Kirsten Reimers plädiert für anspruchsvollere Krimis

Vielfalt macht krisensicher

21. Januar 2020
von Börsenblatt Online
Ob Buchhandel oder Medienlandschaft: Beim Krimi dominiert Massenware das Bild. Dabei gibt es sehr wohl Titel, die intelligent mit dem Genre spielen. Man muss sie nur finden. Meint Kirsten Reimers.

Ein Blick auf die Jahresbestsellerlisten bestätigt es immer wieder: Spannungsliteratur ist eine stabile Umsatzsäule des Buchhandels. Seit Jahren liegt der Umsatz mit Krimis bei rund 25 Prozent des Belletristikumsatzes. Der Blick auf die Bestsellerlisten zeigt aber auch: Dort finden sich die immer gleichen Namen und Romane nach dem immer gleichen Schema F. Das identische Bild in Buchhandlungen jeder Größenordnung: Krimimassenware auf Stapeln und in den Regalen.

Doch während die Krimis, die sowieso schon gut laufen, überall zu finden sind, ächzen Verlage, die anspruchsvollere Kriminalliteratur herausgeben: Seit mehreren Jahren lässt sich diese immer schwerer an die Leserinnen und Leser bringen. Nun ist es nichts Neues, dass Qualität sich nicht in Verkaufszahlen niederschlägt, doch besonders beim Kriminalroman klafft die Schere zwischen Qualität und Quantität immer weiter auseinander.

Bücher von Autorinnen und Autoren, die sowieso schon gut laufen, erhalten fortlaufend mehr Aufmerksamkeit, während Kriminalromane, die intelligent mit dem Genre spielen oder eine komplexere Unterhaltung bieten, immer unsichtbarer werden. Die Auslistung von Büchern bei Libri, die bestimmte Umsatzzahlen nicht erbringen, verschärft die Situation noch. Hinzu kommt, dass auch die Medien verstärkt auf Best­seller setzen. Geradezu symptomatisch ist die Ersetzung des "Literatur Spiegels" durch das Magazin "SpiegelBestseller": Wie der Name schon sagt, werden hier aktuelle und auch potenzielle Bestseller vorgestellt. Kriminalromane jenseits der Massenware, die von unabhängigen Verlagen ohne Marketingbudgets wie die der Konzernverlage herausgegeben werden, fallen so hintüber.

Dabei zeigt die Erfahrung der expliziten Krimibuchhandlungen, dass es ein Publikum für anspruchsvollere Kriminal­romane gibt. Die Krimibuchhandlung Hammett in Berlin-Kreuzberg beweist sogar, dass Publikumsgeschmack und Expertenmeinung übereinstimmen können: Zu den bestverkauften Krimis der Buchhandlung zählen "Berlin Prepper" von Johannes Groschupf und "Die Putzhilfe" von Regina Nössler; beide Bücher wurden mit dem Deutschen Krimipreis, Kategorie national, ­ausgezeichnet. "Drei" von Dror Mishani, Platz 2 des Deutschen Krimipreises in der Kategorie international, war längere Zeit auf der "Spiegel"-Bestsellerliste vertreten.

Nicht jede Buchhändlerin, nicht jeder Buchhändler kennt sich mit Kriminalliteratur aus, aber das ist auch gar nicht nötig, da es gute Möglichkeiten gibt, sich über anspruchsvollere Krimis zu informieren. Neben dem Deutschen Krimipreis, der einmal im Jahr verliehen wird, gibt es beispielsweise die Krimibestenliste, veröffentlicht von der "Frankfurter Allgemeinen Sonntags­zeitung" und Deutschlandfunk Kultur: Eine Jury aus Krimi­expertinnen und -experten wählt monatlich die zehn besten Krimis. Zudem gibt es das Onlinemagazin "CrimeMag", das jeden Monat aus unterschiedlichen Blinkwinkeln über Krimis informiert, sowie den "KrimiDetektor", eine Onlinepresseschau, die Woche für Woche die wichtigsten Beiträge zur Kriminalliteratur zusammenstellt.

Bibliodiversität ist die Grundlage eines krisensicheren Buchmarkts. Dafür braucht es auch die ganze Bandbreite des Kriminalromans. Die sollten Buchhandlungen ihren interessierten Kundinnen und Kunden nicht vorenthalten.

Kirsten Reimers ist freie Literaturkritikerin mit Schwerpunkt Kriminalliteratur. Außerdem ist sie Sprecherin der Jury des Deutschen Krimipreises und gibt den KrimiDetektor (www.krimidetektor.de) heraus.