Dorothee Junck über das Vorlesediplom

"Mein Kind liest nicht"

Lebenshilfe, kostenlos: Bei Buchhändlerin Dorothee Junck können verunsicherte Eltern ein Vorlesediplom ablegen, bei dem manche selbst erst so richtig den Genuss des Lesens kennenlernen.

Dorothee Junck

Dorothee Junck © Claus Setzer

Erinnern Sie sich noch an die Serie über die Rechtsanwältin Danni Lowinski mit Annette Frier? Sie bot in einem Einkaufscenter eine Rechtsberatung für kleines Geld an und drückte die Stoppuhr bei Rat und Tat. Die Bezahlung wurde im Fünf-Minuten-Takt abgerechnet. Diese Stoppuhr ­wünsche ich mir oft. Im vertrauten Verhältnis zwischen Buchhändler*in und Kunden in verunsicherten Zeiten gibt es in unserer Branche tatkräftige Lebenshilfe kostenlos. Sie alle kennen die Beispiele aus dem Alltag und bieten in Ihren persönlich geführten Buchhandlungen zu guten Buchempfehlungen oftmals Lebenshilfe to go.

In der Kinderbuchabteilung ist die Spitzenreiterfrage von verzweifelten Eltern seit Jahren: "Mein Kind liest nicht. Was kann ich tun?"

Die aufgelösten Eltern kommen oft nach dem ersten Grundschulgespräch. Die Lehrkräfte bemerken, dass der Wortschatz und die Konzentrationsfähigkeit eher unterdurchschnittlich sind. Die Empfehlung der Schule: mehr Lesen! Neben der klassischen Buchempfehlung bieten die meisten von uns ein Gesamtpaket an lebens- und lesebejahenden Maßnahmen an.

"Ja, auch zum Comic, Hauptsache, lesen, vielleicht doch keine abschreckenden 400 Seiten, und nein, es wird den Fünf­jährigen nicht stören, dass die Protagonistin ein Mädchen ist."

Solche Gespräche zeigen, dass die vertraute Buchhandlung als Ratgeberin wahrgenommen und akzeptiert wird. Mit "Nur noch eine Seite – ein Abend rund ums Vorlesen" wollen wir diese Kompetenz stärken und haben eine erfolgreiche Veranstaltungsreihe konzipiert.

Was passiert an diesem Abend? Eltern werden in ihrem Tun bestärkt und mit ihren Fragen aufgefangen. Sie bekommen eine kleine Faktensammlung zur Wichtigkeit des Vorlesens für den weiteren Lebensweg und viele praktische Tipps, wie sie die wichtige halbe Stunde Lesezeit in ihren getakteten Alltag integrieren können. Es werden Bücher gezeigt und empfohlen, die das Vorlesen für beide Seiten – Vorlesenden und Zuhörenden – zu einem tollen Erlebnis werden lassen. "Nur noch eine Seite", ist dann das Schönste, was ein Kind sagen kann. "Oder vielleicht doch noch zwei?"

Wer kommt zu einem solchen Abend? Wir haben den Eintritt mit 30 Euro angesetzt. Für unsere Branche hoch – im Vergleich dann doch aber auch günstig. Menschen sind bereit, für einen vorbereitenden "Singabend" in der Schwangerschaft 50 Euro zu zahlen, oder nehmen an Weinverkostungen in ganz anderen Preislagen teil. Zu uns in die Buchhandlung kommen Eltern, Lesepaten, Verantwortliche aus Kindertagesstätten und Schulen. Der Abend ist aber auch nicht selten ein Geschenk für werdende Eltern.

In der Planungsphase war es ein großes Glück, dass ich die ­Illustratorin Sabine Dully und die Kinderbuchautorin Christina Bacher für das Projekt gewinnen konnte. Sabine Dully hat für eine liebenswerte Ausstattung gesorgt. Die Teilnehmer*innen gehen mit einem kleinen Fanpaket nach Hause. Es gibt ein Vorlesediplom und Lesegutscheine. Mit Christina Bacher moderiere ich den Abend zusammen, und wir ergänzen uns im Vortrag. Durch ihre große Vorleseerfahrung hat der Abend für die Teilnehmer*innen einen hohen Praxisbezug – und es macht großen Spaß.

Dorothee Junck ist Inhaberin des Buchladens Neusser Straße mit den Standorten Köln-Nippes und Köln-Dellbrück. Sie ist zudem seit 2016 im Organisationsteam der Woche der Unabhängigen Buchandlungen.

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1 Kommentar/e

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  • Kiki

    Kiki

    Das sind schon wahre Worte, nur das Lesen fängt nicht erst in der Grundschule beim "Selberlesen" an. Eltern sollten schon den Kleinsten "vorlesen" und zu den Bilderbüchern Geschichten erzählen und nicht versuchen, das Buch so schnell wie möglich drchzugucken. Auch Lieblingsbücher, die man schon auswendig lesen kann, fördern die "Leselust" - auch wenn es den Eltern schwer fällt. Und noch etwas ist wichtig: Eltern sind Vorbilder. Lesende Eltern haben oft (nicht immer) auch lesende Kinder......

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