Thalia-Chef Michael Busch über die Zukunft des Tolino

"Die Mittel reichen"

3. Juli 2015
von Börsenblatt
Michael Busch sieht den Kindle-Konkurrenten Tolino trotz der Insolvenz von Weltbild auf Kurs. Für eine Erweiterung der Allianz beteiligter Firmen erkenne er durchaus Chancen, erklärt der Thalia-Chef im Exklusiv-Interview mit Torsten Casimir.

Der Tolino hatte im Herbst einen Anteil von 37 Prozent im deutschen E-Book-Markt. Wie lief der Rest des Jahres?
Wir hatten ein sehr erfolgreiches Weihnachtsgeschäft und warten gespannt auf die Zahlen der GfK für das vierte Quartal. Allerdings sind wir sehr zuversichtlich, dass wir gemeinsam mit unseren Partnern das selbst gesteckte Ziel erreicht haben: 30 plus x Prozent Marktanteil. Dazu kommt das Prädikat der Stiftung Warentest »Preis-Leistungs-­Sieger«, auf das wir stolz sind. Insgesamt war das also ein sensationell guter Start.

Welche Erwartung haben Sie zum vierten Quartal?
Wir waren sehr zufrieden mit unserem vierten Quartal. Aber wir kennen, wie gesagt, die Zahlen der GfK noch nicht. Unabhängig davon ist es unser Ziel, unseren jetzigen Marktanteil weiter auszubauen. Schauen Sie in die USA und das UK – da liegt Amazon mit weitem Abstand vorn, mit einem Marktanteil nahe 80, im UK sogar 90 Prozent. In Deutschland ist es uns gelungen, in sehr kurzer Zeit eine starke und relevante Nummer 2 aufzubauen.

Nun bedroht aber die Weltbild-Krise den Tolino. Sichtbarkeit dürfte verloren gehen und Vertriebskraft. Und vor allem: Wird das Geld reichen für die enorm aufwendige Werbung?
Ja, die Mittel reichen. Denn der Tolino ist für alle Partner der Allianz ein zentrales strategisches Thema. Natürlich ist es bedauerlich, dass Weltbild in eine schwierige Situation geraten ist. Aber was die Marke Tolino angeht und die Distributionsfähigkeit aller Tolino-Partner, glauben wir, dass wir eine gute Reichweite erreicht haben und halten können.

Und wenn Weltbild und womöglich Hugendubel es nicht schaffen?
Auch wir waren vor Kurzem in einer sehr schwierigen Situation und haben erlebt, wie auch sogenannte Partner über uns gesprochen haben. Das war für uns keine angenehme Situation. Wir beteiligen uns nicht an solchen Diskussionen. Wir denken kontinuierlich darüber nach, wie wir die Tolino-Partnerschaft sinnvoll erweitern können. Hier sehen wir durchaus Chancen. Sicherlich werden sich Tolino-Partner auch in Zukunft gelegentlich von Standorten trennen, die nicht gut funktionieren. Darunter kann die Vertriebsreichweite immer mal wieder etwas leiden, ja. Aber das ist in diesen Zeiten Teil unseres Geschäfts.

In der Branche wird spekuliert, ob sich die Allianz jetzt weiteren Tolino-Partnern öffnet.
Wir Tolino-Partner haben unsere Position dazu nicht verändert. Wir sind möglichen erweiterten Partnerschaften gegenüber schon immer offen. Allerdings haben wir – nicht anders als im Oktober letzten Jahres – bestimmte Rahmenbedingungen.

Das Reader-Geschäft hat sehr kurze Innovations­zyklen. Die Tolino-Allianz bleibt unter ständigem Druck, zu investieren und zu werben. Fühlen Sie sich dem gewachsen?
Ja. Die Frage haben wir uns ganz zu Anfang gestellt, und es war klar: Wenn wir in dieses Rennen einsteigen, dann ist das ein Marathon und kein Sprint. Heute sind wir noch zuversichtlicher als zu Beginn, dass wir einen angemessenen Marktanteil für den Tolino langfristig durchsetzen können. Am Markt zu sein, heißt doch immer, dem Druck von Innovation ausgesetzt zu sein.

Im konkreten Fall auch noch dem Druck eines übermächtigen Marktführers aus Seattle …
Wir müssen als Deutsche endlich einmal selbstbewusst sagen: Was die Amerikaner können, das können wir auch. Zalando zeigt es, die Tolino-Allianz zeigt es. Mit unserem Netzwerk von starken Partnern sind wir in der Lage, ein interessantes Paket für das digitale Lesen zu schnüren, das insbesondere für den Kunden, der alle Vertriebskanäle weiterhin gern nutzt, attraktiver und offener ist als Amazon und der Kindle. Der bisherige Erfolg gibt uns recht.