Gleichberechtigung in der Fantasyliteratur

Klischeefreie Zone

Über Gleichberechtigung und alte Rollenbilder wird gerade neu verhandelt – in der Politik wie in der Phantastik. Science-Fiction und Fantasy bieten Autorinnen und Autoren alle Möglichkeiten, Geschichten jenseits der altbekannten Klischees zu erzählen. LAURA FRANZ

"Die phantastische Literatur hat schon immer Themen der Gesellschaft widergespiegelt", sagt Jennifer Jäger, Fantasylektorin bei Knaur. "Diskussionen über Gleichberechtigung prägen zurzeit die sozialen Netzwerke. Das findet sich dann auch in den Büchern wieder."

Bei Knaur etwa mit der im August erschienenen Taschenbuchausgabe von N. K. Jemisins "Zerrissene Erde" (496 S., 14,99 Euro) – ein Buch, das sich mit Rassismus und der Rolle der Frau auseinandersetzt. Jäger beobachtet in diesem Kontext zudem, dass sich mehr Autorinnen in der Phantastik etablieren. "Lange Zeit erwarteten die Verlage von Frauen romantische Geschichten. Schriftstellerinnen mit härteren Stoffen galten als unvermittelbar." Das ändere sich gerade – und mit den Autorinnen kommen starke weibliche Charaktere.

Gleich zwei Heldinnen gibt etwa "Das Reich der zerbrochenen Klingen" (Juli 2019, 544 S., 14,99 Euro) eine Plattform, Anna Smith-Sparks' blutiger und ­actionreicher Roman aus dem Hause Knaur.

Doch nicht nur die Emanzipation der Frau, auch die Beziehungskonstella­tionen werden neu verhandelt. "Ganz besonders die Phantastik bietet hier die Möglichkeit, Altes infrage zu stellen und neue Perspektiven zu erforschen", sagt Kathrin Dodenhoeft, Verlagsleiterin bei Feder & Schwert. Sie beobachtet, dass homosexuellen Charakteren zunehmend wichtigere Rollen eingeräumt werden. "Leider geschieht das aber insbesondere bei großen Verlagen immer noch zu selten", moniert sie – und steuert dagegen: "Wir suchen gezielt nach Titeln, die von Klischees abweichen."

Mit dem ersten Band von Charlaine Harris' Trilogie "An Easy ­Death" erscheint bei Feder & Schwert im Juni 2019 die deutsche Erstübersetzung einer Geschichte um Söldnerin und Revolverheldin Gunnie Rose – "ei­ne im besten Sinne starke, unkonven­tionelle und auch mal unsympathische Frauenfigur", wie Dodenhoeft meint.

Pipers Fantasy­lektor Carsten Polzin sieht die Sache anders: Für ihn gehört die klassische Rollenverteilung à la "Held rettet Prinzessin" längst der Vergangenheit an. "Gerade in der Fantasy gibt es seit den 70er Jahren eine starke feministische und gesellschaftspolitische Strömung", betont er. Piper habe bereits 2004 Romane der Amerikanerin Fiona Patton veröffentlicht – High Fantasy mit homosexuellen Protagonisten. Im Frühjahr sei zudem mit Benjamin Rosenbaums Science-Fiction-Roman "Die Auflösung" (368 S., 20 Euro) ein spannendes Werk erschienen, das in einer Zukunft spielt, in der sich Geschlechter­grenzen komplett aufgelöst haben.

Auch Fischer Tor hat Platz für experimentelle Fantasy- und Science-Fiction-Literatur: "Es ist toll, dass das subversive Potenzial der Phantastik immer mehr genutzt wird", so Programmleiter Hannes Riffel. Im Frühjahr hat er mit "Die Beschwörung des Lichts" (720 S., 12 Euro) V. E. Schwabs "Weltenwan­derer"-Trilogie abgeschlossen, die sich einfühlsam mit alternativen Geschlechterbeziehungen auseinandersetzt. "Selbst ein alter Hase wie Bernhard Hennen thematisiert in seiner aktuellen Trilogie 'Die Chroniken von ­Azuhr' die Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern auf brisante Weise. Wir leben in spannenden Zeiten!"

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1 Kommentar/e

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  • Céline

    Céline

    Toll! einfach wunderbar. Es ist das was ich schon seit Jahren den ganzen Fantasy und Sci-Fi Kritikern sagen möchte. Ich Lese die Bücher nicht um von dieser Welt zu fliehen (nicht nur) sondern auch um die Gesellschaft besser zu verstehen. Manchmal sieht man nur, wie albern etwas ist, wenn man es auf einen anderen Planeten stellt.

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