Interview mit àbac-Verleger Daniel Polo

"In Spanien ertrinken wir in Katzen"

Der àbac Verlag aus Barcelona veröffentlicht Bücher auf dem deutschen Markt. Viele Titel sind Lizenzen spanischer Neuerscheinungen. Im Gespräch erläutert Verleger Daniel Polo, welche Bücher und Stoffe in Spanien funktionieren und welche in Deutschland.  INTERVIEW: NICOLA BARDOLA

Das àbac-Team: Aina Pedret, Daniel Polo und Judit Bover

Das àbac-Team: Aina Pedret, Daniel Polo und Judit Bover © àbac

Bereits mit dem dritten Programm wurden in kurzer Zeit zwei Titel Ihres Verlags als “Beste 7” des Deutschlandfunks ausgezeichnet: „Die blaue Bank“ und „Rosabella“, beide für Kinder ab sechs Jahren. Wie wählt Ihr Verlag die Sujets aus?

Da wir Bücher sowohl für Erwachsene als auch für Kinder als Mittel zum Lernen und auch als Mittel zur Freizeitgestaltung begreifen, sollte der perfekte Titel für uns beide Ziele erfüllen. Deshalb haben wir eine Vorliebe für Bücher entwickelt, die eine nette und lustige Geschichte (oder eine Sammlung von Kurzgeschichten) als Träger für ein pädagogisches Ziel verwenden. Wir legen großen Wert auf Titel, die die emotionale Entwicklung von Kindern unterstützen, da dies einer der Hauptschwerpunkte in der modernen Vorstellung von Erziehung darstellt, welche gegenwärtig in den Schulen und in der Gesellschaft vorherrschen. So können Sie von uns viele Titel über Empathie, Freundschaft, Gefühle, Solidarität, Liebe, Identität, Toleranz erwarten, sogar über Nonkonformität und Opposition, wenn nötig.

Welche Themen gehen in Deutschland gut und welche in Spanien?
Das ist eine schwierige Frage. Theoretisch sollte man in beiden Ländern ein ähnliches Interesse für jedes Thema erwarten, denn Eltern und Lehrer unserer heutigen Kinder und damit die Kinder selbst leben und lernen in einem gemeinsamen kulturellen Rahmen, d. H. dem einer europäischen, westlichen Demokratie. Aber dann gibt es diese ganz eigenen Entwicklungen und spezifischen Traditionen jedes Landes, und darüber hinaus noch die Tatsache, dass man in einer Marktwirtschaft lebt, die weder einfache noch lang bestehende Theorien begünstigt, sondern plötzliche Trends. Diese sind leicht auszumachen: Im letzten Herbst war die Halle der deutschen Verlage in Frankfurt von Einhörnern überflutet. Das ist in Spanien (noch) nicht der Fall, weil wir in Katzen „ertrinken“, während die Franzosen einen beachtlichen Überfluss an Wölfen vorweisen können.  Welche Unterschiede sehen Sie abseits von der Tierwelt? Auf dem deutschen Mainstream-Markt lässt sich eine klare Präferenz für "Inhaltstitel" erkennen, und in der Tat haben die Deutschen hervorragende Produkte in diesem Segment. In Spanien importieren wir diese hauptsächlich, wobei Deutschland eine der Hauptquellen ist. Im Gegensatz dazu sehe ich in Spanien eine größere Bandbreite an Geschichten und ästhetischen Titeln. Auch wenn der Markt global ist, haben die lokalen Spezialisierungen auf bestimmte Themen immer noch Auswirkungen auf die Art von Titeln, die in die Buchhandlungen und damit in die Häuser der Kunden gelangen.

 

Was überrascht den spanischen Verleger an deutschen “Inhaltstiteln”?
Ich habe einige sehr spezifische Präferenzen für Themen entdeckt. In der deutschen Öffentlichkeit sehe ich großes Interesse an sozialen Themen wie beispielsweise für Titel, die sich mit gender-Fragen befassen (z.B. der Umkehrung der erwarteten Rollen zwischen Männern und Frauen). Aber ich kann nicht sagen, ob dies ein langfristiger oder neuer Trend ist. Seltsamerweise erregt alles, was mit Tieren zu tun hat, in Deutschland viel mehr Aufmerksamkeit, was mir merkwürdig erscheint, weil ich dafür keine offensichtliche Erklärung finde. Obwohl die Deutschen ein starkes ökologisches Bewusstsein haben im Gegensatz zu den Spaniern, ist das sicherlich nicht der richtige Ansatz. Es wirkt eher so, als ob der Fokus nicht auf den Tieren selbst liegt, sondern darauf, die Tiere menschliches Verhalten annehmen zu lassen, um so zu vermeiden, Menschen darstellen zu müssen, die menschliche Dinge tun. Das ist zwar ein üblicher Trick bei Titeln für kleine Kinder, aber ich habe den Eindruck, dass er in Deutschland ein wenig überstrapaziert wird: Schauen Sie sich nur die Verkaufsrangliste an und Sie werden erkennen, wie schwer es ist, Menschen auf den Covern von Titeln zu finden. Ich habe unsere Backlist überprüft. Es befinden sich fast überall Menschen auf den Umschlägen. Wie beurteilen Sie nationale Differenzen in ästhetischer Hinsicht? Was die Durchdringung des Marktes betrifft, kann das "Geschenkpapier" wichtiger sein als der Inhalt. Es gibt ein Klischee darüber, dass der deutsche Markt der "modernen Ästhetik" gegenüber abgeneigt ist, was ich ziemlich unfair finde. Bei Mainstream-Titeln kann man in den größten europäischen Märkten sehr ähnliche Trends beobachten. Die Diskussion wird interessanter, wenn man sich die Randprodukte, die Nischen, ansieht: Dort findet man unterschiedliche, dominant ausgeprägte Ästhetiken, die eindeutig aus der künstlerischen Geschichte eines jeden Landes resultieren. In dieser Hinsicht finde ich, dass deutsche und spanische Illustratoren ziemlich nah beieinander liegen in ihren ästhetischen Ausprägungen, mit einer Dominanz romantischer Wurzeln ("magischer Realismus" in Spanien) und sicherlich weit weg vom abstrakteren oder sogar surrealistischen Geschmack französischer Autoren.

 

Wie wirken sich die Mentalität, das Temperament und die Sehgewohnheiten aus?
Vielleicht können wir aufgrund unserer kurzen Erfahrung in Deutschland noch nicht viel über eklatante Unterschiede in dieser Hinsicht berichten. Vielleicht liegt es auch daran, dass keine unserer beiden Gesellschaften wirklich homogen ist und man daher in beiden Märkten fast alle Arten von Titeln und Ansätzen finden kann, besonders wenn man über den Mainstream hinausschaut. Das ist in der Tat eine gesunde Eigenschaft moderner, heterogener Gesellschaften: Man kann Interesse für jeden qualitätsvollen Titel erzeugen, unabhängig vom Thema, wenn man bereit ist, den Preis dafür zu zahlen, nicht den Weg des "Mainstream" einzuschlagen. Diese Diversität macht es sehr schwierig, unterschiedliche Merkmale zu finden.

Das klingt fast so, als seien die Märkte austauschbar.
Lassen Sie mich eine flüchtige Hypothese vorschlagen, die beim Nachdenken über die unterschiedlichen Mentalitäten aufkommt. Wahrscheinlich wissen Sie, dass Deutschland aus spanischer Sicht als das "Modell" für viele Dinge angesehen wird. Aber es gibt da eine herausragende Ausnahme zu diesem Trend: das Bildungssystem. In der Tat ist es sehr umstritten für uns Spanier, vor allem wegen der frühen Trennung der Laufbahnen und Erwartungen, wenn die Kinder nur zehn Jahre alt sind (bei der Wahl zwischen Hauptschule, Realschule, Gymnasium). Wir glauben, dass der "echte" Wettbewerb für Kinder und ihre Familien während der Grundschulzeit zu früh ist, und vielleicht könnte dies hinter dieser Überpräsenz von "Inhaltstiteln" auf dem deutschen Markt stecken, die wir zuvor kommentiert haben. Diese Bücher bilden Kinder in "harten Fächern", die traditionell in die Schulbenotung einbezogen werden, im Gegensatz zu Geschichten, Kunst, Emotionen oder Phantasie, so dass es so wirkt, als ob viele Familien sie als eine Hilfe betrachten könnten, um ihre Kinder auf ein Gymnasium vorzubereiten. Wie bereits angemerkt, ist dies nur eine flüchtig angestellte Hypothese, die aus einer Mischung von Eindrücken resultiert – sowohl als Verleger als auch als Elternteil.

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