Arbeitspsychologe Hannes Zacher im Interview

"Führungskräfte sollten jetzt nicht zum Micro-Manager werden"

Die eine Hälfte im Home Office, die andere im Büro, der Laden wird vom Backoffice aus betrieben, die Geschäftsführung beschäftigt sich statt mit Dienstreisen ums operative Geschäft - wie Mitarbeiterführung in Zeiten von Corona geht, erklärt Hannes Zacher, Professor für Arbeits- und Organisationspsychologie an der Universität Leipzig.  INTERVIEW: SABINE VAN ENDERT

Hannes Zacher

Hannes Zacher © Swen Reichhold/Universität Leipzig

Alles anders bei der Arbeit - Wie motiviert man jetzt seine Mitarbeiter?
Gerade in Krisenzeiten ist es wichtig, als Führungskraft gut auf die Grundbedürfnisse der Mitarbeitenden einzugehen. Dazu gehört, die Bedürfnisse nach Kontrolle, Kompetenzerleben und sozialer Eingebundenheit zu befriedigen. Führungskräfte sollten mit ihren Mitarbeitenden klare Ziele setzen, ihnen regelmäßig Feedback geben sowie die gegenseitige Unterstützung im Team fördern. 

Angst vor Ansteckung, Kurzarbeit, fehlende Kinderbetreuung: Wie gehen Führungskräfte jetzt mit den Sorgen ihrer Mitarbeiter um?
Führungskräfte sollten zunächst einmal ihren Mitarbeitenden in der Krise gut zuhören. Weiterhin sollten sie ihre Mitarbeitenden auf drei Arten unterstützen: Erstens, Informationen transparent weitergeben und regelmäßig kommunizieren. Zweitens, praktische Unterstützung anbieten, zum Beispiel bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Und drittens sollten sie Mitarbeitende emotional unterstützen, indem sie Verständnis und Mitgefühl signalisieren und Optimismus versprühen. 

Wie hält man das Team zusammen, wenn man nicht zusammen ist?
Auch wenn das Team jetzt erstmal nicht physisch zusammenkommt, ist psychologische und soziale Nähe sehr wichtig. Deshalb sollten Vorgesetzte und Kollegen regelmäßig untereinander kommunizieren und sich im Team austauschen, zum Beispiel über Telefon- und Videokonferenzen. Ich empfehle auch, ab und zu bei „stillen“ Kollegen im Homeoffice „einzuchecken“ und nachzufragen, wie es ihnen geht. 

Dienstreisen sind abgesagt, der Chef hat jetzt Zeit… Wie viel Einmischung ins Operative, wie viel Kontrolle, ist erträglich?
Führungskräfte sollten gerade jetzt nicht zum Micro-Manager werden, sondern sich auf ihre zentralen Leitungsaufgaben besinnen, um die Krise mit ihren Mitarbeitenden zu bewältigen. Die Forschung in der Arbeits- und Organisationspsychologie zeigt auch, dass Mitarbeitende im Homeoffice möglichst genauso behandelt werden sollten wie Mitarbeitende im Büro, also nicht zu enge Kontrolle, aber auch nicht à la „Aus den Augen aus dem Sinn“. 

Welche Führungsform ist in Corona-Zeiten gefragt?
Gute Führung beinhaltet in der Krise letztlich dasselbe wie in normalen Zeiten: eine ausgewogene Balance zwischen Aufgaben- und Mitarbeitendenorientierung, die Unterstützung bei der effektiven Bewältigung von Veränderungen und das Vermeiden von negativen Verhaltensweisen. 

Home Office mit Kindern: Wie tolerant muss der Chef sein?
Es sollte eine klare Vereinbarung dazu geben, wie das Homeoffice und die darin zu erledigenden Aufgaben gestaltet sind. Aber die Forschung empfiehlt, dass man für optimale Ergebnisse maximal 2 Tage Homeoffice pro Woche mit Präsenztagen kombinieren sollte – und im Moment arbeiten viele Erwerbstätige dauerhaft im Homeoffice, häufig kombiniert mit Kinderbetreuung. Das sollten Vorgesetzte gerade in der Übergangszeit viel Verständnis für aufbringen und die Mitarbeiten unterstützen. 

In Berlin und Sachsen-Anhalt sind die Buchhandlungen noch offen - was nicht allen Mitarbeitern gefällt. Worst case: Der Chef verschanzt sich im Büro, die Mitarbeiter haben den Kundenkontak. Geht das?
Nein, Vorgesetzte gehören in der Krise an die Front, sollten Vorbilder sein und sich schützend vor ihre Mitarbeitenden stellen. Ansonsten werden sie ihrer Führungsrolle nicht gerecht. 

Und zum Schluss das Stichwort Resilienz: Wir erreicht man diese vielgepriesene Eigenschaft?
Durch Erfahrung, insbesondere indem man aus Fehlern und Rückschlägen lernt. Resiliente Personen und Organisationen haben sich gute, aktive und problemorientierte Bewältigungsstrategien angeeignet, mithilfe derer sie eine Krise meistern können.

 

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1 Kommentar/e

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  • Katja Fritsch

    Katja Fritsch

    Vielen Dank für dieses gelungene Interview Frau Van Endert. Herr Professor Zacher gibt solide Ratschläge, die in diesen Tagen sehr wichtig sind. Als Coach arbeite ich mit Führungskräften in der Coachingpraxis.Berlin regelmäßig an agilen Techniken der Mitarbeiterführung. Für jene, die schon ein paar Jahre die Wende zum New Work angegangen haben, ergibt sich jetzt nur eine graduelle Umstellung. Für die traditionelleren Manager bedarf es nun leider einer radikalen Neuorientierung. Denen rate ich sehr dazu, sich von den Erfahrungen der New Work-Unternehmen zu inspirieren.

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