Welche Idee steckt hinter der neuen Reihe?
Regine Balmer: Lassen Sie mich das an einem Beispiel erklären: Wenn Sie draußen einen Specht sehen, können Sie in der Nähe meist auch bestimmte Insekten und Bäume entdecken. Die Zusammenhänge in der Natur sind wie ein Spinnennetz, das nicht jeder sieht. Wir wollen dieses System sichtbar machen.
Und dazu braucht es digitale Zusatzinhalte?
Das Buch allein ist fast schon zu linear. Mithilfe von Website und App können wir etwa Tonspuren und Kurzfilme anbieten, auf die wir im Buch verweisen. Diese Art der crossmedialen Verlinkung spiegelt die vielfältigen Vernetzungen in der Natur. Das macht den Stoff lebendig und regt die Leute dazu an, selbst die Augen aufzumachen.
Wie technikaffin sind denn Naturfreunde – und umgekehrt?
Das Produkt richtet sich an alle, die eine Affinität zum Thema Natur haben. Vorkenntnisse werden aber nicht vorausgesetzt. Im Zentrum des Angebots steht ganz klar das Buch, und darüber finden sicher auch die meisten Nutzer den Zugang zur Reihe. Als Zielgruppe möchten wir ausdrücklich Familien ansprechen. Bei Kindern ab zehn Jahren sollten die Eltern allerdings beim Einstieg ins Thema helfen. Interessierte Jugendliche ab 13 oder 14 Jahren kommen aber schon prima allein mit der Reihe zurecht. Die spielerischen Elemente von Website und App verführen zusätzlich dazu, sich mit dem Thema zu beschäftigen.
Was sind das für spielerische Elemente?
Ein sehr spielerisches Element ist die Quiz-Funktion, die sich besonders für die Ansprache von Kindern und Jugendlichen eignet – auch wenn die Quizfragen manchmal ganz schön anspruchsvoll sind. In vielen Fällen geht’s nicht ohne Nachlesen im Buch.
Welche Hürden mussten Sie vor dem Launch nehmen?
Die Zeit vor dem Start war sehr hektisch, der Terminplan knapp. Bei der Fertigstellung der Bücher mussten wir ja stets auch die Online-Planung im Blick behalten: Wenn im Buch steht, dass es auf der Website einen bestimmten Film gibt, muss er auch da sein. Viele Leute im Haus waren mit der Koordination beschäftigt.
Wie schultern Sie diesen Mehraufwand?
Für Redaktion und Datenerfassung haben wir uns projektbezogen zusätzliche Mitarbeiter ins Haus geholt. Um die Technik der App kümmert sich ein externes Unternehmen: Wir geben das Raster vor, bekommen eine Form und füllen sie mit Inhalt.
Wie hoch sind die zusätzlichen Kosten?
Die Produktion ist etwa doppelt so teuer wie bei einem reinen Buchprojekt. 50 Prozent der Mehrkosten entfallen auf das Personal, den Rest machen Bildrechte, Programmierung und Zusatzinhalte wie Tonspuren und Filme aus.
Die Website ist Anfang April mit Erscheinen der ersten zwei Bücher online gegangen. Die iPhone-App kommt dagegen erst im September. Warum der Zeitabstand?
Wir haben uns gegen einen gleichzeitigen Start der App entschieden, weil dafür unsere Kapazitäten als mittelständisches Unternehmen nicht gereicht hätten. Qualität spielt für uns eine wichtige Rolle: Unsere Autoren sind ausgewiesene Fachleute, und wir legen Wert darauf, dass sie inhaltlich auf allen drei Kanälen mitwirken. Alles auf einmal können sie aber nicht machen. Schließlich sind ja auch schon die nächsten Bücher in Arbeit.
22 Euro pro Buch sind ein stolzer Preis. Zahlen die Buchkäufer die frei zugängliche Website gleich mit?
Nein, die Bücher subventionieren nicht die Zusatzangebote. Für die Website haben wir vielmehr eine Reihe von Sponsoren gewinnen können. Der Buchkäufer zahlt nur für das Buch. In einem Markt, der von Wiederverwertungsmechanismen geprägt ist, haben wir für die neue Reihe wirklich alles neu gemacht und sind dabei sehr in die Tiefe gegangen. Dafür ist der Preis von 22 Euro pro Buch gerechtfertigt.
Die App soll dann später noch einmal ca. 4,90 Euro kosten. Ist das ein einmaliger Preis, oder fallen zu jedem Buchtitel neue kostenpflichtige Inhalte an?
Die App soll im Herbst zusammen mit dem dritten Buch auf den Markt kommen und dann bereits die Inhalte der ersten drei Bände abdecken. Für den auf die später erscheinenden Bände abgestimmten Content planen wir die Erhebung von geringen Zusatzgebühren, die aber deutlich niedriger ausfallen werden als die 4,90 Euro für die Erstanschaffung der App.
Welchen zusätzlichen Nutzen bringen Website und App dem Nutzer?
Neben den bereits erwähnten Filmen, Tonspuren – etwa mit Tierstimmen – und dem Quiz zum spielerischen Lernen bieten wir dem Nutzer die Möglichkeit, auf der Website seine eigenen Naturbeobachtungen zu melden. Die App soll vor allem dazu einladen, das iPhone mit in die Natur zu nehmen und dort Geheimnisse aufzudecken. Dafür planen wir unter anderem einen für Laien geeigneten Bestimmungsschlüssel.
Wie soll sich das Ganze für Sie rentieren?
Wir hoffen natürlich, dass sich unsere Bücher von Anfang an gut verkaufen. Speziell bei der App handelt es sich aber um einen Versuchsballon, mit dem wir in die Zukunft investieren. Ob sich die teure Entwicklung am Ende finanziell auszahlt, wissen wir noch nicht. Zurzeit ist alles im Fluss: Es ist ungewiss, welche Geräte und Formate von heute auch morgen noch eine Rolle spielen. Ohnehin ist noch nicht absehbar, wie sich Verlage unserer Größenordnung in Zukunft behaupten können. Mit Sicherheit werden wir aber klüger durch die Erfahrungen, die wir jetzt machen.
Interview: Christian Winter
Mehr über die Novitäten in der Warengruppe Natur lesen Sie im aktuellen Börsenblatt-Extra Tiere & Natur, Heft 16/2011.