käuferschwundes und den Auswirkungen des neuen Leserverhaltens (Stichwort: soziale Medien) ins Wanken.

Die Entmündigung des Händlers

Aber worum geht es hier eigentlich? Geht es nicht im Kern um Ideen, um Geschichten, um Bücher? Neben einem großen Baum stehen immer auch neue und kleine Bäume. Auch schlagen umgefallene Bäume manchmal neu aus. Wenn es in unserer Branche weitergehen soll – und es wird weitergehen, davon bin ich überzeugt! – dann sollten sich alle, denen es um Inhalte und um das Buch geht besinnen und zusammenraufen. Technik soll uns bei der Arbeit unterstützen, wenn aber Algorithmen - erstellt auf der Basis von Absatzzahlen, die über einen bestimmten Zeitraum beobachtet werden – darüber entscheiden, was dem Leser angeboten wird und am Lager verfügbar ist, führt dies zu einer Entmündigung des Händlers und à la longue zum Verlust des Denkens. Gerade das Denken und das Kopfkino aber sind das, was Lesen auslöst und fördert! Was in dieser Lage nötig ist, sind direkte Gespräche zwischen Verlag und Buchhandel und konstruktive Ideen, wie man Inhalte – unabhängig von den Algorithmen und Betriebsberatern der Großhändler – zum Leser bringen kann. Z.B. die Backlist: Wie viele Titel, die die Großhändler - aus Gründen, die aus Großhandelssicht nachvollziehbar sind – derzeit auslisten, sind eigentlich passé? Gibt es nicht immer neue Leser, die sich gute, relevante Titel aus der Backlist erst erschließen müssen, z.B. weil sie schlichtweg zur nächsten Generation gehören (laut Studie sind die jüngeren Leserschichten ja durchaus noch am Buch interessiert!) und diese noch nicht kennen?

Die Berühmte Nr. 17

Buchhändler Patz in Bienenbüttel hat im Sommer die Aktion „Melde 17“ gestartet (Melde Nr. 17 kennzeichnet die Titel, die der Großhandel ausgelistet hat. Der Code bedeutet „Führen wir nicht bzw. nicht mehr“ – diese Titel kann der Buchhandel über den Großhandel also nicht mehr beziehen. Die Titel sind jedoch im VLB recherchierbar und über den Verlag bzw. dessen Auslieferung erhältlich.): Seit vielen Jahren findet in seinem Umland die von seiner Frau und ihm initiierte und in Kooperation mit dem Merlin Verlag organisierte Buchwoche Bienenbüttel statt. In diesem Jahr bereits zum 10. Mal. Daraus hat sich eine intensive Zusammenarbeit mit einer Vielzahl von kleinen und unabhängigen Verlagen ergeben, für die er in seinen beiden Geschäften in Bienenbüttel und Bad Bevensen Kundschaft gewinnen konnte und kann. Im Frühsommer hat Patz diese Verlage aufgefordert, ihm ihre wichtigsten Backlist-Titel zu benennen. Denn die Buchhändler Patz möchten in ihren Buchhandlungen einen ständigen Tisch einrichten, auf dem sie unter dem Label „Melde 17“ ausschließlich relevante Titel aus der Backlist der Verlage zeigen. Dabei soll das Label auch dazu dienen, mit den Kunden ins Gespräch zu kommen, über die Problematik der Verfügbarkeit von Backlist-Titeln. Die Patzens haben nur gute Erfahrungen damit gesammelt, ihre Kunden – Leser! – für die Zusammenhänge auf dem Buchmarkt zu sensibilisieren. Durch die vielen ehrlichen und persönlichen Gespräche mit ihren Kunden schaffen sie eine Kundenbindung, die sogar Touristen aus Süddeutschland einschließt! Eine Aktion, die jeder Buchhändler/jede Buchhändlerin umsetzen kann, mit den Inhalten und den Verlagen, die er/sie seinem/ihrem Publikum besonders ans Herz legen möchte.

Mit Leidenschaft und Gesprächsbereitschaft

Leidenschaft und Begeisterung aller Beteiligten ist die einzig richtige Antwort auf die aktuellen Entwicklungen! Und was können Verlage tun? Aufmerksam machen und Anreize schaffen! Wir starten – in Anlehnung an die Aktion „Melde 17“ von Detlev Patz unsere Info-Serie „Melde-Nummer 17 – Backlist-Empfehlungen – Merlin Verlag“. – und zwar anlässlich des Buchmessen- Schwerpunktes Norwegen. Denn pünktlich zum Norwegen-Schwerpunkt hat der Algorithmus im Barsortiment LIBRI die Titel von Jens Bjorneboe, dem großen Klassiker, Enfant terrible, Anarchist und Anthroposoph Norwegens ausgelistet. Die Bjorneboe Titel im Merlin Verlag sind freilich nach wie vor lieferbar, direkt zu beziehen über den Verlag: Gegen 40 Prozent Grundrabatt und per Lieferweg Bücherwagen!

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4 Kommentar/e

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  • Dorothea Thomé

    Dorothea Thomé

    Schön beschrieben. Herzlichen Dank!

  • Christian Reichenbach

    Christian Reichenbach

    Liebe Frau Meyer, Sie beschreiben hier sehr schön die Situation kleinerer unabhängiger Verlage. Was man vielleicht noch ergänzen sollte, ist der Umstand, dass kleinere Verlage oft gar keine andere Wahl haben, als ihr Sortiment auszuweiten, um den Umsatzrückgang abzumildern. Es ist ja nicht so, dass in Deutschland wenig Bücher verkauft werden. Der Endkunden-Umsatz der Branche liegt immer noch bei 9 Milliarden Euro pro Jahr. Verteilt man den Umsatz (grob vereinfacht) auf 90.000 Neuerscheinungen, dann kommen auf jeden Titel im Schnitt 100.000 Euro, von denen vielleicht 50.000 Euro beim Verlag ankommen. Also könnte man von jedem Titel mit gutem Gewissen eine Startauflage von mehreren Tausend Exemplaren drucken lassen.
    Das ist natürlich eine Milchmädchen-Rechnung, denn stattdessen ist es eine überschaubare Anzahl von Spitzentiteln (wie z. B. jetzt das Begleitbuch zu 'Eiskönigin 2'), auf die ein erheblicher Anteil der Umsätze entfällt. Was den Kleinverlagen oft zu schaffen macht, sind Selbstverstärkungs- und Rückkopplungseffekte, die noch durch Algorithmen vertsärkt werden: Weil man erwartet, dass der Titel gut laufen wird, legt man sich viel davon in den Laden. Weil viel davon gestapelt ist, hat der Titel Aufmerksamkeit. Weil er sich gut verkauft, wird er gut gerankt, empfohlen, beworben, rezensiert und verkauft deshalb noch mehr. Für die 'kleinen Perlen' ist dann kein Platz auf dem Tisch oder im Regal, weshalb sie gar nicht gekauft werden können. Noch gravierender ist es, wenn Buchhandlungen im Rahmen von Einkaufsoptimierungen nur noch eine begrenzte Anzahl von Verlagen listen bzw. wenige Vertreter empfangen. Dann liegen überall dieselben Titel aus, und ein Überraschungserfolg eines echten Independent-Verlags ist kaum mehr möglich.
    Was den kleineren Verlagen guttun würde, das wäre, wenn die Buchhändler beim Einkauf wieder mehr auf Themen und Inhalte achten würden, anstatt nur wenige Kataloge namhafter Verlage durchzuarbeiten und die Bestsellerliste zu studieren. Ein Ansatz dazu wäre, verstärkt mit VLB-Tix zu arbeiten.

  • Julia

    Julia

    Schöne Sache, das mit "Melde 17"! Eigentlich. Wenn es Breitenwirkung hätte. Ich habe im Netz gesucht - bis auf Ihren Beitrag nirgends etwas dazu zu finden! Ich hatte auf Webseiten, Social Media-Pages zum Verlinken und Teilen gehofft, um die Idee in "Buchkreisen" mehr publik machen zu können, auf dass sich vielleicht noch mehr Händler etc. anschließen. Nichts. Sowas ist natürlich schade, wenn es eine lokal sehr beschränkte Einzelaktion handelt.

  • Bernd

    Bernd

    Sie beschreiben sehr schön, was das Problem ist: zu viele Titel! Wenn nun der Buchhändler oder Zwischenhändler nach Verkäuflichkeit auswählt, ist er schnell der Buhmann.
    Ich bezweifle, dass Endkunden das Meldenummer 17 ,, Problem", welches in meinen Augen keins ist, auch nur annähernd interessiert.
    Kulturgut hin oder her... Am Ende bezahle ich alle Kosten mit verkäuflichen Büchern und nicht mit irgendwelchen ,, Schätzen" die lediglich der Verleger als solche bezeichnet.
    Grüße, unabhängiger Sortimenter.

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