Mein Lockdown-Tagebuch (20)

"Es ist, wie es ist, aber es wird, was du daraus machst"

Saskia Jürgens macht gerade eine Ausbildung in der Buchhandlung Mahr in Langenau. Wie sie den Corona-Wahnsinn erlebt hat - das beschreibt die angehende Buchhändlerin hier. Ihr Fazit: Im Laden wurde es nicht leer, dunkel und leise, sondern es entstand ein neuer Reichtum an Ideen.

"Es ist, wie es ist, aber es wird, was du daraus machst"  - dieser Spruch hängt in Form einer Postkarte aus Vor-Corona-Zeiten an meiner Küchenzeile. Als Auszubildende der Buchhandlung Mahr wollte ich meine Eindrücke während der Corona-Zeit, vor allem während des Shut-Downs, festhalten. Was mir dazu als Erstes einfällt, ist dieser Postkartenspruch, den ich als Überschrift gewählt habe. Denn genau das trifft es sehr gut: Es wird, was du daraus machst. Nein, besser gesagt, was wir alle daraus machen – ein enormes Puzzle aus ganz vielen "was du daraus machst"-Teilen.

Am ersten Tag des Lockdowns mündete die schon seit Wochen anhaltende Unsicherheit in unseren Köpfen in eine buchhandlungsinterne Krisensitzung am Nachmittag. Der Laden war am Vormittag ungewöhnlich dunkel, leer und ruhig gewesen. In unsere Gedanken mischte sich eine Art Erleichterung, endlich zu wissen, was zu tun ist – nämlich die Ladentür geschlossen zu halten – mit: nun ja: Existenzangst.

Keiner hatte jemals eine ähnliche Erfahrung gemacht. Während eine Kollegin ihr Organisationstalent konsultierte, um durch die Sitzung zu moderieren und dabei gewissenhaft alle Fragen der Agenda zu bearbeiten, tauchte ich immer wieder in folgende Gedankenwelt ab: Nach vielen Semestern des Überlegens und Zögerns hatte ich letztes Jahr mein Studium abgebrochen, um den Beruf zu lernen und auszuführen, von dem ich glaube, dass es mein Traumberuf ist.

Als ich mich auf die Suche nach einer Ausbildungsstelle begab, erwartete ich nicht, auf eine Buchhandlung zu treffen, die für mich neben meinem Ausbildungsplatz eine Art zweites Zuhause werden würde, in dem Buchliebhaber*innen zum ausgiebigen Schmökern in sämtlichen Ecken, Höhen und Tiefen bei einer Tasse Espresso eingeladen werden und wo stets ein Hauch von Wärme und Herzlichkeit durch die Räumlichkeiten weht.

Das zu verlieren war für mich undenkbar. Ich gehe davon aus, dass sich bei jedem meiner Kolleg*innen ein eigenes kleines Szenario im Kopf abspielte, welches ihn oder sie durch diese Sitzung begleitete. Dennoch: Im gemeinsamen Gespräch versuchten wir alle Punkte der Besprechung mit Informationen, Handlungsoptionen und Ideen zu füllen.  

Kommunikation durchs Fenster

Noch am selben Tag nahmen wir ein Mobiltelefon mit dem Nachrichtendienst WhatsApp in Betrieb und kommunizierten auf verschiedenen Wegen – meist am Telefon oder durchs Fenster, dass auch weiterhin bei uns bestellt werden kann. Es folgten Stunden am Computer, um Visitenkarten, Zeitungsannoncen, Plakate, digitale Banner und eine Facebookseite zu erstellen und unsere bereits vorhandenen Kanäle mit neuen Informationen zu füttern. Schaufenster wurden umdekoriert. Dort rankten nun Bücher um ein großes Plakat mit der Überschrift "Neue Wege führen zum Mahr" und den dazugehörigen Daten.

Auch ein neu erworbenes Lichtzelt bewohnt seit Kurzem unser Büro, um unsere zahlreichen Kund*innen, Followers und Abonnent*innen mit noch besseren Fotografien zu versorgen – schließlich sollten diese trotz geschlossener Ladentür ein bisschen Buchhandlungsatmosphäre bekommen.

Die Visitenkarten in gedruckter Form flatterten nun an einer Wäscheleine, festgepinnt mit Klammern, vor unserer Ladenfront, damit Passant*innen die im Schaufenster ausgehängten, neuen Informationen mit nach Hause nehmen konnten.

Wo vor ein paar Tagen noch ein Auslagentisch voller Neuerscheinungen stand, wurden nun Kundenbestellungen ausgepackt. Denn entgegen unserer Befürchtung wurde es nicht leer, dunkel und leise im Laden. Im Gegenteil: Im Fünf-Minuten-Takt klingelte das Telefon, während man gerade Bestellungen über WhatsApp annahm und nebenbei ans Fenster klopfende Passant*innen Auskunft gab.

Und so erwartete das Team morgens beim Eintreten ein bemerkenswerter Turm an Kisten neugelieferter Bücher, die sich an den besten Tagen als über zweihundert Kundenbestellungen entpuppten. 

Es scheint so, als zog jedes Erfolgserlebnis einer neu umgesetzten Idee einen weiteren kreativen Einfall mit sich. So gesellten sich zum Lieferservice auch bald regelmäßige Videos mit dem Titel "Mahrs Lektüretipps", die sowohl das Team der Buchhandlung als auch Stammkund*innen, Autor*innen und Persönlichkeiten der Region auf die Bildschirme brachten. Des Weiteren individuelle, persönliche Bücher-Abos, die ein- oder zweimal monatlich anstehen sollten – und mit Sicherheit die Corona-Zeit überdauern werden.  

Viele Tränen und Berge von Büchern

Ja, es gab auch die ein oder andere Träne; aber vor allem die Freudentränen möchte ich nicht verschweigen, die vergossen wurden – weil sich unerwartete Wege auftaten oder liebe Kund*innen mal wieder ein anerkennendes, aufmunterndes, herzliches Wort oder eine Überraschung vor der Tür hinterließen. Zu den Freudentränen kamen unzählige heitere und lustige Momente, viel leckeres Essen und noch mehr Lachen.

In der Zeit der intensiven, kreativen, aber auch freien Zusammenarbeit mit viel Spaß und guten, sowie früchtetragenden Gesprächen werden aus Kolleg*innen Freunde. Eine Tatsache, die ich deutlich erleben durfte. 
Unser Team wurde noch erweitert durch liebe und hilfsbereite Außenstehende, die für uns eine externe Abholstation einrichteten oder Buchpäckchen an freudig wartende Kund*innen auslieferten.

Unsere Videos erreichten, wie ich vor kurzem erfahren durfte, auch eine Zuschauerschaft außerhalb Deutschlands, die sich dann durch telefonische Grüße bemerkbar machte. Zu diesen Grüßen gesellte sich dann eine Buchbestellung aus New York und eine Buchhandlung aus Rheinland-Pfalz, die sich über WhatsApp nur einmal kurz nach unserem Befinden erkundigen wollte.

Wie sich unschwer erkennen lässt, sind wir alle in den letzten Wochen ein Stückchen näher zusammengerückt – in der Buchhandlung selbst, aber auch weit darüber hinaus.

Nichts ist so schlecht, als das es nicht für etwas gut wäre. Und so steht es ebenfalls mit den Herausforderungen, die uns alle in der Corona-Krise ereilten und noch ereilen werden. Bis jetzt haben wir versucht das Beste daraus zu machen. Und ich finde, wir haben uns dabei sehr gut geschlagen. In einer Buchhandlung zu arbeiten, ist nicht nur ein Job; es ist ein Projekt, mit dem man sich identifiziert und für das man ausschließlich das Beste will.  

Es ist noch nicht vorbei

Die Corona-Zeit ist noch lange nicht vorbei und auch nach der Wiederöffnung der Geschäfte sind wir täglich aufs Neue herausgefordert, uns an wandelnde Begebenheiten anzupassen. Doch bereits jetzt wird deutlich, dass wir reicher an Ideen, Fähigkeiten, Zusammenhalt und Selbstwirksamkeitserwartung daraus hervor gehen werden.  
Als Auszubildende kann ich nur sagen: Was kann ich Besseres für meine (berufliche) Zukunft lernen, als spontan, flexibel und kreativ auf eintretende, unbekannte Bedingungen reagieren zu können und mich von der Herausforderung motivieren zu lassen, anstatt den Kopf in den Sand zu stecken?

Ebenfalls erfreulich ist es, mitzuerleben, welch essenzielle Bedeutung Bücher doch für die Gesellschaft haben – vor allem in der Krisensituation wurde diese Tatsache von unseren Kund*innen spürbar an uns herangetragen. Bücher machen Mut, sie lenken ab, helfen die Perspektive zu wechseln und inspirieren zu neuen Ideen und Lösungsansätzen. In diesem Sinne hoffe ich, dass wir alle, neben zahlreichen Hürden, für uns persönlich und für das gesellschaftliche Zusammenleben, Positives aus der Situation mitnehmen und weitergeben können; in eine Zeit nach Corona, in der vieles anders ist, auch, weil wir dazu gelernt haben.

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1 Kommentar/e

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  • Lena

    Lena

    Das ist ein richtig toller Text! Danke Saskia Jürgens für diese schönen Worte.

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