Interview zur Buchpreisförderung durch die Deutsche Bank Stiftung

"Wir denken gesamtgesellschaftlich"

19. September 2019
von Börsenblatt Online
Die Deutsche Bank Stiftung unterstützt den Deutschen Buchpreis – und demnächst auch den Deutschen Sachbuchpreis. Warum eigentlich? Antworten von Geschäftsführerin Kristina Hasenpflug und vom Vorstandsvorsitzenden Jürgen Fitschen. 

Was macht das Buch so attraktiv fürs Kultursponsoring?
Jürgen Fitschen: Hier sei zunächst einmal gesagt: Als Stiftung betreiben wir kein Sponsoring – also eine finanzielle Unterstützung, für die wir eine Gegen­leis­tung erwarten. Als Stiftung bürgerlichen Rechts fördern wir Projekte, die sich mit unserer Satzung und unseren aktuellen Förderschwerpunkten decken. Und da denken wir immer auch gesamtgesellschaftlich. Das Buch spielt als zentra­les Kulturgut eine immens wichtige Rolle. Es ist wie kaum ein anderes Medium in der Lage, gesellschaftliche Zusammenhänge zu erzählen, andere Lebenswelten erfahrbar zu machen und kontroverse Diskussionen anzustoßen.

Den Deutschen Buchpreis unterstützt die Deutsche Bank Stiftung seit 2014. Wie ist Ihre Bilanz bisher?
Kristina Hasenpflug: Außerordentlich positiv. Durch die extrem hohe mediale Wahrnehmung rückt der Deutsche Buchpreis wie kein anderer die aktuelle deutsche Gegenwartsliteratur in den öffentlichen Fokus – gerade auch durch die immer wieder aufkommenden Kontroversen anlässlich der Bekanntgabe von Long- und Shortlist. Und die vielfältigen Veranstaltungen und Lesungen im Umfeld des Buchpreises schaffen Begegnungen zwischen Autorinnen, Autoren und Leserschaft. Das ist ein ganz starkes Bedürfnis vieler Leserinnen und Leser, die Menschen hinter den Romanen kennenzulernen. Das merken wir auch immer wieder bei unseren eigenen Lesungsformaten, die jedes Mal mit rund 300 Personen sehr gut besucht sind. Durch diesen Erlebnisfaktor rücken die Menschen näher an das Medium Buch heran.

Messen Sie bei solchen langfristigen Engagements das Verhältnis von Aufwand und Nutzen? Und geht das überhaupt?
Jürgen Fitschen: Als fördernde Stiftung haben wir zunächst den Vorteil, uns ökonomischen Sachzwängen entziehen zu können. Und gerade im Zusammenhang mit Kultur und kultureller Bildung ist es problematisch Begriffe wie "Aufwand" und "Nutzen" zu verwenden. Nichtsdestotrotz achten wir bei der Auswahl unserer Förderprojekte darauf, dass eine nachvollziehbare Wirkungslogik besteht. Diese fasst ein gesellschaftlich relevantes Ziel ins Auge und stellt dar, wie das Projekt dieses Ziel durch einen sinnvollen Einsatz von Ressourcen erreichen kann. Wenn dann zum Ende der Projektlaufzeit die gesetzten Meilensteine erreicht wurden, spricht das für eine gute Planung und Realisierung, die wir dann gerne auch weiterbegleiten.

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Ab 2020 fördern Sie zusätzlich den neuen Deutschen Sachbuchpreis des Börsenvereins. Warum ist diese Auszeichnung, die ja inhaltlich nicht unbedingt der klassischen Kulturförderung entspricht, interessant für Sie?
Kristina Hasenpflug: Es kommt uns mit unserem Wirken nicht nur darauf an, kulturelle Highlights zu ermöglichen, sondern möglichst vielen Menschen Zugang zu Kultur und Bildung zu verschaffen. Gerade auch solchen, die sonst vielleicht gar nicht mit diesen Themen in Berührung kämen.

Jürgen Fitschen: Das zeigt sich auch beim Deutschen Sachbuchpreis. Denn Sachbücher ermöglichen es in ganz besonderer Weise, wissenschaftliche Themen für eine breite Öffentlichkeit aufzubereiten und damit einen fakten­basierten, kenntnisreichen gesellschaftlichen Diskurs fernab von sogenannten Fake News zu ermöglichen. Dieses Anliegen unterstützen wir als Stiftung aus voller Überzeugung.

Angenommen, ein kritisches Buch über das Bankenwesen wird für den Sachbuchpreis nominiert – wäre das ein Problem für Sie?
Kristina Hasenpflug: Überhaupt nicht! Das ist mit Blick auf den Deutschen Buchpreis in diesem Jahr doch bereits der Fall. Tom Zürchers bankenkritischer Roman "Mobbing Dick" liegt schon auf meinem Lesestapel – ich bin sehr gespannt.

Jürgen Fitschen: Und genauso verhält es sich auch beim Deutschen Sachbuchpreis. Wie bei jedem anderen guten Roman oder Sachbuch wünsche ich mir allerdings, dass gut recherchiert und klug und differenziert geschrieben wird. Das gilt aber genauso für alle anderen Lebens- und Gesellschaftsbereiche, denn Plattitüden werden der Realität nie gerecht.

Neben der Literatur engagieren Sie sich auch für Musik, Oper, Theater. Was muss ein Kulturprojekt mitbringen, damit die Stiftung anbeißt?
Jürgen Fitschen: Einerseits sollte das Projekt auf die von uns fokussierten Zielgruppen ausgerichtet sein. Das sind im Fall der Exzellenzförderung junge Menschen, die wir dabei unterstützen wollen, ihre Talente weiter auszubauen und zu perfektionieren. Bei der Kultur­förderung ist es uns immer ein Anliegen, dass möglichst viele Menschen mit Kultur in Berührung kommen können – gerade auch solche, die dem Kultur­betrieb sonst fernblieben. Andererseits sollte das Projekt gut durchdacht, wirkungsorientiert angelegt und realisierbar sein.

Kristina Hasenpflug: Und schließlich überzeugen uns Vorhaben, die einen Vorbildcharakter haben und ohne größeren Aufwand auch durch andere Institutionen aufgegriffen werden können. Hilfreich ist dabei, wenn die Projekte nicht nur lokal ausgerichtet sind, sondern einen überregionalen Fokus haben, um ein ineffizientes Klein-Klein zu vermeiden.

Können Sie sich weitere literarische Engagements jenseits der beiden Buchpreise vorstellen?
Kristina Hasenpflug: Im engeren Sinne sind wir mit der Förderung des geschriebenen Worts schon gut aufgestellt. Aber wie schon erwähnt, denken und arbeiten wir dabei auch weiter und vernetzter. So fördern wir etwa hier in Frankfurt die monodramatische Serie »Stimmen einer Stadt«, bei der neun bekannte Prosaautorinnen und -autoren extra für das Schauspiel Stücke schreiben und damit paradigmatische Frankfurter Biografien auf die Bühne bringen. Auch engagieren wir uns verstärkt in der Lese- und Sprachförderung von Kindern. Insofern sind wir mit vielen Facetten in der Literatur- und Leseförderung aufgestellt.

Die Deutsche Bank hat gerade einen massiven Sparkurs angekündigt. Kommt die Stiftung in Krisenzeiten manchmal in Argumentationszwänge?
Jürgen Fitschen: Wie gesagt, ist unsere Institution von der Rechtsform her eine Stiftung bürgerlichen Rechts – und damit nicht nur formal, sondern auch de facto unabhängig. Wir verfügen über ein Anlagevermögen von rund 140 Millionen Euro, aus dessen Erträgen wir unser Engagement finanzieren. Anders als manche gemeinnützige GmbH, die auch den Titel Stiftung im Namen trägt, sind wir nicht auf jährliche Zuwendungen seitens eines Gesellschafters angewiesen. Das gereicht uns in der aktuellen Situation auf jeden Fall zum Vorteil.

Viele Stiftungen klagen über das Niedrigzinsniveau – trifft das auch die Deutsche Bank Stiftung?
Kristina Hasenpflug: Hier geht es uns grundsätzlich nicht anders als anderen Stiftungen auch, die aus stiftungsrechtlichen Gründen konservativ anlegen und ertragreichere, dafür mit mehr Risiko behaftete Anlagen meiden müssen. Hintergrund ist, dass wir verpflichtet sind, den Erhalt des Stiftungskapitals zu gewährleisten. Aber wir sind breit und gut aufgestellt und können unsere satzungsgemäßen Aufwendungen relativ konstant halten, sodass wir im Jahr rund 3,5 Millionen Euro an Fördermitteln vergeben können.

Neben kulturellen Projekten engagiert sich die Stiftung für Integration, Chancengerechtigkeit und Katastrophenprävention. Ist es schwierig, intern für die Kulturförderung zu argumentieren, der ja auch staatliche Fördertöpfe und Partner zur Verfügung stehen?
Jürgen Fitschen: Ganz und gar nicht. Zum einen, weil die Kulturförderung zur Stiftungs-DNA gehört. Die Deutsche Bank Stiftung ist ja 2005 aus der Fusion der beiden Vorgängerstiftungen entstanden: der Kultur-Stiftung der Deutschen Bank und der Deutsche Bank Stiftung Alfred Herrhausen Hilfe zur Selbsthilfe. Letztere hatte eine soziale und mildtätige Ausrichtung, erstere, wie der Name schon sagt, die Förderung der Kultur im Fokus. Zum anderen könnte man auch bei unseren Bildungs- und Sozialprojekten argumentieren, dass es dafür öffentliche Gelder gäbe. Wir aber wollen, auch aus unserer Historie erwachsen, beide Bereiche gleichwertig unterstützen.

Siegerkür oder traditionelle Blind-Date-Lesung in der Deutschen Bank – was macht Ihnen persönlich am meisten Spaß beim Deutschen Buchpreis?
Kristina Hasenpflug: Es ist beides toll: Als Literaturwissenschaftlerin sitze ich schon bei der Bekanntgabe der Longlist gespannt vor meinem Rechner, um dann zu schauen, wer in diesem Jahr ins Rennen geht. Und wen davon wir wohl auf unserer jährlichen Blind-Date-Lesung in den Deutsche-Bank-Türmen präsentieren können. Bei der Siegerkür im Frankfurter Römer ist es immer besonders spannend, denn auch wir als Hauptförderer erfahren erst im Rahmen des Festakts, wer den Deutschen Buchpreis erhält.

Jürgen Fitschen: Wir haben das Glück, jährlich die 20 nominierten Titel in der Stiftung stehen zu haben. Wobei meistens gar nicht alle im Regal zu finden sind, sondern von den Kolleginnen und Kollegen ausgeliehen werden. Da muss man dann schon schnell sein, wenn man seinen Favoriten mitnehmen möchte. Und ich stöbere regelmäßig in Buchhandlungen; der Bücherstapel, der zu Hause darauf wartet, gelesen zu werden, wächst stetig.

Die Deutsche Bank Stiftung
  • Die Stiftung bürgerlichen Rechts vergibt jährlich Fördermittel in Höhe von 3,5 Millionen Euro. 2018 wurden 34 Projekte unterstützt.
  • Gefördert werden Kulturprojekte wie der Deutsche Buchpreis und der neue Deutsche Sachbuchpreis; Musik und Theater setzen weitere Schwerpunkte – darunter das
    stiftungseigene Stipendienprogramm "Akademie Musiktheater heute", das den Nachwuchs am Musiktheater fördert.
  • Integration, Chancengerechtigkeit und Katastrophenprävention gehören ebenfalls zum Förderkatalog. Das Programm "Studienkompass" unterstützt etwa Jugendliche aus nicht akademischen Elternhäusern bei ihrem Weg an die Hochschule, das Projekt "KIWI" hilft Lehrkräften mit Unterrichtsmaterial und Fortbildungen bei der Integration geflüchteter Schülerinnen und Schüler.