Nominiert beim Deutschen Verlagspreis (6/7)

Westend Verlag: Schnauze, Zeitgeist!

22. Mai 2020
von Börsenblatt
Der Erfolg eines Sachbuchprogramms hängt ganz wesentlich von seiner öffentlichen Wirkung ab. Wie man klassische und digitale Medienkanäle nutzen und auf der Event-Klaviatur spielen kann, zeigt der Westend Verlag in Frankfurt. Er wird nun mit dem Deutschen Verlagspreis 2020 ausgezeichnet.
Das Verlagsteam des Westend-Verlags

Undogmatisch links, an gesellschaftspolitischer Aufklärung interessiert, die Lücken der gängigen Medienberichterstattung fest im Blick: So könnte man die Position des Westend Verlags in Frankfurt umreißen, der seit 15 Jahren mit seinen Büchern gegen den Zeitgeiststachel löckt.
Gut 30 Bücher produziert das Team mit seinen Autorinnen und Autoren pro Jahr, und vier, wenn nicht fünf der Titel landen regelmäßig auf den Bestseller-Listen – für Geschäftsführer Markus J. Karsten eine »Sensation«.

Natürlich sind es die Autoren und ihre Sachbücher, die das Interesse von Lesern und Kritikern wecken. Es ist aber auch der geschickte und erfolgreiche Umgang mit den Medien, der dem Programm des Verlags eine hohe Aufmerksamkeit beschert. Mit seinen politischen Sachbüchern ist er in den Zeitungen und Literatursendungen gut vertreten, und schaltet man etwa im Deutschlandfunk die Sendung »Andruck« an, dann ist relativ häufig eine Westend-Novität dabei – zum Beispiel »Schnauze, Alexa!: Ich kaufe nicht bei Amazon« (96 S., 7,50 €) von Johannes Bröckers, der selbst für den Verlag im Marketing arbeitet. Das Buch ist im vergangenen November erschienen und hat bei kritischen Verbrauchern sicher einen neuralgischen Punkt getroffen.

Nachdem Andreas Horn im vergangenen Jahr (nach mehr als einem Jahrzehnt bei Beltz) in die Geschäftsführung eingetreten war, sollte sich die Dynamik der Verlages nun noch einmal verstärken. Horns Ziel ist es, das Netzwerk des Verlags auch digital stärker zu nutzen: »Am Ende steht der Ausbau zu einem modernen Medienunternehmen, das schnell und über alle Kanäle auf aktuelle Anlässe reagieren kann.«

Auf der Verlags-Website gibt es seit einiger Zeit die Rubrik Videos, auf der Interviews mit Autoren (»Westend fragt nach«), Aufzeichnungen von Veranstaltungen und Buchtrailer zu sehen sind. So kann man etwa die Diskussion nachverfolgen, die anlässlich des fünften Geburtstags der ZDF-Satiresendung »Die Anstalt« stattfand. Der Autor der Sendung, Dietrich Krauß, hatte zum Jubiläum bei Westend das Buch »Die Rache des Mainstreams an sich selbst« (312 S., 20 €) herausgegeben, in dem nicht nur die »Anstalt«-Akteure Max Uthoff und Claus von Wagner zu Wort kommen, sondern auch Westend-Autorinnen wie Norbert Blüm und HG Butzko oder auch Gabriele Krone-Schmalz.

Die Lesungen des Verlags, die an unterschiedlichen Orten stattfinden, sind meist gut besucht. »Zu manchen Lesungen kommen gut und gern schon einmal 200 Besucher«, sagt Markus Karsten. »Die Live-Veranstaltungen wollen wir weiter ausbauen, weil es für die Autoren immer wichtiger wird, sich mit ihrer Community auszutauschen«, fügt Andreas Horn hinzu

Komplizen für kritische Bücher 

Neben den klassischen Medien und den Veranstaltungsformaten gibt es aber noch eine dritte Ebene: die konzernunabhängige Online-Plattform Buchkomplizen, auf der sich Westend mit mehreren Partnern zusammengetan hat, um »Menschen, die kritisch denken« und ihre Bücher, wenn sie sie nicht im stationären Buchhandel kaufen, auf keinen Fall bei Amazon bestellen möchten, eine Alternative zu bieten! Buchkomplizen kaufen Bücher und E-Books vertraulich und tracking-frei.« Da passt es natürlich, dass Johannes Bröckers Anti-Amazon-Schrift gleich zum Kauf empfohlen wird. Komplizen der »Buchkomplizen« sind die kritische Website »NachDenkSeiten«, das Medienmagazin »Telepolis« und die Internetseite KenFM. Mittelfristig soll Buchkomplizen zu einem redaktionellen Portal ausgebaut werden, das einen vielfältigen Blick auf die Themen bietet – auch aus Richtungen, die im Mainstream nicht unbedingt zu finden sind. Aber genau das passt zu Westend: Man lehnt konforme Positionen ab und öffnet den Raum für Kontroversen – auch im Netz.

Dieser Artikel ist zuerst in der Börsenblatt-Ausgabe 26/2019 erschienen!