Interview mit Marek Minkiewicz

"Wir sind die Nummer eins"

3. Juli 2015
von Börsenblatt Online
Der Geschäftsführer der größten polnischen Buchhandelskette Empik Marek Minkiewicz im Interview über die Umbrüche auf dem polnischen und europäischen Buchmarkt und die Strategie seines Unternehmens. 

Wie wichtig sind für Empik-Gruppe Synergie-Effekte?
In der Zukunft dreht sich alles um den Content, den Inhalt, egal in welcher Form. In der DNA von Empik ist Kultur. Empik ist immer ein Fenster nach Außen gewesen. Egal in welcher Form die Inhalte angeboten werden, ob in Print, als Audiobook, E-Book oder über das Internet, wir wollen eine Rolle spielen und alle Kanäle bedienen. Darum haben wir vor einem Jahr drei Verlage erworben, mit denen wir drei bis vier Prozent unseres eigenen Buchumsatzes erzielen. Vor allem aber wir verstehen nun viel besser, wie Verlage arbeiten. Darum können wir mit anderen Verlagen besser kooperieren – auch bei der Programmplanung.

Neben Büchern verkaufen Sie aber auch Tassen ...
Wir wissen, dass Geschenkartikel einen immer größeren Raum einnehmen müssen. Trotzdem: unser Profil ist uns wichtig: Auch Schulbücher, die mit einer Milliarden Zloty ein Drittel des gesamten Umsatzes des polnischen Buchmarktes ausmachen, haben wir zum Beispiel nie verkauft. Wir sind die Nummer eins im Internethandel was kulturelle Produkte angeht. Die Empik Media & Fashion-Gruppe, zu der die Smyk-Gruppe gehört, kann durch ihre Logistik natürlich einen Preisunterschied erzielen. Und natürlich haben wir die Möglichkeit, besonders erfolgreiche Produkte ins Sortiment der Empik-Salons aufzunehmen.

Europas Buchhandel, allen voran die Filialisten, steckt in der Krise. Empik scheint es jedoch gut zu gehen. Wie kommt das?
Dafür gibt es viele Gründe – aber man muss dazu sagen, dass sich die europäischen Buchmärkte stark voneinander unterscheiden. Dem Buchhandel in Belgien oder Norwegen etwa geht es verhaltungsmäßig gut, die Länder im Süden sind viel stärker von der Wirtschaftskrise betroffen, die sich natürlich auch im Buchhandel bemerkbar macht: Dort ist ein Umsatzminus von rund 20 Prozent zu verzeichnen. In Polen ist das Krisengefühl bisher nicht so stark ausgeprägt. Der zweite Unterschied ist, dass hierzulande die Digitalisierung – noch ! – eine viel kleinere Rolle spielt.

Auch in Deutschland ist der E-Bookmarkt mit einem geschätzten Anteil von unter zwei Prozent noch überschaubar …

Ja. Aber ich kenne die
Wachstumskurven und die Zahlen. In den USA sah es vor sechs Jahren ganz genauso aus. Das Wachstum ist immens, pendelt sich aber schließlich ein. Ein großer Teil des Umsatzes fließt ins Onlinegeschäft. All das hat massive Auswirkungen auf die Buchindustrie.

Auf der Buchmesse in Warschau war die Digitalisierung jedenfalls Thema Nummer 1.  Inwiefern trifft das auch für Empik zu?
Insgesamt kann man sagen, dass die wichtigen Trends aus den USA hier mit einer Verzögerung von etwas fünf bis zehn Jahren eintreten, Deutschland und Westeuropa erreichen sie drei bis fünf Jahre früher. Das ist für uns natürlich ein Vorteil. Wir lernen aus den Erfahrungen anderer Unternehmen: Was hat Barnes & Noble gut und was Borders verkehrt gemacht? Wir analysieren das natürlich sehr aufmerksam.

Wo liegen denn die Unterschiede zwischen Empik und anderer Filialisten in Europa?

Was Empik von Fnac, Waterstones oder Thalia unterscheidet, ist dass Empik niemals ein reiner Buchhändler war. Mit Büchern werden bei uns 40 bis 50 Prozent des Umsatzes erzielt. Wir sind ein Multimediahändler mit multikultureller Ausrichtung, darum haben wir auch mehr Möglichkeiten stabil zu wachsen. Internationale Presse und Kultur, damit hat Empik sich ein scharfes Profil geschaffen.

Der polnische Buchmarkt steht unter Druck. Verkaufen Sie in Zukunft weniger Bücher?
In Polen wurden letztes Jahr rund 60 Millionen Bücher verkauft. Das sind etwa 1,5 Bücher pro Person. Auch in Holland sind es 5,5, in Frankreich 6,5 und in Schweden 7. Nun gut, dass die Schweden mehr lesen… In den langen Nächten kann man entweder teuren Alkohol kaufen oder eben ein Buch lesen! Aber Spaß bei Seite: Ich weiß, dass in Polen die Zahl nur steigen kann. Das hängt von Faktoren wie Bildung und der Zugangsmöglichkeit zu Büchern ab. Wenn wir es in den nächsten Jahren von 1,5 auf zwei Büchern bringen konnen, sind das für mich 30 Prozent mehr Umsatz. Darum wird auch in der Zukunftsvision von Empik das Buch auf keinen Fall eine kleinere Rolle spielen.

Noch hat Amazon keinen Fuß nach Polen gesetzt. Zittern Sie?
Die Gerüchteküche kocht jedes Jahr aufs Neue. Auch dieses Jahr. Aber wenn Amazon noch in diesem Jahr starten würde, dann ohne Logistikzentrum. Also müssten sie Logistik über die Slowakei, Tschechien oder Deutschland abwickeln. Das würde sich natürlich negativ auf den Service und die Geschwindigkeit auswirken: Die Bücher müssten erst einmal ins Ausland gebracht und dann reimportiert werden. Immense Kosten, zumal die Logistik hier fast das gleiche Preisniveau wie in Deutschland hat. Abgesehen davon, wenn Amazon mit den Verlagen hier genauso verhandelt wie in Deutschland, Frankreich oder den USA, dann sind sie mir willkommen: Dann werde ich nicht mehr der große, böse Verhandlungspartner sein, vielen Verlagen wird ein Licht aufgehen! (Lacht).

Also wird es Amazon in Polen schwerer haben?
Amazon wird den Markt genau analysieren: Sie werden wissen, dass die Menschen in Polen im Internet nicht gerne mit der Kreditkarte zahlen möchten und dass sie keine Päckchen auf der Post abholen wollen, weil die Post nicht lange geöffnet hat. Außerdem wollen die Polen keinen höheren Preis für die Lieferung zahlen. Stattdessen holen sie lieber das Paket selbst ab: bei Empik um die Ecke. Wir haben sieben Tage die Woche geöffnet, von 9 bis 22 Uhr. 80 Prozent unserer Internetbestellungen werden in der Filiale abgeholt: Man muss nicht per Karte zahlen, muss nicht zuhause sein und kann jederzeit sein Buch abholen. Unser Vorteil: Diese Titel laufen über unser Zentrallager. Amazon wird sich genau überlegen, ob das Umsatzvolumen groß genug ist, das sie erzielen könnten.

Der Oyo-Reader war kein sehr großer Erfolg. Weder in Deutschland noch in Polen. Thalia will gerüchteweise lieber den Nook verkaufen, Empik ist schon nach dem Oyo I ausgestiegen. Was ist schief gelaufen?

In Deutschland wurden meines Wissens über 50.000 Oyos verkauft. Gar nicht so schlecht. Im Dezember 2010 haben wir den Verkauf bei Empik gestartet, mit wenig Vorlauf. Damals waren wir nicht gut genug vorbereitet: Man kann einen Reader nicht einfach hinlegen und er verkauft sich von alleine. Es muss immer gut geschultes Personal zur Beratung der Kunden bereit stehen. Dieses Jahr im März haben wir den Verkauf mit TrekStor-Reader gestartet. Die Verkaufszahlen sind dreimal so hoch wie beim Oyo im Dezember.

Mit dem TrekStor in die digitale Zukunft? Was machen Sie dieses Mal anders?

Wir haben uns mehr Zeit gegeben: Jede Filiale hat einen TrekStor zur Schulung der Mitarbeiter. Sie müssen wissen: Das Gerät ist hat kein E-Ink-Display und kein WiFi, aber ist ein sehr gutes Lesegerät für diese Preisklasse. Den E-Reader müssen Sie mir zeigen, der für 50 Euro ähnlich viel bietet. Wir suchen aber auch einen guten E-Ink-Reader und ein geeignetes Tablet: Voraussetzung ist aber auch ein konkurrenzfähiger Preis.

Wie sieht es mit den Expansionsplänen aus?
In diesem Jahr werden wir wieder zehn bis 15 neue Filialen eröffnen: Vor allem Shoppingmalls, die hier immer wieder eröffnet werden, sind gute Standorte. Interessant sind für uns Städten mit 20.000 Einwohnern oder mehr. Wir sehen, dass auch kleinere Filialen mit rund 250 Quadratmetern in Kleinstädten sich rechnen, weil die Miete günstig ist. Gleichzeitig wächst das Filialnetz für die Onlinekunden: Novitäten, die Titel aus dem Frontkatalog und 2.000 bis 3.000 Titel aus der Backlist sind über Nacht lieferbar.

Fragen: Kai Mühleck

Empik
Die Empik-Gruppe ist mit 182 Filialen Polens mit Abstand größte (und stark expandierende) Multimediakette: Neben Büchern werden dort auch DVDs, CDs, Computerspiele, Papeteriewaren, Kalender und Geschenke angeboten. Die kleinsten Filialen verfügen über rund 250 Quadratmeter Verkaufsfläche. Daneben handelt Empik mit Eintrittskarten und führt, als Franchise-Modell, Empik-Cafés, auch ohne Sortimentsgeschäft. Zur Empik Media & Fashion-Gruppe gehören drei Verlage (darunter WAB), der Spielevertrieb Smyk Polska (auch als Spielemax auf dem deutschen Markt vertreten), E-Commerce-Firmen und Empik Schools.

Im ersten Quartal 2012 lag der Umsatz der Multimedia-Gruppe bei rund 61 Millionen Euro (+ 12 Prozent im Vergleich zum Vorjahr). In diesem Zeitraum wurden in Polen sechs neue Filialen eröffnet.