Aufregung um Darstellung von Massentierhaltung

Bauern wüten gegen Klett-Kinderbuch

Die Abbildung von Schweinen in Massentierhaltung in dem sieben Jahre alten Kinderbuch "Alles lecker" hat in den vergangenen Tagen einen Streit zwischen Klett Kinderbuch und dem Bauernverband Schleswig-Holstein ausgelöst. Austragungsorte waren Telefon und Internet.

Die kritisierte Seite des Kinderbuchs

Die kritisierte Seite des Kinderbuchs © Klett-Kinderbuch / Facebook

In dem 2012 erschienenen Kinderbuch von Anke Kuhl und Alexandra Maxeiner dreht sich alles um das Thema Essen. Die auf einer Seite gegenüberstehenden Illustrationen der Haltung von Bio-Schweinen mit viel Platz und von Schweinen in Massentierhaltung in Boxen mit einer Flasche Wachstumsmittel sorgte für aufgebrachte Anrufe beim Leipziger Verlag. Darunter auch solche wie "Wir zeigen Sie an, wir sorgen dafür, dass das Buch verboten wird, wir machen Sie auf Facebook fertig, und wir sind viele!", so Verlegerin Monika Osberghaus. Drohungen, man müsse wohl einmal den Verlag in Leipzig besuchen, machen Osberghaus betroffen.

Auslöser war der Facebook-Beitrag einer Sauenhalterin, die beim Jubiläum der Integrationsgruppen eines Kindergartens das Kindersachbuch "Alles lecker" entdeckt und sich an der Darstellung von Kälbertransporten und der Gegenüberstellung von Bio- und konventioneller Schweinehaltung gestoßen hatte. Die Schweinehalterin wandte sich auf Facebook dagegen: "Selbst in Schulbüchern und Lehrmaterialien tauchen immer wieder solche diffamierenden Textpassagen auf. Ich wundere mich nicht mehr, warum Bauernhofkinder zu Mobbing-Opfern werden. Ich bin erschüttert über die Verlage, aber auch über die Kultusministerien, die solche Dinge immer noch billigen."

Hohe Wellen der Empörung

Daraufhin entfachte sich im Nu eine emotional aufgeladene Diskussion zwischen Befürwortern und Gegnern der Darstellungen in "Alles lecker". Viele Posts auf der Facebook-Seite des Verlags enthalten die mit copy-and-paste eingefügte Zeile "Schlecht recherchiert und unrealistische Darstellungen", kritisieren, das Buch enthalte "Märchen anstatt fackten", ohne konkreter zu werden, und bewerten den Verlag negativ. Weitaus mehr Kommentare verteidigen allerdings die Darstellungen im Buch und ermutigen den Verlag, sich nicht beirren zu lassen. Daneben wurde das sieben Jahre alte Sachbuch auf Amazon mit einem Stern bewertet. Beschimpft wurde auch der Ernst Klett Verlag, wohl in der Annahme, dass Klett Kinderbuch zur Klett-Gruppe gehöre.

Kippmoment: Der Druck auf Bauern ist enorm

Monika Osberghaus hat sich mit den Landwirten, mit denen telefonisch ein Gespräch möglich war, auseinandergesetzt. Ihr Eindruck: Viele Landwirte stehen unter einem enormen wirtschaftlichen Druck. "Wir alle spüren, dass wir in einer Umbruchsituation sind und unseren Umgang mit Land, Tieren und Natur ändern müssen", sagt Osberghaus. "Wir alle sind betroffen, aber diese meist kleineren konventionellen Bauernbetriebe müssen es als erste konkret ausbaden. Ich hörte Sätze wie 'Uns steht das Wasser bis zum Hals'. 'Wir sind die Prügelknaben der Nation.' 'Ich muss meinen Hof schließen und kann meinen Enkeln nichts vererben.' 'Wir können nicht mehr.' Kinderbücher könnten hier Anzeiger sein wie der "Kanarienvogel im Bergwerk: Der Streit zu 'Alles lecker!' zeigt den Moment an, in dem es gefährlich wird. Dies erklärt auch, dass vor sieben Jahren noch nichts passierte. Der Kippmoment ist näher gerückt, vielleicht ist er jetzt."

Gestiegene Nachfrage und Änderungen in der nächsten Auflage

Geschadet hat der Shitstorm auf Facebook dem Buch anscheinend nicht: Trotz der Flut negativer Internet-Rezensionen sei die Nachfrage nach der aktuellen Auflage enorm gestiegen. Für eine aktualisierte Auflage will sich der Verlag aber mit der Problematik auseinandersetzen. "Was ich gelernt habe: Nicht alle Bio-Bauern sind Engel, und es gibt sehr wohl konventionelle Bauern, die ihren Tieren viel Platz usw. geben und wegen zeitaufwendiger Zertifizierungen aber keine Bio-Bauern sind", erklärt Osberghaus. "Das und auch das Wachstumsmittel in der Flasche werden wir in der nächsten Auflage ändern." Vor acht Jahren, als das Buch produziert worden sei, seien manche Erkenntnisse auch noch nicht so klar wie heute gewesen. "Und wir haben durch die Debatte erkannt, dass wir ein realistisches Kindersachbuch zum Thema Bauernhof brauchen, das jetzt in Arbeit ist."

Bauernverband entschuldigt sich heute

Der Bauernverband Schleswig-Holstein hat auf seiner Facebook-Seite heute Morgen Monika Osberghaus für die Inangriffnahme des neuen Bauernhof-Buchs "ausdrücklich" gedankt und sich dafür entschuldigt, dass er zuvor die Verlegerin für "die glatte Verweigerung eines Dialogs" kritisiert hatte. Die Einschätzung basierte darauf, dass ein Milchviehberater Osberghaus "sehr herrisch und mit wenig zielführenden Äußerungen überzogen antwortete und ich dann irgendwann den Mailverkehr beendet habe", so die Verlegerin. Der Berater hatte dann den Abbruch des Mailverkehrs in sozialen Netzwerken weiterverbreitet, worauf der Eindruck entstanden war, Osberghaus wolle mit Landwirten generell nicht sprechen. "Das war nie der Fall, ich bin immer offen für Gespräche", stellt die Verlegerin noch einmal klar.

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2 Kommentar/e

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  • Siestrup Anneliese

    Siestrup Anneliese

    Ich wohne in einer Gegend mit viel Massentierhaltung und es ist wahr, die Bauern arbeiten als wären sie ihre eigenen Knechte. Die Arbeiter haben denkbar schlechte Arbeitsbedingungen und verdienen wenig Geld. Tiere werden oft von ungelernte Arbeitern falsch behandelt und haben oft gar keinen Auslauf. Anwohner klagen über den Güllegestank wenn die Wiedsen damit mehrmals im Jahr übergossen werden. Das sind nur ein paar Punkte. Über diese industrielle Landwirtschaft wird Viel geredet. Es hat auch Prozesse gegeben. Ändern tut sich nix weil die Politik sich mit dem Bauernverband verbündet und wider jeden Gewissens nichts dagegen unternehmen will. Änderungen wären dringend nötig. Macht mehr Bücher damit Kinder die Wahrheit erfahren und später diese Tierhaltung verhindern.BzTW

  • Dr. Doris Pokorny

    Dr. Doris Pokorny

    Das Dilemma ist: Zu lange wurde die Landwirtschaft in der Werbung und Außendarstellung als heile Bilderbuchwelt verklärt und hat sich dagegen auch nicht verwehrt. Und das Image der Landwirtschaft bemaß sich an diesen Darstellungen von glücklichen Tieren, Vielfalt und einer heilen (Um-)Welt. Das Image bröckelt seit Jahren allerorten, da die Realität oft eine andere ist.
    Die Darstellung eines Landwirtschaftsbetriebs (füher Bauernhof) muss versachlicht und realistisch sein - nicht zutreffende Behauptungen müssen korrigiert werden. Doch wie groß ist ob der Realität das Bedürfnis ein Buch über moderne Landwirtschaft gemeinsam mit den Kindern in die Hand zu nehmen? Es wäre vielmehr wünschenswert, wenn alle Landwirte in die Lage versetzt würden, ihre Art der Tierhaltung und Felderbewirtschaftung an das verlorene Image anzupassen. Das wäre segensreich. Für alle Beteiligten. Und dann würden die Sachbücher auch wieder eine vergnügliche Entdeckungsreise in eine interessante Bauernhof-Welt.

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