Interview mit Nina Hugendubel zum Shutdown

"Wir remittieren im Moment nicht"

Hugendubel hat seine Mitarbeiter*innen aus mehr als 150 Filialen in Kurzarbeit geschickt, verhandelt mit Verlagen, Vermietern und Banken, um gemeinsam durch die Krise zu kommen. Dauerhaft aber könne der Stillstand nicht ausgehalten werden, sagt Nina Hugendubel, geschäftsführende Gesellschafterin des Münchner Filialisten. INTERVIEW: CHRISTINA SCHULTE

Nina Hugendubel in der Filiale Stachus in München

Nina Hugendubel in der Filiale Stachus in München © Martin Hangen

Die Buchhandlungen in Bayern waren die ersten, die geschlossen wurden. Wie lange kann Hugendubel einen Shutdown durchhalten?
Wir haben auch in den anderen Bundesländern die Öffnungsmöglichkeiten zum Wohl unserer Mitarbeiter nicht ausgereizt, so dass all unsere Filialen schon seit über zwei Wochen geschlossen sind. Dauerhaft kann man den Stillstand, wie auch alle anderen, nicht aushalten. Aber im Moment und auf Sicht können wir den Shutdown bewältigen.

Haben Sie bereits Kurzarbeitergeld erhalten?
Wir waren sehr früh dran und haben unsere Anträge auf Kurzarbeitergeld bereits vor gut zwei Wochen eingereicht. Immerhin haben wir jetzt einen Ansprechpartner und eine Beratungsnummer bekommen. Das Dilemma ist, dass die Arbeitsagenturen auch nicht schneller arbeiten können bei der Flut an Anträgen.

Wie viele Mitarbeiter sind bei Ihnen in Kurzarbeit?
Sobald die Läden geschlossen waren, haben wir alle Kolleg*innen aus unseren über 150 Filialen in Kurzarbeit schicken müssen. In der Verwaltung sind seit Mitte der vergangenen Woche nur noch die Bereiche Social Media, CRM, E-Commerce und das Callcenter vollständig besetzt, der b2b-Bereich zu einem großen Teil. Und natürlich arbeiten die Buchhaltung und die Personalabteilung, die besonders viel zu tun hat.

Arbeiten noch Buchhändler*innen in Ihren Filialen oder sind die Buchhandlungen zu?
Alle unsere Läden sind geschlossen. Die Anlieferungen zu den einzelnen Häusern haben wir gleich beendet, Telefonate kommen im Callcenter an, der Versand an die Online-Kunden erfolgt über Libri und KNV sowie unsere eigenen Versand-Stationen in München und Darmstadt.

Wieviel Kompensation bringt das Online-Geschäft?
Es entwickelt sich über alle Warengruppen hinweg sehr gut und erlebt einen Riesenaufschwung. Vor allem Bücher und Spiele legen deutlich zu. Ein Nadelöhr ist der Versand an die Endkunden, da müssen die Logistiker zum Teil noch hinterherkommen. Unsere Kunden zeigen hier aber großes Verständnis, was mich sehr freut. Aber der Online-Umsatz ist hier nur ein kleiner Trost. Natürlich ist mit dem stationären Geschäft unsere Hauptumsatzquelle weggebrochen.

Wie bleiben Sie mit Ihren Kunden in Kontakt?
Der Kontakt klappt super auf allen Kanälen, vor allem auch über Social Media. Wir sind sehr dankbar, wie sehr uns unsere Kunden unterstützen und wie solidarisch sie sind. Sie haben Verständnis dafür, wenn manches etwas länger dauert und freuen sich, dass wir eine telefonische Beratung bieten, per WhatsApp oder Podcast mit ihnen kommunizieren, so dass sie auch weiterhin Empfehlungen rund ums Buch bekommen.

Haben Sie die Verlage um Unterstützung gebeten?
Verlage und Buchhandel sitzen in dieser Zeit im gleichen Boot und wir wollen gemeinsam einen Weg durch diese Krise finden. Daher sprechen wir mit möglichst vielen Verlagen, um die Situation bestmöglich zusammen zu meistern. Zum Beispiel remittieren wir im Moment nicht und haben mit manchen Verlagen großzügigere Zahlungsziele vereinbart.

Wie kommen Ihnen die Vermieter entgegen?
Auch mit den Vermietern sind wir im Gespräch und sie zeigen Verständnis für die Situation. Wenn die Läden wieder öffnen, müssen wir überlegen, wie wir mit den bis dahin aufgelaufenen Mieten umgehen und welche Lösungen wir finden können. 

Werden Sie staatliche Hilfe in Anspruch nehmen?
Wir sind in Gesprächen mit unseren Banken wegen der KfW-Darlehen und informieren uns derzeit über die staatlichen Hilfsmöglichkeiten. Hier ist ja nach wie vor vieles in Bewegung. Bisher sind die Vergabeprozeduren allerdings noch sehr aufwändig.

Kleine Unternehmen können Soforthilfe beantragen, die nicht zurückgezahlt werden muss. Große Firmen hingegen müssen sich verschulden …
Es ist gut, dass kleine Unternehmen diese Hilfen schnell und unkompliziert bekommen. Für größere Firmen werden sicher noch neue, geeignete Möglichkeiten gefunden, die diesen durch die Krise helfen.

Was wünschen Sie sich von der Politik?
Die Entscheider sollten sehr schnell darüber nachdenken, welche Möglichkeiten es noch gibt, um die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen, außer die Wirtschaft komplett auszuschalten und diese drastischen Maßnahmen über einen längeren Zeitraum aufrecht zu erhalten. Außerdem fände ich es wichtig, das Kurzarbeitergeld aufzustocken. Wir werden eine Welle an Folgeschäden bekommen, die ich mir momentan noch gar nicht vorstellen mag.

Gemeinsam mit vier weiteren führenden Münchner Einzelhändlern haben Sie einen offenen Brief an Markus Söder und Ihren Oberbürgermeister Dieter Reiter geschrieben und appelliert, den Unternehmen und Einzelhändlern schnell zu helfen. Wie war die Resonanz?
Mich freut es, dass unser Brief sogar auch über die Landesgrenze hinaus Resonanz gefunden hat. Ich denke, in diesen Zeiten bekommen die Politiker viele Briefe, denn fast alle Unternehmen befinden sich nun in einer Lage, die sie sich vor ein paar Wochen niemals hätten träumen lassen. Viele Unternehmen werden diese Krise nicht überstehen, andere werden irgendwie durchkommen. Mir ist es wichtig, die Politiker wachzurütteln und zu zeigen, dass es dem Handel überhaupt nicht gut geht. Die einzigen stationären Händler, die in der Krise halbwegs normal weiter agieren können, sind der Lebensmitteleinzelhandel und Drogeriemärkte.

Wenn der Shutdown beendet ist und es grünes Licht für die Öffnung der Buchhandlungen gibt: Können Sie dann sofort hochfahren?
Theoretisch werden wir sehr schnell wieder da sein können, weil wir bereits jetzt an den Plänen für den Neustart arbeiten. Die wichtigste Frage ist allerdings, welche Regeln wir dann umsetzen müssen, welche Beschränkungen es gibt und wie wir damit umgehen. Diese Rahmenbedingungen kennen wir noch nicht. Die Mitarbeiter zurückzuholen und die Läden aufzumachen, die Bestellsysteme in Gang zu bringen, das ist das kleinere Problem. Auch die Bücher sind ja noch da.

Glauben Sie, dass der Handel nach Corona ein anderer sein wird als vor der Krise?
Eine Grundunsicherheit wird bestimmt noch eine ganze Weile anhalten. Mittelfristig werden die Menschen zu schätzen wissen, ihre Freiheit wieder zu haben. Einige von denen, die jetzt sehen, wie öde Städte ohne Läden sind, werden sich vielleicht überlegen, wie sie ihr Geld auf stationären und Onlinehandel verteilen werden. Auch wenn jetzt gerade eine größere Digitalisierungswelle stattfindet, glaube ich, dass den Kunden der Besuch in Läden wichtig - vielleicht wichtiger - sein wird als vorher.

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