Nominiert beim Deutschen Verlagspreis (2/7)

Edition Nautilus: Bücher seit 1974

20. Mai 2020
von Börsenblatt Online
Kollektiv geführt, experimentierfreudig, gut vernetzt: Die Edition Nautilus, einst als anarchistisches Projekt gestartet, bleibt auf Independent-Kurs – trotz aller Branchen-Turbulenzen. Nun wird der Verlag mit dem Deutschen Verlagspreis 2020 ausgezeichnet.

Welcher Verleger schafft es schon in einen Comic? Lutz Schulenburg, der 2013 verstorbene Verleger und Mitbegründer der Edition Nautilus, hat es geschafft. In dem Band »Im Museum 2. Archive des Zerfalls« von Sascha Hommer und Jan-Frederik Bandel (Reprodukt) begegnet er den Lesern als anarchistischer U-Boot-Kapitän Nemo, bekannt aus Jules Vernes Roman »20 000 Meilen unter den Meeren«. Kein Zufall, denn die Faszination für Vernes Romane war es, die Schulenburg auf den Namen für den Verlag brachte: Nautilus, das Unterseeboot, das Nemo kommandiert. Edition Nautilus: Das war nicht der erste Name, den der von Schulenburg und seiner Frau Hanna Mittelstädt 1974 gegründete Verlag trug. Angefangen hatte alles ein Jahr zuvor unter dem Namen MAD Verlag – woraufhin sich das anarchistische Start-up eine Klage einfing. Nicht vom Militärischen Abschirmdienst (MAD), sondern von der Satirezeitschrift »Mad«, die an dieser Stelle keinen Spaß verstand. Der gerichtlich erzwungenen Umbenennung ist also der bis heute klingende Verlagsname zu verdanken.

Zentraler Umschlagplatz für Ideen, Gedanken und Kritik und zugleich Ort gemeinsamer Mahlzeiten ist die Küche im Verlagshaus. Dort findet auch das Gespräch mit dem Börsenblatt statt, zwischendurch zu einem gemeinsamen Mittagessen erweitert. Direkt in Blickrichtung hängt ein Foto Lutz Schulenburgs, der den Verlag in der Branche immer gut vertreten hat, manchmal mit missionarischem Eifer, wenn es um Lieblingsbücher ging. Im Verlag war er, auch wenn es keine festgeschriebene Hierarchie gab, eine Führungsfigur, ebenso wie Hanna Mittelstädt, die den Verlag Anfang 2018 vollständig an ihr fünfköpfiges Team übergeben hat. Das Unternehmen wird als Kollektiv geführt in einer eigens dafür gegründeten GmbH.

Im Konsens entscheiden 

Doch wie lebt und arbeitet es sich jetzt, gleichsam chef-los? Ganz so krass sei der Unterschied nicht, meint Katharina Picandet, die sich vorwiegend um das Programm, um neue Autoren und Bücher kümmert: »Kollektive Strukturen hatten wir schon vorher. Die Meinung eines jeden wurde geschätzt, auch wenn es um Programmentscheidungen ging. Aber Hanna und Lutz trugen juristisch und ökonomisch die Verantwortung – anders als heute.« Entschieden wird nie per Abstimmung, sondern dann, wenn nach längeren Diskussionen ein Konsens gefunden worden ist. Damit ein solches Prozedere funktioniert, müssen natürlich die richtigen Charaktere zusammen sein. Katharina Picandet, Hersteller Klaus Voß, Katharina Florian (Presse und Öffentlichkeitsarbeit), Franziska Otto (Veranstaltungen) und Katharina Bünger (Vertrieb) sind schon Jahre oder Jahrzehnte im Verlag und hatten längst eine Diskussionskultur gefunden, die sich dann nach Lutz Schulenburgs Tod und der Übergabe durch Hanna Mittelstädt bewährt hat.

Sieht man von Klaus Voß ab (»Ich kam 1984 für eine krank gewordene Setzerin und bin geblieben«), dann ist das Führungsteam von Nautilus weiblich. Ein Frauenanteil von 80 Prozent an der Spitze – das ist eher untypisch für eine Branche, in der in den Chefetagen häufig immer noch Männer den Ton angeben.

Dass der Verlag seinen Sitz heute in der Schützenstraße 49a in Hamburg-Altona hat, ist vor allem einem Buch zu verdanken: »Tannöd« von Andrea Maria Schenkel. Der auf einem authentischen Mordfall basierende Kriminalroman wurde zum Millionenerfolg, sowohl der Auflage als auch den Einnahmen nach. Der Verlag residiert in einem eigenen Gebäude im Innenhof der Schützenstraße, unten sind Geschäfts- und Lagerräume, in den oberen Geschossen zwei Privatwohnungen.

Einen Erfolg wie mit »Tannöd« gibt es nur »once in a lifetime«, wie Katharina Picandet sagt. Aber auch danach sind immer wieder Nautilus-Titel erschienen, die sich »wirklich solide« verkauft haben, in jüngster Zeit etwa Jerôme Leroys Roman »Der Block«. Es ließen sich viele weitere Bücher der vergangenen Jahre aufzählen, die nicht nur für Umsatz sorgten, sondern auch ein großes Medienecho auslösten: Shumona Sinhas Roman »Erschlagt die Armen!«, die Kriminalromane von Leonhard F. Seidl (»Fronten«), oder Isabel Fargo Coles Roman »Die grüne Grenze«, der für den Leipziger Buchpreis 2018 nominiert war.

Diskurse anzetteln 

Flugschriften: So heißt die politisch-­gesellschaftliche Reihe im Nautilus-Programm, die Leser vielleicht am meisten bewegt, die Diskurse anzettelt und auch Umsatz macht – man denke nur an die Bücher Laurie Pennys (»Unsagbare Dinge. Sex, Lügen und Revolution«), Mithu M. Sanyals, Deniz Yücels oder des Unsichtbaren Komitees (»Der kommende Aufstand«). Oder auch an Timo Daum, der für sein Buch »Das Kapital sind wir« mit dem Preis »Das politische Buch 2018« der Friedrich-Ebert-Stiftung ausgezeichnet wurde. Die ambitionierte Reihe Utopien für Hand und Kopf dagegen musste eingestellt werden. Schade, wie Katharina Picandet meint. Hier überstieg der herstellerische Ehrgeiz, jeden Band individuell und aufwendig zu gestalten, die Verkaufsaussichten.

Eine größere Veränderung in der jüngsten Zeit war der Auslieferungswechsel zu Prolit Anfang 2018 – nach mehr als 40 Jahren bei der Sozialistischen Verlagsauslieferung (SOVA). »Angesichts des Käuferschwunds und der zunehmenden Filialisierung müssen wir vertrieblich so viel wie möglich aus den Strukturen herausholen«, sagt Katharina Bünger. »Prolit bietet uns ein größeres Volumen, und so erleichtern wir dem Handel die Nachbestellungen. Auch im Kontakt mit den Filialisten sind andere Dinge möglich.«

Bereits seit Januar 2011 ist Nautilus Mitglied der Vertriebsgemeinschaft Buchkoop Konterbande, der heute vier Verlage angehören (neben Nautilus Assoziation A, edition fünf und Transit). Für alle Verlage sind zwei Außendienstler unterwegs, von denen einer sie exklusiv in fast ganz Deutschland vertritt. »Dadurch haben wir uns schon eine bessere Position bei den Vertretergesprächen im Buchhandel erarbeitet«, so Bünger. Bei der Vertreterkonferenz sitzen alle Verlage zusammen, diskutieren gemeinsam über die Cover der Novitäten und beraten sich gegenseitig. »Das ist das Tolle an der unabhängigen Verlagsszene, an Zusammenschlüssen wie der Kurt Wolff Stiftung, dass man ein solidarisches und freundschaftliches Miteinander hat und die Kon­kurrenz zueinander nicht so im Vordergrund steht«, sagt Bünger. »Unser enges vertrauensvolles Netzwerk – das ist die Strategie für die nächsten Jahre«, meint Katharina Picandet. »Das hat mehr Aussichten auf Erfolg als eine auf Wettbewerb setzende Innovationsstrategie.«

Gemeinsame politische Initiativen der Independents trägt Nautilus ebenfalls mit – im Rahmen der Kurt Wolff Stiftung etwa die »Düsseldorfer Erklärung«, die maßgeblich dazu beitrug, dass Monika Grütters 2018 den Deutschen Verlagspreis angekündigt hat, ausgestattet mit insgesamt 1,5 Millionen Euro.  
Bevor der Verlagspreis demnächst Wirklichkeit wird, gab es für Nautilus bereits einen anderen Geldsegen: von der Karl-Heinz Zillmer-Stiftung, die alle zwei Jahre den mit 10 000 Euro dotierten K.-H. Zillmer Verlegerpreis für »verdienstvolles verlegerisches Handeln« vergibt. »Widerständig, intelligent und nie systemkonform« halte die Edition Nautilus seit mehr als vier Jahrzehnten die Ideale von 1968 hoch, sagte Hamburgs Kultur-Staatsrätin Jana Schiedek bei der Preisvergabe Ende Oktober 2018.

Die Aussichten, dass Nautilus auch in den kommenden Jahren »independent« bleibt, stehen nicht schlecht. Doch von einer allzu entspannten Ausgangslage kann der Verlag derzeit angesichts der KNV-Insolvenz, die auch ihn getroffen hat, nicht sprechen. Noch kann niemand sagen, welche Folgen die Pleite des Erfurt-Stuttgarter Riesen für die unabhängige Verlagslandschaft haben wird. Wer wird KNV übernehmen? Und welche Verträge werden künftig ausgehandelt? Die Nautilus-Crew ist dennoch hoffnungsvoll, auch künftig produktiv abtauchen zu können und mit tollen, streitbaren Buchperlen wieder an die Oberfläche zu kommen.

Dieser Artikel ist zuerst erschienen in der Börsenblatt-Ausgabe 12/2019.