Autor*innen thematisieren ihre Migrationserfahrungen

Grenzgänge durch Raum und Zeit

Sie werden immer mehr: Schriftsteller*innen, die eigene Migrationserfahrungen zum Thema ihrer Literatur machen. Flucht ist dabei nur ein Aspekt von vielen. ANITA DJAFARI

© Getty Images/iStockphoto

Die Migrationsliteratur als Quasi-Genre hat erst in den vergangenen Jahren verstärkt Aufmerksamkeit erhalten. Autorinnen und Autoren, die vor dem Krieg in Syrien oder der Verfolgung als Oppositionelle in der Türkei flüchteten, erzählen in Büchern und Artikeln von Flucht- und Migrationserfahrungen, die noch frisch sind. Sie berühren offene Wunden und versuchen, den Blick auf ein Phänomen zu lenken, das viel zu lange nicht wirklich ernst genommen wurde. Dabei ist Migration so alt wie die Literatur selbst. Sei es die freiwillige, sei es die erzwungene Auswanderung – beides führt zwangsläufig zu einem interkulturellen Austausch, der für beide Seiten eine Bereicherung darstellt. Dabei liegt dem literarischen Schaffen von Einwanderern eine gewisse Dringlichkeit zugrunde, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen - in aller Diversität.

Es gibt viele Autorinnen und Autoren, etwa aus dem arabischsprachigen Raum, die nicht nur in ein anderes Land, sondern auch in eine vollkommen fremde Sprache flüchten oder einwandern. Für sie stellt sich die Frage: In welcher Sprache schreiben? Es sind nicht wenige, die seit Jahrzehnten in Deutschland leben, ihre Werke aber in ihrer Muttersprache verfassen und in Übersetzung veröffentlichen, andere hingegen wechseln in die neue Sprache, eignen sie sich als Literatursprache an.

Einer, der sich nach seinem erzwungenen Weggang aus dem Iran sehr schnell dafür entschieden hat, auf Deutsch zu schreiben ist SAID; sein Gedichtband mit dem sprechenden Titel "Wo ich sterbe, ist meine Fremde" erschien bereits in den frühen 1980er Jahren. Inzwischen liegt von ihm ein umfangreiches Werk aus Gedichten, Romanen und Erzählungen vor, damit gehört der mehrfach Ausgezeichnete zu den bedeutendsten Dichtern der deutschen Gegenwartsliteratur. Die jüngste Veröffentlichung "Salam Yamen. Lieber SAID" ist ein bewegender Briefwechsel mit dem 2013 aus Syrien geflüchteten Dichter Yamen Hussein (P. Kirchheim Verlag, 96 S., 19,99 Euro).

Ebenso wie für SAID war es für den aus dem Irak geflüchteten Abbas Khider eine Notwendigkeit, sich in der neuen Sprache auszudrücken, um sich von der schwierigen Vergangenheit zu distanzieren. Auch ihm ist in wenigen Jahren eine bemerkenswerte Karriere als deutscher Schriftsteller gelungen. Dass der 46-Jährige dem persönlichen Kampf mit dem Erlernen dieser schwierigen Fremdsprache das so unterhaltsame wie instruktive "Lehrwerk" "Deutsch für alle" (Hanser, 128 S., 14 Euro) gewidmet hat, ist ein gewitztes Nebenprodukt. Er hat damit so viel Furore gemacht, dass es ihm nicht nur viel Anerkennung einbringt, sondern leider auch sehr viel Hass von rechts. Seine abenteuerliche Flucht hat er in "Der falsche Inder" (btb, 2013) verarbeitet und in seinem Roman "Die Ohrfeige" (Hanser, 2017), gibt er den Geflüchteten in Deutschland eine Stimme. Sein nächster Roman, "Palast der Miserablen" (Hanser, Februar, 320 S., 23 Euro), spielt im Irak. Damit begibt er sich gewissermaßen zum Ausgangspunkt seines Aufbruchs.  

Auf andere Weise unterhaltsam und gekonnt spielt der 1974 geborene israelische Autor Tomer Gardi in seinem "Deutschbuch" mit der Sprache: Er lebt abwechselnd in Israel und Deutschland und legte 2016 einen Roman in "broken german" (Droschl, 144 S., 19 Euro) vor, so auch der Titel. Ein lustvoller und provokanter Regelbruch, ein Plädoyer für die Sprachenvielfalt in nur einer Sprache. Sein jüngstes Werk "Sonst kriegen Sie Ihr Geld zurück" (Droschl, übersetzt von Anne Birkenhauer, 160 S., 20 Euro) ist allerdings in Hebräisch verfasst, darin geht Gardi mit den Untiefen der Bürokratie in der israelischen Gesellschaft – und nicht nur in dieser – ins Gericht.

Die türkische Autorin Aslı Erdoğan wurde ins Exil gezwungen, nachdem sie wegen ihrer schriftstellerischen und journalistischen Arbeit im Gefängnis gewesen war. 2017 kam sie nach sechs Monaten frei und konnte überraschend ausreisen, um den Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis in Osnabrück entgegenzunehmen, von einer Rückkehr wurde ihr dringend abgeraten. Ihr Essayband "Nicht einmal das Schweigen gehört uns noch" (Knaus, übersetzt von Sabine Adatepe u. a., 352 S., 20 Euro) fand viel Beachtung – ebenso wie der 2019 auf Deutsch erschienene Roman "Haus aus Stein" (Penguin, übersetzt von Gerhard Meier, 128 S., 15 Euro ), in dem sie, sprachlich virtuos, ihre Gefängniserfahrung vorwegnimmt. In der Türkei war er 2009 veröffentlicht worden. Aslı Erdoğan erhält viele Preise und Einladungen. Dass sie dabei mehr als Exilantin denn als veritable Schriftstellerin mit einem umfangreichen Œuvre wahrgenommen wird, schmerzt sie, bei aller Anerkennung.

Auch ihr Landsmann Doğhan Akhanlı ist einem breiteren ­Publikum vor allem dadurch bekannt geworden, dass er 2017 in Granada festgenommen wurde und in die Türkei abgeschoben werden sollte – was zu seinem Glück verhindert werden konnte. Er lebt seit vielen Jahren ebenfalls im Exil in Deutschland und wurde im Sommer 2019 mit der Goethe-Medaille ausgezeichnet. Im August hat er den Roman "Madonnas letzter Traum" (Sujet, übersetzt von Recai Hallac, 472 S., 24,80 Euro) vorgelegt. Er knüpft darin an das bereits 1943 in der Türkei erschienene Meis­terwerk "Die Madonna im Pelzmantel" (Ullstein Tb., übersetzt von Ute Birgi, 272 S., 12 Euro) des türkischen Schriftstellers Sabahattin Ali an. Akhanlı begibt sich auf den Spuren der Protagonistin, einer jüdischen Schauspielerin, in das Berlin der 1930er Jahre, erfindet dieser Figur ein anderes Ende, schreibt ihre Geschichte fort, springt zurück in seine Kindheit in Anatolien, reist in der Gegenwart mit einem Freund durch Polen und besucht Auschwitz. Ein kühner Ritt durch Raum und Zeit, auf den einzulassen sich lohnt.

Ein ganz anderer Autor mit einer "Bindestrich-Biografie" ist Eduardo Halfon aus Guatemala. Er floh als Zehnjähriger mit seinen Eltern in die USA, kehrte zurück, eignete sich das verlorene Spanisch wieder an und schreibt seither auf Spanisch, auch wenn er längst wieder in den USA lebt. In seinem Werk mäandert er durch Länder und Epochen, immer auf der Suche nach den familiären Leerstellen, die die nach Guatemala eingewanderten Großväter aus Polen bzw. dem Libanon – beide Juden – hinterlassen haben. Dabei spielt er auf wenigen Seiten äußerst gekonnt mit der derzeit sehr beliebten Form der Autofiktion. Er forscht und erzählt über sich – was davon Dichtung oder Wahrheit ist, müssen die Lesenden nicht wissen. Zuletzt erschien im September 2019 der Roman "Duell" (Hanser, übersetzt von Luis Ruby, 112 S., 18 Euro), zwei weitere Bände liegen auf Deutsch vor, alle sehr welthaltig und berührend zugleich.

Im Comic-Essay "Fußnoten" (Avant 2017) erzählt die Argentinierin Nacha Vollenweider eindrücklich, wie es ist, gleichzeitig in Hamburg und doch mit den Gedanken woanders, nämlich bei ihrer Familie in Südamerika zu sein. Wenn das Leben in der Fremde auch freiwillig für einen längeren Aufenthalt gewählt war, überlagern sich doch ständig die alltäglichen Erfahrungen mit der beobachteten Ausländerfeindlichkeit und den Erinnerungen an die Probleme zu Hause. Sie erzählt und reflektiert zeichnend.

In einer Graphic-Novel-Serie verarbeitet auch der "blonde Araber" Riad Sattouf aus Syrien bzw. Libyen bzw. Frankreich seine Erfahrungen, die er mit dem Aufwachsen und Leben in zwei Kulturen gemacht hat. Aus seiner Serie "Der Araber von morgen" ist im vergangenen Frühjahr der vierte Band (Penguin, übersetzt von Andreas Platthaus, 288 S., 26 Euro) erschienen, der von 1987 bis 1992 spielt. Der erste Band (deutsche Ausgabe 2015 bei Knaus) setzte 1978 ein, dem Geburtsjahr Riad Sattoufs. Dem Autor gelingt es, der Leserschaft die Widersprüchlichkeiten, die schmerzhaften Erfahrungen des Fremdseins in der jeweils anderen Kultur und Reli­gion auf humorvolle Weise nahezubringen.

Es gilt also: Das Thema Migration ist viel mehr als die aktuelle "Flüchtlingskrise". Natürlich sind unter den vielen Geflüchteten aus Kriegsgebieten auch Schriftsteller, die große Romane oder Gedichtbände zu diesem Thema vorgelegt haben. Zu den jüngsten Beispielen gehört der Roman "Das Schneckenhaus" (Weidle, übersetzt von Larissa Bender, 312 S., 23 Euro) von Mustafa Khalifa. In dem Buch, das erst jetzt, über zehn Jahre nach Erscheinen, in deutscher Übersetzung zugänglich ist, verarbeitet er seine Zeit im Gefängnis in Syrien. Heute lebt Khalifa in Frankreich im Exil.

Die junge Lyrikerin Lina Atfah musste 2014 ihr Land verlassen. In ihrem zweisprachigen Gedichtband mit dem bezeichnenden Titel "Das Buch von der fehlenden Ankunft" findet sie nicht nur Worte zu Flucht und Vertreibung, sie erzählt auch in bildhafter Sprache Geschichten aus ihrer Heimat Syrien (Pendragon, 2019, übersetzt von Suleman Taufiq u. a., 152 S., 22 Euro).

Den Menschen, die versuchen, über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen, hat der marokkanische Autor Youssouf Amine Elalamy in seinem schmalen Roman "Gestrandet" (Donata Kinzelbach 2008, Ü: Barbara Gantner) ein Denkmal gesetzt, er hat nichts an Aktualität eingebüßt. Sein neuester Roman "C'est beau, la guerre", in dem es um Kriegsflüchtlinge geht, liegt bis jetzt nur auf Französisch vor.

Über das Meer kamen auch die Boat ­People aus Vietnam, die in Kanada, dem Einwanderungsland par excellence, Aufnahme fanden. Bei uns bekannt geworden ist Kim Thúy, sie verbindet auf einzigartige Weise Poesie und Kulinarik. In ihrer jüngsten Veröffentlichung, "Das Geheimnis der vietnamesischen Küche", (Kunstmann, übersetzt von Brigitte Große, 190 S., 25 Euro) wird einmal mehr "Der Geschmack der Sehnsucht" offenbar. Hier stehen in naher Zukunft noch viele weitere Entdeckungen an, denn Kanada wird Ehrengast auf der Frankfurter Buchmesse 2020 sein. Eine kleine Delegation kommt bereits Ende Januar zu den Litprom-Literaturtagen nach Frankfurt, darunter neben Rawi Hage und Carmen Aguirre auch Sharon Bala, deren Roman "The Boat People" in deutscher Übersetzung im Mitteldeutschen Verlag erscheinen wird.

All diese Autor*innen – ob wir sie als Sprachwechsler, Luftwurzler, Geflüchtete, Kosmopoliten, Aus- oder Einwanderer bezeichnen – haben eines gemeinsam: Sie schreiben zwischen den Räumen und gehen somit ständig über Grenzen. Gehen wir doch einfach mit.

Anita Djafari ist Geschäftsleiterin von Litprom Literaturen der Welt. Der Verein bringt durch vielfältige Aktivitäten Belletristik aus Afrika, Asien, Lateinamerika und der arabischen Welt dem Publikum hierzulande nahe.

Schlagworte:

0 Kommentar/e

Diskutieren Sie mit ...

  • Informationen zum Kommentieren

    Bitte kommentieren Sie zur Sache. Aggressive, polemische und beleidigende Kommentare werden nicht veröffentlicht. Wir werden Ihren Kommentar so schnell wie möglich freischalten. Hier lesen Sie unsere Netiquette.

  • Mein Kommentar

    Bitte kommentieren Sie zur Sache. Aggressive, polemische und beleidigende Kommentare werden nicht veröffentlicht. Wir werden Ihren Kommentar so schnell wie möglich freischalten. Hier lesen Sie unsere Netiquette.

    Ihr Profilbild können Sie über den externen Dienst Gravatar einbinden.

    (E-Mail wird nicht veröffentlicht)
    CAPTCHA image
    Wenn Sie die Buchstabenkombination nicht entziffern können, erhalten Sie durch Klick auf die Buchstaben eine neue Kombination.

    * Pflichtfeld