Warum das Jugendbuchsegment schrumpft

Auf Sparflamme

Der Markt für Jugendbücher schrumpft, verliert Leser, verschiebt sich in Richtung Belletristik. Zeit für eine Bestandsaufnahme.   NICOLA BARDOLA

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Dem Jugendbuchmarkt ging es schon mal besser: 2019 verzeichnete die Warengruppe laut Media Control ein Umsatzminus von 1,3 Prozent. "Seit 2012 ist der Absatz der entsprechenden Warengruppe 260 massiv zurückgegangen", bilanziert Susanne Stark, Programmleiterin bei dtv junior und bold. In der Hochphase des All-Age-Booms mit den Bestsellerserien "Twilight" und "Tribute von Panem" habe die Warengruppe einen Anteil von 28 Prozent am gesam­ten Kinder- und Jugendbuchmarkt gehabt – inzwischen seien es nur noch 15 Prozent. "50 Shades of Grey" habe dem All-Age-Trend damals ein Ende gesetzt, meint Stark: "Danach gab es noch den John-Green-Hype – und seitdem wartet die Branche weltweit auf ein neues 'echtes' Phänomen."

Dass selbst international über den Rückzug des Jugendbuchs gesprochen wird, kann Susanne Krebs, Verlagsleiterin bei cbj, nur bestätigen: "Viele Verlage scheinen sich jetzt etwas aus dem Segment zurückzuziehen – und es fällt auf, dass große Jugendbuchautorinnen gebeten werden, doch 'jünger' zu schreiben." Bei Boje und Baumhaus beispielsweise erscheinen weniger Titel für die Altersgruppe ab zwölf als noch vor einigen Jahren, wie Linde Müller-Siepen bestätigt, Programmleiterin Boje bei Lübbe. Insgesamt herrscht Sparflammenmentalität. "Seit einigen Jahren setzen wir im Jugendbuch auf ein im Vergleich zu anderen Häusern eher kleines, aber gut ausgewähltes Programm", erläutert etwa Ravensburger-Verlegerin Anuschka Albertz – und spricht von einer "überschaubaren Größe, um allen Titeln die Aufmerksamkeit zu geben, die sie verdienen". Ravensburger reduziert das Angebot zugunsten einer engeren Ausrichtung an den Bedürfnissen der Zielgruppe. Auch Oetinger setzt auf Fokussierung: "Bei uns erscheinen voraussichtlich 15 Jugendbuchtitel weniger als in früheren Programmen – das sind rund 20 Prozent", sagt Julia Bielenberg, verlegerische Geschäftsführerin der Verlagsgruppe.

Das bleibt im Buchhandel nicht unbemerkt: "Beim Sichten der Vorschauen wird schnell klar, dass weit weniger Jugendbücher als noch vor einigen Jahren veröffentlicht werden", beobachtet Jürgen Hees, Jugendbuchexperte bei Osiander in Schwäbisch Gmünd. Seine Schätzung: Die Novitätenzahl liegt rund 25 Prozent unter dem Level früherer Jahre.

Ralf Schweikart, Vorsitzender des Arbeitskreises für Jugendliteratur, stellt zugleich eine Verlagerung in der Programmpolitik fest: "Viele relevante Titel von deutschsprachigen Nachwuchsautor*innen erscheinen mittlerweile in Belletris­tikverlagen. Warum? Weil die Verlage offenbar weniger die Zielgruppenorientierung interessiert als die Literatur an sich." In der Tat werden immer mehr Jugendromane in Erwachsenenprogrammen veröffent­licht, was manche Rezipienten vor die Schwierigkeit stellt, den Überblick über den gesamten Buchmarkt zu behalten.

Eine wirkliche Gefahr für das klassische Jugendbuch stellt allerdings das Smartphone dar: "Dass das Buch es im 21. Jahrhundert mit seiner Medienvielfalt extrem schwer hat und insbesondere bei Jugendlichen durch die Social-Media-Nutzung verdrängt wird, steht außer Frage", sagt Sandra Holzki von der Kinder- und Jugendbuchhandlung Fundevogel in Freiburg. Für Ralf Schweikart steht das Jugendbuch außerdem in besonderem Maße durch Streamingdienste wie Netflix unter Druck. Serien zu schauen – das gehe auch in einer größeren Gruppe und sei "kommunikativer, als gemeinsam eine Nacht lang durchzulesen". Zwar seien auch Serien oft komplex erzählt – aber weniger anstrengend zu konsumieren.

"Den Grabgesängen etwas entgegenhalten" will dagegen Ulrike Metzger, bei Fischer Verlagsleiterin fürs Kinder- und Jugendbuch. "Wir konnten im Jugendbuch enorm wachsen, und das war nicht nur Cornelia Funkes 'Labyrinth des Fauns' geschuldet." Carlsen-Verlagsleiterin Renate Herre punktet mit Konstanz: "Die Titelzahl im Jugendbuch ist bei uns sehr stabil. Carlsen war hier immer schon breit aufgestellt und bietet für diese Altersgruppe sowohl Unterhaltungsliteratur als auch ausgesuchte literarische Titel an." Das soll auch so bleiben – vorausgesetzt, der Verlag findet überzeugende Titel, um die Programmplätze zu füllen.

Auch Hanser veröffentlicht seit vielen Jahren jeweils sechs Titel im Jahr für Leser zwischen zwölf und 16 Jahren – lange Zeit ein Garant für viele Leser und gute Absatzzahlen. "Preisgekrönte, thematisch und literarisch interessante, innovative Jugendbücher haben weiterhin Potenzial" meint Saskia Heintz, bei Hanser Verlagsleiterin fürs Kinder- und Jugendbuch. "Das gilt ebenfalls für Bücher, die in den sozialen Medien diskutiert werden, und für Titel, die zur Schullektüre werden."
 
Gegen den Schrumpfungsprozess auf dem Jugendbuchmarkt leisten Verlage aktiven Widerstand. "Gerade im Jugendbuch ab 14 haben wir unser Angebot bewusst nicht verkleinert – denn die Begeisterungsfähigkeit der jungen Zielgruppe ist ungebrochen, wenn ein Buch den Nerv trifft", meint Susanne Krebs für cbj. "Wir sehen das ja bei Veranstaltungen, wenn ein Superstar wie Christopher Paolini kommt. Das gilt aber genauso für unsere junge, zielgruppennahe Autorin Lena Kiefer."

Linde Müller-Siepen, neben Boje auch Programmleiterin für das ­Bastei-Lübbe-Label One, relativiert: "Bei One erscheinen pro Halbjahr etwa sechs Novitäten für Leserinnen ab 14 Jahren, Tendenz steigend. Das sind Bücher, die von ­Jugendlichen wie Erwachsenen gern gelesen werden. Insofern erscheinen bei uns im Verlag gar nicht weniger Novitäten im Jugendbuchsegment, allerdings hat sich die Programmzugehörigkeit verändert und damit sicherlich auch die Schwerpunktsetzung." Verschiebungen beobachtet auch Susanne Bertels, Bereichsleiterin Jugendbuch bei Loewe. Große Verlage würden zwar die Zahl der Novitäten reduzieren, "aber gleichzeitig sind in den letzten Jahren neue Verlage oder Imprints dazugekommen, wie Dragonfly, WJB und ivi". Außerdem steige die Zahl der Selfpublisher.

Alles in allem wurden 2019 exakt 498 neue Jugendbücher ans VLB gemeldet (Hardcover). Das sagt allerdings noch nichts über die Umsätze aus. "Schaut man sich an, wie viele der Novitäten eines Jahres tatsächlich mit nennenswerten Zahlen verkauft werden, muss man feststellen, dass nur rund zehn Prozent davon tatsächlich zum Leser finden", erklärt Bertels – darunter natürlich auch Topseller wie Poznanskis "Erebos 2".

Wie man das Jugendbuch nach vorn bringen kann, darüber macht sich Susanne Holoch von der Jugendbuchhandlung Murkelei in Heidelberg Gedanken. "Coole" Lesevorbilder würden gebraucht, »so eine Art Lese-YouTuber, die unter Jugendlichen populär sind. Lesende Eltern und halbherzig animierende Lehrer reichen da wohl leider nicht mehr aus«, sagt Holoch. Es gehe darum, Leseanreize zu schaffen und Neugier zu wecken. "Ein leichter, spannender Einstieg muss garantiert sein."

Ein geeigneter Ort, um die breite Masse der Heranwachsenden anzusprechen, seien unverändert die Schulen. Holoch erhofft sich mehr Aktionen, bei denen die Jugendlichen auch selbst aktiv werden können. Eigentlich ist die Ausgangssituation dafür gar nicht so schlecht, wie Susanne Stark von dtv ­junior anmerkt: "Alle Forschungen und alle uns vorliegenden Zahlen besagen, dass die Jugendlichen, wenn sie lesen, viel lieber gedruckte Bücher lesen als E-Books."

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2 Kommentar/e

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  • Harald Kraft

    Harald Kraft

    Trotz aller Veränderungen und schnellen Neuerungen bei den Medien sollten von den Jugendbuchverlagen alle Anstrengungen dahingehend unternommen werden, dass bei Kindern und Jugendlichen das Buch weiterhin eine Anziehung behalten wird.
    Der Börsenverein und die Landesverbände sollten dazu bereit sein weitere Aktionen und Lesungen für das Kinderbuch zu unterstützen und auch den Buchhandlungen, welche große Abteilungen Kinder- und Jugendbuch in ihr Buchsortiment aufgenommen haben, beratend zur Seite stehen.
    Dies könnte z. B. auch bei Lesungen von Kinderbuchautoren/- innen in manchen Buchhandlungen sein.
    Auch die Schulen haben dazu eine nicht zu unterschätzende Funktion in der Wissensvermittlung, den sie ja im Literaturunterricht aufzeigen.
    Zudem geht oft auch das Verlangen und der Wunsch nach Büchern vom Elternhaus aus, denn dort werden die Grundlagen zum späteren Lesen gelegt.
    Eltern, Schulen und Buchhandlungen sind also die Grundpfeiler, welche zur Lektüre von Büchern bei Kindern entscheidend beitragen.

  • Weniger, Silke

    Weniger, Silke

    Ich biete aktuell eine ganz phantastische Debütautorin an - und erhalte nur Ablehnungen, weil der Roman in einem Deutschland nach der Klimakatastrophe spielt. Für Jugendliche ist das ein reales Szenario. Das melden auch die begeisterten Lektorinnen zurück. Aber die Programmleitungen winken ab: "zu düster" heißt es. Wann fangen Buchverlage an, die Sorgen der Jugendlichen ernst zu nehmen und in Literatur umzusetzen?

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