Interview mit Frank Thelen

"Ich werde nicht in die Buchbranche investieren"

Von Pizza ohne Kohlenhydrate (Lizza) bis zum senkrecht startenden Jet (Lilium) reichen die Investments von Frank Thelen. Richtig bekannt wurde der Unternehmer und Investor durch die Vox-Serie "Die Höhle der Löwen". Am Montag, 27. August, erscheint im Murmann Verlag seine Autobiografie "Startup-DNA. Hinfallen, Aufstehen, die Welt verändern". INTERVIEW: SABINE VAN ENDERT

Frank Thelen im Gespräch mit Börsenblatt-Redakteurin Sabine van Endert

Frank Thelen im Gespräch mit Börsenblatt-Redakteurin Sabine van Endert

Mit 42 Jahren hast du nun deine Lebensgeschichte vorgelegt. Ist das nicht etwas früh?
Ich bin 42 Jahre alt, aber ich fühle mich deutlich älter. Was ich in den vergangenen 25 Jahren an unfassbaren Höhen und Glück, aber auch an extremen Niederlagen erleben durfte, ist schon immens. Das wollte ich für alle, die sich für Gründer und Start-ups interessieren, einmal strukturiert aufschreiben.

Du schreibst nicht nur über Erfolge, Misserfolge und Liebe – ein ganzes Kapitel dreht sich um deine Frau Nathalie  - du erklärst auch Begriffe wie Blockchain, Due-Diligence-Prüfung oder Pivot-Planung. Wie kam es zu dieser Mischung aus Autobiografie und Sachbuch?
Mir war schnell klar: Man muss diese Begriffe verstehen, um mein Leben zu verstehen. Damit sich das Buch nicht holprig liest, haben wir die Erklärungen in Info-Kästen verpackt. Und weil es mir wichtig war, mein Leben authentisch und ehrlich abzubilden, gehört meine Frau Nathalie dazu.

Wie groß ist dein Schreibanteil?
Das Buch ist mein Herzensprojekt. Ich war am Anfang mit einer großen Verlagsgruppe darüber im Gespräch; für Murmann habe ich mich entschieden, weil ich eine besondere Autobiografie wollte. In große Strukturen mit Standardwegen passe ich nicht rein. An diesem Buch hat ein Zehn-Mann-Team gearbeitet; ich selber habe jedes Kapitel aufgebaut und geschrieben.

Die Buchbranche redet intensiv über funktionale Analphabeten, du redest mehr über digitale Analphabeten. Muss jeder Anwender auch programmieren können?
Wir alle haben in der Schule Physik gelernt, aber deshalb würden wir uns nicht als Physiker bezeichnen, oder? So ist es mit dem Programmieren auch. Man sollte zumindest wissen, wovon die Rede ist. Denn wie kann es sein, dass von der Kaffeemaschine bis zum Auto unsere komplette Welt mit Software funktioniert und wir Kinder ausbilden, die das nicht verstehen? Stattdessen lernen sie Latein und Altgriechisch.

Der Buchmarkt verliert kontinuierlich Leser. Weißt du ein Rezept dagegen?
Mit Murmann sind wir komplett neue Wege gegangen. Zum Beispiel haben wir das Cover nicht schon Monate vorher präsentiert, wie das sonst üblich ist. Das Buch ist mein Produkt, wie ein iPhone, das wird erst zum Verkaufsstart gezeigt. Ich habe auch mit jedem Vertriebspartner persönlich gesprochen. Es gibt viel, was in der Buchbranche seit langem akzeptiert wird, ohne dass es jemand hinterfragt. Mit Passion, Herzblut und Startup-DNA kann man Dinge groß herausbringen.

Gibt es deine Autobiografie auch als E-Book?
Ich liefere eine Experience, in jeder Ausgabeform. Beim Buch haben wir das hochwertigste Papier und den besten Umschlag genommen, im Digitalbereich wurde WhisperSync umgesetzt, beim E-Book habe ich unter anderem mehr Fotos in das Buch gepackt. Diese Liebe zum Detail sehe ich in der Buchbranche nicht oft.

Die ist aber da! Die meisten Bücher werden mit der Liebe ihrer Verleger gemacht. Das Hauptaugenmerk liegt aber auf dem Inhalt.
Typisch Deutschland! Großartige Ingenieure, großartige Dichter und Denker. Was wir lernen müssen, ist die Vermarktung. Ich will keinen Marktschreier, aber Begeisterung und Storytelling gehören zum Verkaufen dazu. Ein guter Text reicht nicht.

Würdest du in einen Buchverlag investieren?
Daran hätte ich sicher Freude, aber ich habe im Moment andere Themen. Ich konzentriere mich auf Künstliche Intelligenz, Blockchain, Quantencomputing, Drei-D-Druck, E-Transportation und Energierevolution, damit habe ich mehr als genug zu tun. Hobbys wie die Fernsehshow "Die Höhle der Löwen" oder meine Autobiografie haben mich meine Nächte und Wochenenden gekostet. Jetzt ist es gut – ich werde nicht tiefer in die Verlagsbranche einsteigen.

Die Techies der Buchbranche sprechen von gedruckten Büchern übrigens gern als "Totholz".
Meine Autobiografie und viele andere Bücher auch – das ist Luxus und Entertainment. In diesem Fall ist Papier alles andere als tot. Wir haben sowieso zu viel Screentime. Ich kaufe heute alle Bücher, die ich lese, in Papierform.

Du erwartest von Gründern, 24/7 für ihr Unternehmen da zu sein. Kann man auch Ideen haben, gründen und ein Unternehmen aufbauen, ohne seine Gesundheit zu ruinieren?
Ich mag ich es einfach nicht, wenn Leute denken, Start-up ist lustig und cool. Nach dem Motto: Im Job muss ich pünktlich sein, in meinem eigenen Unternehmen kann ich kommen und gehen wann ich will. So läuft das nicht. Ich habe ein Unternehmen aufgebaut und betreue viele Unternehmen sehr intensiv. Da gibt es keinen Urlaub.

Wie lange hast du als CEO keinen Urlaub gemacht?
Bestimmt 20 Jahre. Ich sage ja nicht, dass jeder diesen Weg gehen sollte. Aber das ist der Weg zu einem erfolgreichen Unternehmen. Man muss sich überlegen: Bin ich in der Lebensphase, in der ich mir das zumuten kann. Ich selber bin vor einiger Zeit aus dem aktiven Management zurückgetreten.

Dein Vorbild Elon Musk wird von der Presse gerade als tablettenabhängiger Workaholic geoutet.
Elon Musk hat im Interview gesagt, dass er unter Druck steht, weil er für sein Produkt kämpft. Und dass ihn sein Geburtstag  weniger interessiert als die Model-3-Produktion. Es nervt mich, dass die Presse von Tablettenabhängigkeit schreibt, während Musk über Schlaftabletten redet. Weißt du, wie viele Deutsche Schlaftabletten nehmen? Er spricht darüber, weil er ein vernünftiger, offener Kerl ist. Musk bringt die E-Autos auf die Straße und wir sollten ihn dafür loben. Aber was passiert: Die Leute "gehen short" (Leerverkauf von Wertpapieren, Anm. d. R.) und rauben damit einem der wichtigsten Köpfe, den wir haben, Zeit. Ich habe sehr viele Tesla-Aktien und mir ist egal wo die stehen, weil ich weiß, dass Tesla langfristig ein großartiges Unternehmen wird. Bei BMW oder Volkswagen sollte vielleicht auch einmal jemand so sehr an seinem Produkt hängen, dass er ab und zu Schlaftabletten braucht um abzuschalten.

Eine Frage zum Schluss: Manche Ideen bei "Die Höhle der Löwen" (DHDL) sind unfassbar schlecht. Die schaffen es nur wegen des Unterhaltungswerts in die Show, richtig?
Wir "Löwen" kennen die Deals vorher nicht und haben auch keinen Einfluss darauf. Ich selber ärgere mich über schlechte Produkte, weil ich meine, man könnte die Zeit besser stärkeren Gründern geben. Am Ende ist die Sendung eine Mischung aus harter Wirtschaft und Entertainment – das ist das Erfolgsrezept.

Und welches ist dein DHDL-Lieblingsprodukt?
Ankerkraut, ein Gewürzhersteller, in den ich auch investiert habe.

Was mich noch interessieren würde: Warum hat Dawanda dicht gemacht? Die Plattform schien doch so enorm erfolgreich?
Nein, sie kann nicht erfolgreich gewesen sein. Erfolgreich ist, wer überlebt. Entweder wird positiver Cashflow generiert oder das Unternehmen erhält Wagniskapital, weil die Zukunftsaussichten gut sind. Wenn ein Unternehmen seinen Betrieb einstellt, dann konnte es sich am Markt nicht positionieren und ist eben nicht erfolgreich. Über die Hintergründe von Dawanda kann ich nichts sagen.

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9 Kommentar/e

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  • Seufz

    Seufz

    Wir sollen programmieren lernen, nicht Latein und Altgriechisch? Diese Aussage ist einfach nur traurig.

  • Max Fischer

    Max Fischer

    Ich fühle mich lieber nicht 25 Jahre älter und nehme mir auch Auszeiten und Urlaub, leider werde ich so kein Startup-Gründer... Vielleicht aber auch nicht tablettenabhängig

    Ach so, natürlich habe ich auch meine Zeit mit Altgriechisch und Latein verschwendet ;-)

    Unglaubliches Interview!

  • Phil Jangshar

    Phil Jangshar

    Ohne näher drauf einzugehen, erfüllt Thelen ziemlich viele Klischees, was man über solche Nerds sagt. Und diese sind nicht so positiv, wie es zuweilen bei Sheldon Cooper rüberkommt. ;-)

    Zum Autor des Artikels, wer schreibt sollte auch Recherche betreiben, es gibt keine Pizza ohne Kohlenhydrate, low carb ja, aber nicht komplett, wie es hier im Artikel steht.

  • Jürgen Schulze

    Jürgen Schulze

    So so... Inhalte und Qualität sind also egal solange nur die Vermarktung stimmt.

    Das sagt schon alles.

  • Robert S. Plaul

    Robert S. Plaul

    Ich finde es immer sehr schade, wenn Forderungen im Bildungsbereich auf der Ebene »Lernt C statt Altgriechisch« ausgetragen werden, nicht nur, weil Altgriechisch ja nun wahrlich nicht überall unterrichtet wird. Ich bin absolut der Meinung, dass in Schulen ein Grundwissen um die Technik von Computern und Netzwerken vermittelt werden sollte (und nicht bloß der »Umgang mit Computern und dem Internet«). Aber umgekehrt halte ich auch die Vermittlung von Grundlagen zur »Funktionsweise« von Sprache und Grammatik für wichtig (was mit Latein ganz ausgezeichnet klappt).
    Aber, siehe da, die Lösung ist schon da: An Schulen gibt es üblicherweise mehrere Schulfächer, die unterschiedliche Themen behandeln können! Also kein Grund, sich zu streiten.

  • Techie

    Techie

    @ Jürgen Schulze
    "Es kommt nicht nur auf den Inhalt an." Das hat er gesagt.

  • Donata Kinzelbach

    Donata Kinzelbach

    Ob er das selbst glaubt?
    Leben ist JETZT!

  • Fritz Iff

    Fritz Iff

    Man kann sich leicht über das etwas naiv wirkende Interview belustigen. Aber als Verfahrensmodell ist die neuartige Verlagsauffassung von Murmann schon interessant. Bücher nicht mehr als große Summa eines Autors/einer Autorin begriffen, sondern als marktorientierter Paid-Content, redaktionell erarbeitet, eher wie die Produktion eines Magazins. Die Kollaboration ist wichtiger als das Ingenium des Verfassers. Und der Verlag ist in der Produzentenrolle, wie Filmproduzenten. "High-Concept"-Bücher, sozusagen.
    Ist natürlich gut machbar, wenn der Name auf dem Titel selbst schon das Zielpublikum mitbringt. Ansonsten wäre ich mir nicht sicher, ob die höheren internen Kosten sich immer lohnen.

  • Gachmuret

    Gachmuret

    Es gibt natürlich einen viel entscheidenderen Grund für Thelen, nicht in die Buchbranche zu investieren: Die Wachstumsraten, wenn es denn welche gibt, sind für Risikokapital einfach uninteressant. Das ist auch OK so.

    Leise vor mich hin kichern muss ich aber doch, wenn ich lese, dass er das Geheimnis um sein Buchcover auf eine Stufe mit einem iPhone-Release stellt. Denn einerseits unterscheidet es sich vom Vorab-Cover jetzt doch im Wesentlichen nur durch den Gesichtsausdruck und zum anderen: Eine Autobiographie, auf deren Cover ein großes Bild des Autors zu sehen ist - wow, wenn das mal nicht ein kreativer Geniestreich ist. Da hat sich das gespannte Warten richtig gelohnt. :)

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