Die Sonntagsfrage vom 3. Mai 2020

Ein Preis, viele Sieger – warum ändert der Internationale Literaturpreis sein Vergabeverfahren, Herr Zeiske?

2. Mai 2020
von Börsenblatt Online

Als Zeichen der Solidarität prämiert der Internationale Literaturpreis  nicht wie bisher ein einzelnes Werk, sondern gleich alle sechs Titel der Shortlist. Das Preisgeld von 36.000 Euro wird unter den 12 Autor*innen und Übersetzer*innen zu gleichen Teilen aufgeteilt. Mathias Zeiske, Leiter der Literatur und Verantwortlich für den Preis im Berliner Haus der Kulturen der Welt, über die Hintergründe.

Porträt von Mathias Zeiske

Als das öffentliche Leben Mitte März heruntergefahren wurde, waren wir sehr schnell mit der Aussicht konfrontiert, dass die Verleihung des 12. Internationalen Literaturpreises als literarisches Fest auf der Dachterrasse des Haus der Kulturen der Welt unmöglich stattfinden kann. Natürlich auch, weil unsere Preisträger*innen aufgrund der weltweiten Reisebeschränkungen nicht nach Berlin kommen könnten.

Den Preis abzusagen oder auf einen unbestimmten Zeitpunkt zu verschieben, kam weder für unsere Jury noch für uns Organisator*innen in Frage. Die Literaturszene und die Buchbranche brauchen Preise – vor allem weil sie Anlässe und Räume schaffen, um über Literatur ins Gespräch zu kommen. 


Das Prinzip "Winner takes all" aussetzen

In dieser ungewöhnlichen Krisensituation, die natürlich auch die Buchbranche und all ihre Akteure hart trifft, erscheint es uns angemessen, das Prinzip "Winner takes all" für einen Moment auszusetzen, einen Schritt zurückzutreten und die Dinge neu zu denken. Durch die Aufteilung des Preisgeldes können wir die Arbeit gleich mehrerer hervorragender Autor*innen, Übersetzer*innen und Verlage würdigen und zumindest etwas unterstützen. Die Corona-Pandemie erzeugt weltweit eine völlig neue Situation, in der Solidarität gefragt ist. Und vielleicht kann uns eine Konstellation aus sechs sehr unterschiedlichen Texten, übersetzt aus sehr unterschiedlichen Sprachen, dabei helfen, diesen Moment zu reflektieren.

2020 hat keine einfachen Lösungen im Angebot 

Dass der Preis durch dieses Vergabeverfahren entwertet werden könnte, glaube ich nicht. Die sechs Bücher der Shortlist werden aus einem Pool von insgesamt 135 eingereichten Titeln auftauchen. Für jedes von ihnen wird in den Jurysitzungen sorgfältig argumentiert und gestritten. Alle sechs werden also auf ihre eigene Art aus der Gesamtheit aller Veröffentlichungen hervorragen. Es ist natürlich sehr viel einfacher, die Aufmerksamkeit auf einen einzigen Titel zu lenken. 2020 hat jedoch bisher keine einfachen Lösungen im Angebot. Wir glauben, dass sich der Wert eines Preises auch daran bemisst, ob er dazu in der Lage ist, eingespielte Routinen an neue Situationen anzupassen und damit seine Möglichkeiten auszuloten – ohne dabei wichtige Kriterien fallenzulassen und so zu tun, als sei alles einerlei.

Den Shortlist-Reader gibt es kostenlos im Buchhandel

Die Resonanz aus den Verlagen und der Literaturszene, all die vielen positiven Nachrichten und Kommentare haben uns in unserer Entscheidung bestärkt. Wir hoffen jetzt, dass auch viele Leser*innen unsere Einladung annehmen werden, die Shortlist als Konstellation zu betrachten, eines oder mehrere Bücher zur Hand zu nehmen und vielleicht selbst vergleichend zu lesen. Eine erste Gelegenheit dazu wird unser Shortlist-Reader geben, der in ausgewählten Buchhandlungen des deutschsprachigen Raums kostenlos zu haben sein wird. Interessierte Buchhändler*innen können sich übrigens gerne bei uns melden. Mit der Preisverleihung im Programm von Deutschlandfunk Kultur ist zudem die Hoffnung verbunden, ein größeres Publikum für die sechs Gewinnerbücher und die Vielfalt internationaler Literatur zu begeistern.

Ob es eine feierliche Preisverleihung geben wird? Das ist im Moment schwer abzusehen, weil niemand weiß, wann Großveranstaltungen und Reisen überhaupt wieder möglich, geschweige denn unbeschwert möglich sein werden. Wir konzentrieren wir uns also zunächst darauf, die einstündige Radio-Preisverleihung zusammen mit dem großartigen Team von Deutschlandfunk Kultur so zu gestalten, dass sie nicht nur informativ und feierlich ist, sondern auch Spaß macht – auch jenen Hörer*innen, die vielleicht nicht zur Preisverleihung ins HKW gekommen wären und ganz zufällig einschalten.

Und im nächsten Jahr?

Wir sehen all das ganz klar als Reaktion auf eine Ausnahmesituation. Wir sind jedoch sehr gespannt auf das Experiment und hoffen, dass wir daraus lernen und auf neue Ideen kommen. Auf eine tatsächliche Preisverleihung in Anwesenheit von Preisträger*innen, Juror*innen und Publikum würden wir jedoch niemals freiwillig verzichten.  

 

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