Matthias Ulmer über die Zukunft der Buchbranche

"Eine Sanierungsaufgabe"

3. Juli 2015
von Börsenblatt Online
Content und Kanäle: Welchen Weg zum Kunden nimmt das Buch? Antworten sucht die Branche am 12. und 13. September bei der Zukunftskonferenz auf dem mediacampus frankfurt. Matthias Ulmer wurde 2011 mit seinen "55 Thesen zur Zukunft der Buchbranche" zum Initiator der ersten Zukunftskonferenz. Im Interview mit dem Börsenblatt erläutert der Verleger und Vorsitzende des Verleger-Ausschusses, was die Teilnehmer bei der Fortsetzung erwartet.

Zukunftskonferenz die zweite: Worum geht es?

Die neue Zukunftskonferenz baut auf den Strukturen der ersten Konferenz auf. Moderatoren, Arbeitsgruppen und eine Matrix als Diskussionsgrundlage haben sich bewährt. Dieses Mal wird jedoch der Fokus stärker auf die Absatzwege gelegt. 2011 standen eher die Produkte im Mittelpunkt.

Welche heißen Eisen werden diesmal angepackt?

Unser Problem heute ist, dass der Buchhandel in weiten Teilen sowohl für Verlage als auch für das Sortiment unrentabel geworden ist. Auch die sogenannten Nebenmärkte bieten dem Produkt Buch aktuell keine Perspektive.

Bleiben aus Verlagssicht der Direkt­vertrieb und der Versandhandel …

Der Direktvertrieb der Verlage an den Endkunden war vermutlich nie besonders margenstark und dürfte so rückläufig sein wie der Versandhandel über die Kataloge. Die Akteure kommen hier an die Grenze der Rentabilität.

Mit welcher Konsequenz?

Es gibt seit Längerem einen Druck in Richtung Internet. Doch auch hier haben wir es mit einer enorm teuren Logistik zu tun. Die Steuersparmodelle, Sozialstandards und Konditionen des Marktführers Amazon halte ich nicht für eine auf Nachhaltigkeit angelegte Absatzorganisation für das Buch.

Wo müsste man bei der Neujustierung des Vertriebs ansetzen?

Defizitäre Absatzwege werden langfristig nicht beibehalten. Es wird eine Verlagerung des Absatzes auf andere Wege oder eine Reform geben, die wir sehr weit denken müssen. Wenn man den Buchverkauf an Endkunden als neues Geschäftsmodell erfinden würde − wie würde man den Absatzweg und die Logistik einrichten, sodass sie kostenfreundlich und zugleich rentabel funktionieren können? Ich würde mich wundern, wenn das Geschäftsmodell so aussehen würde wie unsere Realität.

Zum Beispiel?

Handelsvertreter, Auswüchse bei den Vorschauen, Übernachtlieferung, Remissionsrecht, Bestellbuch: Wir gönnen uns viel Service, für den die Kunden gar nicht mehr bereit sind, zu zahlen. Wir müssen also nicht über Reformen sprechen, es handelt sich um eine Sanierungsaufgabe.

Die Logistik beim E-Book ist kosten­günstiger. Ein Segen für die Verlage?

Nein. Der Wandel vom Buch zum E-Book ist aus der schieren Not der Akteure geboren und überhaupt nicht lesergetrieben. Grund ist der enorme Kostendruck bei der Logistik des gedruckten Buches.

Wo steht das Sortiment im Jahr 2020?

Ich würde mich an das Szenario der 55 Thesen halten. Die These vom erheblichen Verlust bei Einzelhandelsflächen ist unwidersprochen. Die Frage ist: Wen trifft es? Besonders Kleinfilialisten und Familienbetriebe können schnell an den Stellschrauben drehen. Der Kleinste ist sehr überlebensfähig und hartnäckig. Das Problem bei ihm ist aber die Alterssicherung − der Verkauf des Geschäfts diente der Versorgung. Das ist in einer Branche mit Strukturproblemen nicht mehr so einfach. Helfen kann wie gesagt eine rentablere Logistik. Ein Hoffnungsschimmer: Solange es Kostentreiber gibt, existieren Einsparmöglichkeiten.

Interview: Kai Mühleck

 

Zur Zukunftskonferenz 2013

Im Zentrum der offenen Konferenz des Forums Zukunft steht das stationäre Sortiment. Grundlage ist eine Marktbeschreibung, wie viel Prozent der Bücher heute über die verschiedenen Wege zum Kunden kommen. Wie sich die Kundenbedürfnisse bis 2020 ändern könnten, arbeiten die Teilnehmer in moderierten Arbeitsgruppen ohne Hierarchien heraus.

Die Ergebnisse werden auf zukunftskonferenz.org dokumentiert. Dort gibt es auch weitere Informationen zur Veranstaltung.

Die Anmeldung ist noch bis 31. Juli per E-Mail an forumzukunft@boev.de möglich. Die Teilnahme ist für BÖV-Mitglieder kostenlos.