Buchhändler-Umfrage

Profitieren Sie von Jokers Misere?

Des einen Freud - des anderen Leid? Im Zuge der Weltbild-Insolvenz wird das Jahr 2014 wohl in vielen Städten die Schließung von Jokers-Filialen mit ihrem üppigen MA-Angebot bringen. Wir haben Buchhändler gefragt, die genau das schon erlebt haben: Profitieren sie vom Verschwinden der Konkurrenz? VON KUM

 

Joachim Stern, Vaternahm, Göttingen, wo Jokers im Dezember 2013 geschlossen hat

"Geschadet hat es uns nicht, dass Jokers vor drei Wochen geschlossen hat. Es sind leicht positive Tendenzen zu verzeichnen, auch wenn es zu früh ist, um zu sehen, ob der Trend weitergeht. Es ist ja so: Ein neues Geschäft merkt man sofort, das Verschwinden eines bereits vorhandenen schlägt (leider) bei weitem nicht im gleichen Maß zu Buche. Aber: Jokers-Kunden entdecken uns neu. Der Göttinger Markt ist nicht allzu groß, mittelfristig wird sich das also leicht positiv auswirken. Jokers zeigt allerdings, dass MA kein Selbstläufer ist. Man muss schon hinterher sein, das Segment muss qualifiziert bedient werden. Nur billig oder nebenbei – das geht nicht."

 

Elisabeth Evertz, Buchhandlung Scheuermann, Duisburg, wo Jokers am 16. Januar geschlossen hat

„Die Fläche gibt eine Ausweitung unseres Angebots nicht her. MA würde außerdem unser Profil als literarische Buchhandlung arg verwässern. Wir sind für alle Kunden da und können alles bestellen. Natürlich hoffen, dass nicht alle Jokers-Kunden jetzt ins Internet abwandern. Aber wir rechnen damit. Als zeilenreich zwei Häuser weiter von uns geschlossen hat, haben wir wenig davon bemerkt - außer den Kunden, die die Buchhandlung gesucht haben. Die Schließung wurde nämlich nicht kommuniziert. Nach unserer Erfahrung ist es kaum möglich, vom Verschwinden dieser Konkurrenz zu profitieren. Die Kunden verschwinden ins Internet. Vielleicht gelingt es, wenn die Hemmschwelle niedrig ist: Unser Eingangsbereich ist klein.“

Georg Stephanus, Buchhandlung Stephanus in Trier, wo Jokers bereits 2009 seine Filiale in der Grabenstraße aufgegeben hat

„Wir haben nichts von der Schließung gemerkt. Allgemein sind unsere Umsätze im Bereich MA rückläufig seit den letzten Jahren. Wir haben Erfahrung und machen seit 30 Jahren MA auf der Straße. Das MA-Geschäft läuft mit, ist aber sowohl an unserem Uni-Standort und in der Innenstadt schwieriger geworden. Wer sein Sortiment entsprechend umgestalten will, sollte sich keine Hoffnungen auf große Umsatzsteigerungen machen.“

Meinolf Krüger, Taschenbuchhandlung Kittel & Krüger in Augsburg, wo Jokers Mitte 2013 geschlossen hat

„Weltbild war vor vier Jahren auch noch hier in der Maximilianstraße. Auch das Ende von Jokers im vergangenen Jahr hat beeinflusst unser Geschäft in keiner Weise. Wie auch? Die Jokers-Kataloge der letzten Monate waren voller normaler Sortimentstitel. Dafür braucht man keinen Katalog, sondern greift die Titel in der Buchhandlung ab, zum Beispiel bei uns. Bei Jokers ging es doch einmal um Restauflagen und MA. Doch der Kern schien nicht mehr aufzugehen. Bei Zweitausendeins ist es ähnlich. Die Generation ist weg, die sich irgendwelche Klassiker in möglichst billigen Clubausgaben geholt hat, und auch das MA-Geschäft funktioniert so nicht mehr. Diese Leser werden beim Proejkt Gutenberg fündig. Alleine um mich abzusetzen, verfolge ich die MA-Schiene nicht, sondern halte mich an wertige Ausgaben, auch im Taschenbuch. Einzufangen sind diese Kunden nicht. Das Geschäft ist verpufft.“

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3 Kommentar/e

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  • Angefressener Bücherwurm

    Angefressener Bücherwurm

    Herr Stern von Vaternahm hat des Pudels Kern genau getroffen, aus meiner Sicht.

    Jokers in Göttingen ist gestartet mit einer beachtlichen Auswahl von Kunstbüchern und einer Menge an englischen Büchern, jenseits des Mainstreams, auch gerne mal etwas abseits oder exotisch.
    Die Titel insgesamt haben sich wohltuend abgehoben von dem Einerlei, der überall rumliegt.
    Und das Beste war ... es hat funktioniert, die Umsätze lagen weit höher, als vorher angenommen und prognostiziert wurde. Die Jokers Filiale in Göttingen lag im Umsatzranking der Filialen immer weit oben.

    Doch die englischen Titel haben nur in Göttingen in dieser Menge funktioniert. Da bei Weltbild/Jokers aber immer alles über einen Kamm geschert wird (so funktioniert offensichtlich der Systembuchhandel), wurde die Auswahl an englischen Büchern eingedampft.
    Dieses Segment konnte nun nicht mehr adäquat besetzt werden und die Kunden waren enttäuscht.

    Dann wurden die Kunst, Kultur und Geschichtsbücher, die Sachbücher, immer weiter zurückgefahren, obwohl auch hier die Umsätze konstant gut waren.

    Ersetzt wurden diese Segmente durch billigen Non Book Krempel. Das hat massenhaft zu Kundenschwund geführt.

    Hinzu kam dann noch der Austausch des gut qualifizierten und engagierten Personals durch beliebig wechselnde Minijobber, die den Ansprüchen der immer wieder propagierten Zielgruppe logischerweise nicht gerecht werden konnte.
    Die Zielgruppe waren Akademiker, Besserverdiener, das Bürgertum, die Nonkonformisten, die Studenten und die elitären Vielleser, die gerne auch mal etwas mehr an Beratung erwarteten.

    Doch mit Umstellung auf den unsäglichen "Simple Shop" Mitte 2009 (keine Beratung mehr, der Kunde möge sich selber bedienen ... war dann eh kein Personal mehr da, welches hätte beraten können, da meist eine Person alleine auf der Fläche) nahm das Ganze seinen Lauf.

    Das Image hatte einen derben Kratzer erlitten, die Auswahl der Bücher wurde immer langweiliger und austauschbarer.

    Personelle Fehlentscheidungen gaben dann den Rest.

    Und das hatte mit der Insolvenz nichts zu tun. Auch die Jokers Schließungen der letzten Zeit (Regensburg, Augsburg, Bremen, Duisburg, Kiel und Göttingen) und die kommenden Schließungen (Mainz, Leipzig, Bonn, Heidelberg) haben nichts mit der Insolvenz zu tun.
    Ist alles schon längst beschlossene Sache ... bis 2016 sollte doch eh der Großteil der Weltbild und Jokers Filialen dicht gemacht werden.

  • buchhändlerin

    buchhändlerin

    Dem Kommentar von Frau Evertz kann ich nur zustimmen,
    bei der Schließung von Zeilenreich standen die Kunden
    bei mir im Laden und beschwerten sich, daß sie nicht
    informiert wurden. Etliche sind inzwischen Kunde bei
    mir geworden, die meisten wollten aber gar nicht mehr
    beim Club bleiben und haben gekündigt.

  • buchhändlerin

    buchhändlerin

    In der neuen Westfpfählischen Zeitung steht ein Artikel
    über den drastischen Rückbau der Zeilenreich und
    Club-Filialen und der Gründung von zwei Transfergesell-
    schaften.

    • ...

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