Kommentar zu Amazons neuen Versandzentren in Polen

Zahlen dürfen die anderen

3. Juli 2015
von Börsenblatt Online
"Amazon muss sparen, am  liebsten auf Kosten seiner Partner. Die Zeche zahlen Verlage und Logistiker", findet Redakteur Kai Mühleck. Ein Kommentar zu Amazons Plan in Polen, der die Buchbranche viel Geld kosten wird.

Das Geheimnis, was der Onlinehändler mit den beiden Versandzentren an der polnischen Westgrenze vorhat, ist gelüftet. Die Antwort überrascht nicht: Es geht ums liebe Geld. Amazon muss sparen, am liebsten auf Kosten seiner Partner. Denn Jeff Bezos schießt mehrstellige Mil­lionenbeträge in seine Version der Zukunft: Cloud Computing, Fire Phones, Drohnen – während sein Kerngeschäft (Onlinehandel) die Aktionäre mit roten Zahlen verärgert. Amazons Sparkurs ist einfach: Ein polnischer Arbeiter verdient umgerechnet etwa drei Euro pro Stunde – in Deutschland sind es etwa zehn. In Deutschland, ­Amazons wichtigstem Markt außerhalb der USA, sind attraktive Standorte von einer Größenordnung von 95.000 Quadratmetern Mangelware – Polens Sonderwirtschaftszonen buhlen hingegen um Unternehmen wie Amazon mit handfesten Steuerrabatten.

Die Zeche für die Maut auf den polnischen Autobahnen und die vielen zusätzlichen Kilometer, die deutsche Bücher hin nach Polen und wieder zurück zu ihren deutschen Lesern ab nächstem Monat unter Zeitdruck rollen werden, tragen die Verlage, Logistikdienstleister. DHL soll angeblich die Versandzentren in Polen auf eigene Rechnung anfahren, sagen Branchenbeobachter. Der Dienstleister und Amazon schweigen dazu. Letztlich zahlen auch die Kunden: Die Anhebung der magischen Grenze für den Gratisversand auf knapp 30 Euro ist ein Vorgeschmack. Noch sind Bücher ausgenommen. "Der Onlineeinkauf ist generell umweltfreundlicher als der Einkauf im stationären Handel (...) Amazon sucht immer nach neuen Wegen, um negative Umweltauswirkungen unserer Geschäftstätigkeit noch weiter zu verringern", flötet der Internetriese heute noch fröhlich auf seiner Homepage ("Amazon und unser Planet"). Trotz solcher Lippenbekenntnisse verfestigt Amazon seinen Ruf als Dreckschleuder Nummer 1.

Immerhin: Die Befürchtung, deutsche Versandzentren Amazons könnten schließen und Tausende Arbeits­plätze wegfallen, scheint vom Tisch. Aber der Kampf Verdis gegen die tristen Arbeitsbedingungen bei Amazon dürfte künftig nicht leichter werden.