Nachruf von Ulrich-Störiko-Blume

Hans-Joachim Gelberg ist tot

18. Mai 2020
von Börsenblatt

Hans-Joachim Gelberg (89), der die deutsche Kinder- und Jugendliteratur seit den 1970er Jahren wie kein Zweiter geprägt hat, ist gestern in Weinheim gestorben. Die Bücher der Marke Beltz & Gelberg waren die Initialzündung für eine emanzipierte, inhaltlich und gestalterisch wagemutige Literatur, die Kinder und Jugendliche ernst nahm und ihnen die Freude an Sprache und Geschichten vermittelte.

Porträt von Jochen Gelberg

Ulrich-Störiko-Blume, Inhaber der literarischen ProjektAgentur und mehr als vier Jahrzehnte in leitenden Positionen von Jugendbuchverlagen tätig, hat einen Nachruf geschrieben:

"Danke, Jochen!

Hans-Joachim Gelberg hat Orange mit dem fabelhaften Verlag Beltz & Gelberg seit 1971 zur Marke gemacht. Orange ist die Farbe, die Aufmerksamkeit erregt. Keine Marke derart, wie sie in strategischen Marketing-Meetings ersonnen wird. Eine, die von innen kam, und die Kinder nicht als Kunden, Konsumenten und Objekte der wechselnden Erziehungsvorstellungen betrachtet, sondern als Individuen. Und die Autor(inn)en und Illustrator(inn)en nicht als zu zähmende Lieferant(inn)en, sondern als Künstler(innen) versteht. Manfred Beltz Rübelmann hatte die grandiose Idee, sein unternehmerisches Kapital mit dem kreativen Kapital des schon erfahrenen, aber herrlich jung und neu denkenden Lektors Hans-Joachim Gelberg zu verbinden und daraus Beltz & Gelberg zu schmieden – eine kapitale Kapitalgesellschaft ganz neuer Art. Kein Verleger, kein Verlag hat das Kinder- und Jugendbuch stärker erneuert, geprägt und als Teil der Literatur platziert als Beltz & Gelberg. Unzählige schreibende, illustrierende und gestaltende Kreative hat Jochen Gelberg entdeckt und gefördert.

Jochen, wie er gern genannt wurde, war ein Leser, er hat seine Inspiration aus der Weltliteratur geholt, immer wieder aus der Lyrik. Er war Buchhändler, der irgendwann nicht mehr damit zufrieden war, nur die Bücher von anderen in den Verkehr zu bringen – deshalb wurde er Lektor und schließlich Verleger. Für das Unternehmerische hatte er die Verlagsgruppe Beltz, für den Vertrieb den kongenialen Eckhard Müller, aber vor allem zog er magnetisch nahezu alle neuen Talente an, die heute zum qualitativen Kern des Kinder- und Jugendbuchs zählen - etwa Christine Nöstlinger, Janosch, Peter Härtling, Mirjam Pressler, Klaus Kordon, Josef Guggenmos, Nikolaus Heidelbach, F. K. Waechter, Axel Scheffler und Rotraut Susanne Berner. Und 1981 startete er die erste Literaturzeitschrift für Kinder, 'Der bunte Hund', die später seine Tochter Barbara Gelberg weiterführte.

Er konnte druckreif formulieren, hat hervorragende Vorträge gehalten, aber die Gabe und Aufgabe des literarischen Schreibens sah er bei seinen Autor(inn)en angesiedelt. Er war ein Charmeur, er war eigentlich überall, aber nie hat er große Töne gespuckt, sondern versucht, die sanften, die klugen und die witzigen Stimmen hör- und sichtbar zu machen. Im Verlag hat er am liebsten alles selbst gemacht (und brauchte dafür seine einsame Hütte im Odenwald), aber er hat keineswegs 'alles' gemacht, was machbar gewesen wäre. Er kannte sämtliche Farben, und mit seinem Orange hat er sie auf neue Weise zum Leuchten gebracht. Traurig, dass er den 50. Geburtstag seines Lebenswerks, das sich lebendig weiterentwickelt, im nächsten Jahr nicht mehr mitfeiern kann."