Schriftgestaltung ohne Regeln - Eine Glosse

Gefühlte Fehler Häufung

20. Dezember 2018
von Börsenblatt Online
Warum, bitte schön, gehen auf Buchcovern neuerdings Bindestriche und andere orthografische Errungenschaften verloren?, fragt sich Andrea Rinnert (ver)zweifelnd. Eine Glosse über Wissen, das offenbar auf dem Rückzug ist.

Wahre Willkommenskultur sieht anders aus: Heutzutage einen Supermarkt zu betreten ist – zunächst – ein Quell der Qual. Auf nahezu jedem Begrüßungsschild folgt dem Wörtchen "Herzlich" ein fälschlicherweise großgeschriebenes "Willkommen". Sogar Universität(sbibliothek)en kapitulieren immer öfter vor dieser Unsitte – in bestürzendem Kontrast zu den dort nachschlagbaren gegenteiligen Informationen.

Ständig von falschem Deutsch umgeben zu sein ist für Korrekturleserinnen freilich besonders schwer erträglich: Ratzfatz kapern gängige Fehler wie "gefeit davor" oder "diesen Jahres" den individuellen Sprachgebrauch – und wer nicht jedes Mal pflichtbewusst durch halblautes Vorsichhinmurmeln mit dem geistigen Rotstift gegensteuert, geht des eigenen Kompetenzvorsprungs schleichend verlustig. Dieses Verhalten als Déformation professionelle innerhalb einer nörgeligen Zunft abzutun, wäre denkbar.

Trotzdem: Ein wenig Kulturpessimismus scheint angebracht, da sich ähnliche Worst-Practice-Beispiele inzwischen auch in Buchhandlungen häufen – wie zahllose Cover beweisen. Es mag zwar irgendwie harmonischer aussehen, wenn drei aufeinanderfolgende Wörter mit einem Großbuchstaben anfangen wie bei dem Titel "Das Alte Ägypten" – doch diese falsche Gleichmäßigkeit weckt im Nu den Verdacht der Mäßigkeit: Außen pfui, innen hui – sehr unwahrscheinlich! Wenn in einer Hotellobby neben den Zimmerpreisen der Hinweis "Frühstück Ab Acht Uhr" prangt, bröckelt ja auch das Gästevertrauen. Was beides mit­einander zu tun hat? Der Buchumschlag fungiert zweifellos als eine Art Empfangsbereich für Lektürehungrige – und ist deshalb einwandfrei zu gestalten.

Der Ungewissheit, ob ein Wort groß- oder kleingeschrieben wird, lässt sich freilich durch Versalien entrinnen – die als typografische Aufmerksamkeitserheischer ohnehin en vogue sind, ungeachtet ihrer suboptimalen Leserlichkeit. Doch Obacht: Komposita wie "WELLENBRECHER", "QUALITYLAND" oder "DER KREIDEMANN" werden nun auseinandergerissen in "QUA  LITY  LAND", "DER KREIDE  MANN" und "Geht's noch, DEUTSCH  LAND?" – ohne die einstige Verbundenheit wenigstens durch ein Trennungszeichen zu bewahren. Dieselbe Missachtung widerfährt dem Bindestrich bei gemischten Schreibweisen; mitunter ergeben sich dadurch widersinnige Form-Inhalt-Bezüge, wie bei "DER ERNÄHRUNGS  KOMPASS" oder, ganz unabhängig von Groß- oder Klein­schreibung, bei "Achtsamkeits Rituale" und "Jeder ist beziehungs  fähig". Auch Kommata verlieren erdrutsch­artig an Popularität: "verliebe dich in wen DU willst" feiert bereits im Titel den lässigen Umgang mit Konventionen.

Zugegeben, auf Büchern finden sich keine völlig krassen Schreibfehler, höchstens als absichtsvolles Humorsignal wie bei "Kannawoniwasein". Also alles halb so schlimm? First-World-Problems? Es gibt belangreichere Mecker-Anlässe? In einer printaffinen Branche sollten fehlende Bindestriche und ähnliche Feinheiten dennoch nie als Petitesse gelten. Schönheit und Korrektheit müssten einander nicht ausschließen! Übrigens: Sollte sich in diesen Text tatsächlich ein Fehler ­hineingemogelt haben, ist daran selbstverständlich ­einzig und allein der irritierende Einfluss dieser imperfekten Umwelt schuld und mitnichten die Verfasserin.

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Andrea Rinnert arbeitet als Lektorin, Schlussredakteurin, Korrektorin und Autorin (unter anderem "FAZ", "FR"). Seit 1996 ist die Journalistin und promovierte Germanistin auch freie Mitarbeiterin bei Buchjournal und Börsenblatt.