Gedenkfeier für Monika Schoeller

Die Treuhänderin

Zu einem Gedenken an die Verlegerin von S. Fischer, Monika Schoeller, fanden sich Familienangehörige, Weggefährten, Verlagsmitarbeiter und Berufskollegen am Samstag in Frankfurt ein. Im weiten Raum der Dreikönigskirche riefen sie das umfassende Wirken der Mitte Oktober im Alter von 80 Jahren Verstorbenen in Erinnerung - so lebendig, so persönlich, als wäre Monika Schoeller nach wie vor gegenwärtig. Eine berührende Trauerfeier.

Monika Schoeller

Monika Schoeller © Harald Schröder

Einige hundert Trauergäste, darunter zahlreiche Verlegerinnen und Verleger aus anderen Häusern, hatten sich in dem markanten neugotischen Kirchenbau am Südufer des Main in Sachsenhausen eingefunden. Stefan von Holtzbrinck erinnerte eingangs der Feierstunde an Wesenszüge seiner Schwester, für die viele Menschen, die mit ihr arbeiteten und lebten, dankbar waren: an eine erstaunlich stille Kraft, aus der sie schöpfen und gestalten konnte; an ihr echtes Interessiertsein an den Mitmenschen, deren Sorgen und Nöten. Sie, die 24 Jahre Ältere, sei zeitlebens seine "engste Ratgeberin in allem" gewesen, sagte der Bruder.

Um ihrer selbst willen leiden, das habe Monika Schoeller noch in den letzten Tagen ihres Lebens nicht gewollt; sie habe Abschied genommen "in Frieden mit sich und den Menschen". Auch das ein charakteristischer Zug von ihr: Alle Neugier und Aufmerksamkeit habe sie auf die Welt gerichtet, nicht aber auf sich selbst. "Kirchen und Museen immer von innen, Arztpraxen fast nur von außen", so formulierte es von Holtzbrinck.

Für die S. Fischer Stiftung, die Monika Schoeller 2003 gründete, sprach Stiftungsvorstand Arno Mahlert. Den Projekten der Stiftung konnte sie sich in den letzten Jahren, nachdem sie das operative Geschäft ihres Verlags mehr und mehr in die Hände anderer gelegt hatte, verstärkt widmen. Mahlert würdigte die Verstorbene als eine Chefin der seltenen Art. Ihre Persönlichkeit habe es möglich gemacht, dass bei ihr "Führen nicht Anordnung war. Führen war Herbeiführen." Behutsam habe man sich an Projekte und aneinander herangetastet, "ein Abenteuer voller Überraschungen und großer Freiheit". Als Stifterin sei sie vor allem eins gewesen: Anstifterin.

Siv Bublitz, die verlegerische Geschäftsführerin von S. Fischer, kam auf die Feier zum 80. Geburtstag Schoellers zu sprechen. Die liegt erst gut zwei Monate zurück. An jenem Tag im September sei der Saal im Freien Deutschen Hochstift in Frankfurt über und über mit Blumen in leuchtenden Farben geschmückt gewesen - das Geschenk der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei S. Fischer an deren Verlegerin. "Dass dieses Fest auch ein Geschenk des Abschieds war, wussten wir da noch nicht", sagte Bublitz. Sie habe Monika Schoeller kennengelernt als eine Verlegerin, die ihre Rolle "weniger als Eigentümerin denn als Treuhänderin ihres Verlags" verstanden und ausgefüllt habe.

Besondere Nähe und teilnehmendes Interesse hatte Schoeller immer für ihre Autorinnen und Autoren übrig. Einer, mit dem sie eine lange und intensive Beziehung verband, sprach am Samstag in Frankfurt. Christoph Ransmayr, der nomadische Schriftsteller, der so viel und oft auf Reisen ist, hatte in seiner Verlegerin offenbar eine Mitreisende - jedenfalls eine Mitreisende im Geiste - getroffen. Sie machten Weltspaziergänge entlang von Bücherregalen. "Wir gingen auf und davon, indem wir vom Reisen sprachen", erzählte der Österreicher. An der Seite Monika Schoellers sei ihm nie verborgen geblieben, dass die Welt von zauberischer Vielfalt, reich und auch schrecklich sein konnte". Zuletzt noch im September, bei einem Telefongespräch am Vorabend einer Operation, habe er versucht, sich "mit ihr über Ort und Zeit zu erheben".

"Ich kann für eine Weile nicht in Frankfurt sein": Das sei eine der letzten SMS-Botschaften gewesen, die er von seiner Verlegerin erhalten habe, hatte noch vor Ransmayr Hans Jürgen Balmes berichtet, der Editor-at-Large bei S. Fischer. Seine Gedanken zum Abschied kreisten ein weiteres Mal um das Phänomen des stillen Wirkens, für das Monika Schoeller stand. Ihre Stille sei nicht "die Abwesenheit von etwas" gewesen, sondern "die Gegenwart von allem. Ein Möglichkeitsraum." In Gesprächen, die Monika Schoeller geführt habe, sei es ihr stets um die Details gegangen, "um den ganzen Menschen". Für die Gesten und Posen des Literaturbetriebs hingegen habe sie eher ein feines, spöttisches Lächeln übrig gehabt. Ein mildes Zurkenntnisnehmen aus der Distanz.

Diese stille Kraft Monika Schoellers war in der Dreikönigskirche nicht nur in Worten gegenwärtig: Insbesondere Johann Sebastian Bach und Joseph Haydn gaben der intensiven Erinnerungsstunde einen passenden musikalischen Rahmen. "So hätte ihr das alles gut gefallen" - der Satz, der Trost sein kann, war auf dem anschließenden Empfang im Frankfurter Literaturhaus mehrfach zu hören. (cas)

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