2. future!publish in Berlin

Über Erfolgsspuren und Holzwege

"The best way to predict the future is to invent it" – unter diesem Motto von Alan Kay stand die 2. future!publish in Berlin. Für Verlage beinhaltet dieser Appell, ihre Zukunft aktiv mitzugestalten und sich nicht als Getriebene von technologischen Entwicklungen und neuen Wettbewerbern zu sehen. Ein Bericht von Konferenzteilnehmer Okke Schlüter.

© future!publish

In der Berliner Urania, einst selbst für die Präsentation neuester Wissensgebiete gebaut, befassten sich am 26./27. Januar rund 300 Teilnehmer aus Verlagen und Verlagsdienstleistern mit Fragen des Publizierens in der Zukunft. Annika Joscht, Marketing-Koordinatorin im Aufbau Verlag und im Programmbeirat der Konferenz beobachtete wie im Vorjahr eine "sehr gemischte Teilnehmergruppe von Azubis und Studenten bis hin zu Geschäftsführern."

Mit diezukunft.de stellte Sebastian Pirling (Heyne/Randomhouse) ein sogenanntes vertical vor: ein Magazin und Themenportal für Science Fiction-Liebhaber, dessen Grenze nicht beim eigenen Programm endet, sondern konsequent zielgruppenorientiert relevanten Content anbietet und rezensiert. In Zukunft könnten verticals über Verlagsangebote hinaus alle möglichen relevanten Produkte und Dienstleistungen zu einem Thema anbieten.

Das Spannungsverhältnis zwischen Self-Publishing gegenüber dem Verlagsgeschäft wertete Evangelist und Autor der Self-Publisher-Bibel Matthias Matting sehr produktiv und anregend in einem Impulsreferat aus. In seinen kompetenten Zuhörern fand Matting Diskussionspartner auf Augenhöhe.

Daten sind die Basis

Roland Große Holtforth (Literaturtest) verdeutlichte die Bedeutung von Daten für das Verlagsgeschäft: Metadaten, Customer Journeys und Nutzungsdaten, wie bereits im November auf dem MVB Data Summit diskutiert, seien für Sichtbarkeit und Vertrieb unverzichtbar. Dies illustrierten Stephan Trinius und Sandra Becker überzeugend anhand von digitalen Imprints aus dem Hause Bastei Lübbe. Die Nutzung von paid, owned und earned media stellten sie ebenso anschaulich dar wie Pricing-Strategien und Vertriebskooperationen. Hier wurde das von Detlef Bluhm (Landesverband Berlin Brandenburg des Börsenvereins) formulierte Versprechen sichtbar, den Teilnehmern zu zeigen, "wie man in Unternehmen Geld sparen kann und wie man Ressourcen, über die Unternehmen verfügen, besser monetarisieren kann."

Workshops als Ideenschmieden

Im Workshop von Sibylle Bauschinger (Bilandia) zum Content Marketing konnte man auf der Basis von Kampagnenbeispielen selbst eigene Ideen entwickeln. Die konkreten Fallbeispiele stammten aus verschiedenen Warengruppen und ermöglichten dadurch auch den Transfer auf andere Themenwelten, wie die Ergebnisse der abschließenden Teamarbeit zeigten.

© future!publish

In engem Zusammenhang mit dem diesjährigen Motto der Konferenz stehen auch Innovationsmethoden. Dafür haben Stefanie Quade und Okke Schlüter das Design Thinking für die Verlags- und Medienbranche adaptiert: DesignAgility heißt diese speziell für Medienschaffende konzipierte Methode, die die Teilnehmer ihres Workshops erleben und anwenden konnten. Auf der Basis spezifischer Challenges und Personas für Publikums- und Fachverlage wurden Ideen generiert, Inhalte und Funktionalitäten abgeleitet. "Die Teams haben wie frisch gegründete Start-ups hoch motiviert ihre Produktlösungen gepitcht. Es ist beeindruckend, wie schnell sich die Teilnehmer in die Methode hineingefunden und konkrete Ergebnisse hervorgebracht haben." resümiert Stefanie Quade (Hochschule für Wirtschaft & Recht) den Workshop.

Projektbericht: "Blogger schreiben für Flüchtlinge"

Katharina Gerhardt (freie Lektorin) und Ariane Novel (Droemer Knaur) berichteten über den kreativen Einsatz von Open Source Tools im Projekt "Willkommen! Blogger schreiben für Flüchtlinge". Die sechs Herausgeber/innen haben die Textsammlung dezentral und asynchron mit Hilfe von Facebook, Dropbox und dem Publishing-Tool Booktype erstellt. Neben der Rolle dieser Software-Werkzeuge berichteten sie auch offen über Kommunikation und Zusammenarbeit im Herausgeberteam und regten damit auch einen lebhaften Erfahrungsaustausch mit ihren Zuhörern an.

Buchhandel und Autoren stärker einbinden

Was hat die future!publish nun als Zukunftskonferenz erreicht? Es ist sicher der substanzielle und hierarchiefreie Austausch mit den Referenten und unter den Teilnehmern: "Eine konstruktive Atmosphäre, in der Hierarchien und Unternehmenszugehörigkeiten der Teilnehmer keine Rolle spielten", beschreibt Mitveranstalter Roland Große Holtforth die Stimmung. Die Diskussion über Erfolgsspuren und Holzwege ist nicht nur angemessen bei der operativen Erfahrung, die die Teilnehmer mitbringen, sie ist im Sinne einer "Community of Practice" auch ein ressourcenschonendes Vorgehen, da sie vermeidet, dass Lehrgeld doppelt gezahlt wird. Die Einbindung von Buchhandel und Autoren würde diesen Effekt noch verstärken. Der Austausch von nicht direkt wettbewerbsrelevantem Know-how stärkt die Branche und schafft fachliche Netzwerke über die Konferenz hinaus.

Zusätzlich können die future!publish bzw. ihre Teilnehmer von professioneller Szenariotechnik profitieren (wie im Workshop von Florian Andrews), um die Unsicherheit der künftigen Marktentwicklung besser handhaben zu können. Wirtschaftlichkeitsaspekten wie Prozesskosten und Rentabilitätsgrößen über Marketing kpi hinaus sollte sich eine Konferenz zur Zukunft des Publizierens nicht verschließen. Auch wenn diese Aspekte weniger sympathisch anmuten als eine originelle Marketingkampagne: nur ein profitables Publizieren wird in der Zukunft Bestand haben.

Die future!publish 2017 hat gezeigt, dass die Teilnehmer das Rüstzeug für die Zukunft in sich tragen. Sie haben und benötigen kompetente Dienstleister, aber niemanden, der ihnen das Internet erklärt. Eine Konferenz, die diesen Weg unterstützen und fördern möchte, muss sich weiterhin anpassen, was Inhalte und Formate betrifft. Abschließend ist deshalb auch die Arbeit des Programmbeirats zu würdigen, der die Konferenz erfolgreich weiterentwickelt hat. Ideen kuratieren und Austausch ermöglichen ist ebenfalls ein wertschöpfender Beitrag zur Zukunftssicherung der Branche.

Okke Schlüter ist Professor im Verlagsstudiengang Mediapublishing an der Hochschule der Medien Stuttgart.

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