Political Correctness in der Literatur

Betreutes Lesen?

Rückt bei einem falschen Wort schon das Gesinnungs-Rollkommando an? Auf der Jubiläumstagung des Deutschen Literaturfonds in Leipzig wurde über Political Correctness und Literatur gestritten. VON NILS KAHLEFENDT

Foto Podium (v.l.): Bettina Baltschev (Moderation), Michael Lemling, Tina Uebel, Mara Delius, Antje Kunstmann, Thomas Böhm (Moderation)

Foto Podium (v.l.): Bettina Baltschev (Moderation), Michael Lemling, Tina Uebel, Mara Delius, Antje Kunstmann, Thomas Böhm (Moderation) © Deutscher Literaturfonds

Politische Korrektheit heißt anzuerkennen, dass Ungleichheiten nicht nur im so genannten „Wohlstandsgefälle“ gründen, sondern auch in unbewussten sozialen und ideologischen Mechanismen, die der Sprache anhaften. Dass die politische Korrektheit, wie viele starke Medikamente, auch unerwünschte Risiken und Nebenwirkungen zeitigt, darauf machte die Soziologin Eva Illouz einmal aufmerksam. Ihre rhetorische Frage: „Sollen wir deshalb der Krankheit den Vorzug geben?“ Eine Frage, die den Horizont für das Podium „Political Correctness oder Literatur?“ absteckte. Ein Thema, das von der Rassismus-Debatte über Jeannine Cummings Roman „American Dirt“ in den USA bis zur Neuübersetzung von Margaret Mitchells „Vom Winde verweht“ (Kunstmann) gerade ordentlich im Schwunge ist – und damit Highlight einer Tagung war, zur der der Deutsche Literaturfonds aus Anlass seines 40jährigen Bestehens prominente Autoren, Verleger, Kritiker und Buchhändler ans Deutsche Literaturinstitut nach Leipzig eingeladen hatte – zwei Büchner-Preisträger und jede Menge überregional tätige Feuilletonisten inklusive.   

Ob es PC war, auf die hochkarätigen Leipziger Podien um brennende Themen wie „Erzählerische Freiheit, Fake und Fiktion“, „Die Sache mit dem Geld“ oder „Urheberrecht und digitale Plattformen“ keinen einzigen ostdeutsch sozialisierten Gast einzuladen? Ein wenig wirkte die Sache dadurch wie die Zwischenlandung eines gut ausgestatteten Literaturbetriebs-Raumschiffs, das sich nach kurzem Stop in Wharp-Geschwindigkeit wieder entfernt. Immerhin befand sich die Runde zu „Political Correctness oder Literatur“ mit vier Frauen und zwei Männern der weißen Ü40-Kohorte gendermäßig auf Höhe der Zeit. 

Allen Teilnehmern gemeinsam war der Umstand, in naher oder fernerer Vergangenheit in heftig qualmende PC-Debatten verstrickt gewesen zu sein. Kann ein „Verhörer“ politisch inkorrekt sein? Natürlich nicht. Doch Antje Kunstmann, 2004 für den Titel des wunderbaren Axel-Hacke-Bands „Der weiße Neger Wumbaba“ gescholten, würde so ein Buch heute vielleicht eher anders titulieren. Als die Bestseller-Autorin Margarete Stokowski im Herbst 2018 eine Lesung bei Lehmkuhl in München absagte, weil dort auch rechte Primärtexte im Regal standen, sah sich Michael Lemling nach einer öffentlichen Einlassung einem veritablen Shitstorm ausgesetzt. Heute weiß der im Marburger „Roten Stern“ sozialisierte Buchhändler, dass es nicht nur ums gebetsmühlenartige „Mit-Rechten-Reden“ geht: „Wir müssen auch mit Linken streiten.“ Mara Delius, Leiterin der „Literarische Welt“, zog heftige Kritik auf sich, als sie sich jüngst kritisch zu einer unter #vorschauzählen von Berit Glanz und Nicole Seifert veröffentlichten Analyse der Frühjahrsprogramme äußerte. „Aktionen wie ‚Frauenzählen’ sind interessant – wenn das das einzige Kriterium ist, mit dem man sich Verlagen oder der Literatur nähert, kippt der aufklärerische Grundimpuls ins Eindimensionale“, meinte Delius. „Sind wir in der anglo-amerikanischen Debatte nicht schon weiter?“ Gegen „hysterisierte Formen“ von Political Correctness, bei denen schon wenige Triggerworte für eine „Einteilung in tribalistisches Gut und Böse“ reichten, wetterte die Autorin Tina Uebel, die 2018 für einen Text in der „Zeit“ („Wie die politische Korrektheit meine Arbeit als freie Schriftstellerin einschränkt“) hart angegangen war.

Sind Sensitivity Readers eine neue Zensorengarde oder so etwas wie Fachlektoren für eine veränderte Gesellschaft? Wie viel Dampf in der Debatte über Filterblasen, Identitätspolitik und Empörungskultur ist, zeigte sich, als Moderator Thomas Böhm längere Passagen einer Berliner Agentur für Sensitivity Reading vortrug, die gegen Honorar anbietet, Romanmanuskripte auf „problematische Darstellungen“ und „Mikro-Aggressionen“ zu prüfen  – ein Geschäftsmodell, das Antje Kunstmann eher absurd vorkommen wollte: „Ein literarischer Text muss erst mal alles schreiben dürfen, und zwar das, was in der Gesellschaft passiert! Wenn man das vorher ausschließt, hat man einen staubtrockenen politisch korrekten Text.“ Böhms Vortrag hatte Lacher im Publikum ausgelöst; einige der DLL-Studierenden im Auditorium verwahrten sich dagegen. Hätten die Organisatoren im Vorfeld den Austragungsort ihrer Tagung ein wenig ernster genommen, vielleicht sogar als Ressource genutzt, wäre ihnen womöglich die Zeitschrift PS: Anmerkungen zum Literaturbetrieb/Politisch Schreiben aufgefallen, die seit 2015 im erweiterten DLL-Umfeld zwischen Leipzig, Berlin und Wien erscheint. Ihre Sympathisantinnen waren offenkundig genervt von der Tendenz der Diskussion auf dem Podium, die PC – in ihren Augen – eher diskreditierte. Und damit „Krankheiten“ wie Ungleichheit oder sozialer Diskriminierung den Vorzug gab? „Politisch Schreiben meint, Fragen nach Zusammenhängen und Abhängigkeiten zu stellen“, heißt es in den jeder Ausgabe der Zeitschrift voranstehenden Grund-Sätzen, und: „Der Literaturbetrieb ist kein neutrales System.“

Antje Kunstmann, Michael Lemling, Tina Uebel und Mara Delius

Antje Kunstmann, Michael Lemling, Tina Uebel und Mara Delius © Deutscher Literaturfonds

Kann man sich über derlei heute überhaupt noch in Ruhe streiten? Die Zeitung könnte ein Ort dafür sein, meinte die Blattmacherin Mara Delius. Aber auch Buchhandlungen sollten Orte sein, um Kontroversen auf die Bühne zu bringen, ist Michael Lemling überzeugt. „Wir haben die Debatten ja im Regal!“ Der Münchner Buchhändler plädierte dafür, sich den Herausforderungen und Irritationen von Literatur im O-Ton zu stellen – ohne moralinsaure Lese-Betreuung. „Hätte Takis Würger für ‚Stella’ eine Sensitivity-Beratung nehmen sollen? So what! Die Debatte über das Buch war wichtig!“   

Über den Deutschen Literaturfonds

Der Deutsche Literaturfonds ist ein gemeinnütziger Verein mit dem Ziel, zeitgenössische deutsche Literatur zu fördern. Zu diesem Zweck vergibt der Literaturfonds Stipendien für Autoren und Übersetzer sowie Auszeichnungen wie den Kranichsteiner Literaturpreis und den Paul-Celan-Preis, er fördert Workshops und unterstützt Initiativen zur Verbreitung oder thematischen Beschäftigung mit Literatur. Im Jahr 2019 wurden Fördermittel in Höhe von 923.245,62 Euro vergeben.

Die Tagung in Leipzig fand im Rahmen des 40jährigen Jubiläums des Deutschen Literaturfonds statt.

                                      

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2 Kommentar/e

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  • Monika Gödecke

    Monika Gödecke

    Erst kommt das betreute Lesen, dann das betreute Denken...

  • Dinse, Petra

    Dinse, Petra

    Danke für den Beitrag. Vor allem fürs genaue Hinsehen. Gerade in diesen Diskussionsprozessen könnten Teilnehmer aus den neuen Bundesländern sicher eine Menge beitragen. Wieder eine prima Chance verpasst. Und wenn Nicht-Eingeladene dies öffentlich bedauern, wird es meist als "Ossi-Gejammer" abgetan, ohne dass sich mit Inhalten auseinander gesetzt würde.

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